Stefan Reinartz, was bedeutet Fuß­ball für Sie?

Stefan Reinartz: Ich habe Fuß­ball immer zum Spaß gespielt. Es ist ein schöner Gemein­schafts­sport. Des­halb bin ich wohl auch nicht beim Tennis gelandet. 



Die Anfänge ihrer Kar­riere liegen auf dem Ten­nis­court?

Stefan Reinartz: Nein, nein, ich habe auf dem Land ange­fangen zu kicken. Ganz kl klas­sisch bei meinem Dorf­verein namens Hei­li­gen­hauser SV. Da habe ich fünf Jahre gespielt ehe ein Lever­ku­sener Talents­cout auf mich auf­merksam geworden ist. Ich war sogar schon beim Pro­be­trai­ning, aber wurde leider nicht ange­nommen. Danach war ich ein Jahr in Ber­gisch-Glad­bach und wurde kurio­ser­weise wieder von einem Bayer-Talents­cout beob­achtet. Diesmal war ich wohl gut genug, denn sie haben mir genommen. 

Lever­kusen fand Sie quasi auf dem zweiten Bil­dungsweg.

Stefan Reinartz: Ach was, da war ich zehn. Seitdem habe ich bei Bayer gespielt, bis zur A‑Jugend. Als der Sprung zu den Profis nicht im ersten Anlauf funk­tio­niert hat, wurde mir klar, dass ein Aus­leih­ge­schäft Sinn machen würde. Eigent­lich war die Aus­leihe nach Nürn­berg auf andert­halb Jahr aus­ge­legt, aber nachdem wir direkt in die Bun­des­liga auf­ge­stiegen sind und es auch bei mir sehr gut lief, wollte Lever­kusen mich schon nach einem halben Jahr zurück­haben. Also habe ich 09/10 bereits meine erste Bun­des­liga-Saison für Bayer gespielt.

Was war der ent­schei­dende Faktor, damit Sie zum Profi werden konnten?

Stefan Reinartz: Ab der A‑Jugend war es das erste Mal so, dass nicht nur meine Eltern, Freunde und der Trainer bei den Spielen standen, plötz­lich ist da auch ein Berater, der sich ein­mischt. Für mich war das sehr wichtig, um über­haupt den Schritt nach Nürn­berg zu machen. Ohne ihn wäre das Ganze kaum mög­lich gewesen. Du brauchst schließ­lich einen, der so einen Wechsel mit den Ver­einen ein­fä­delt.

Dabei wird den Bera­tern von Ver­eins­seite gerne die Rolle der bösen Buben zuge­schoben.

Stefan Reinartz: Das ist sicher auch ein biss­chen Lot­terie. Ich war damals in der U‑Nationalmannschaft und da kriegst du schon alle paar Wochen Anrufe, weil die Berater natür­lich regis­trieren, dass man ordent­lich spielt und noch keinen Berater hat. Dann triffst du dich mit denen viel­leicht zweimal und musst dich auch schon ent­scheiden, wer der rich­tige ist. Und sich in diesen paar Gesprä­chen gut zu ver­kaufen, das kriegen die Berater fast alle hin.

Letzt­end­lich war die Aus­leihe nach Nürn­berg für Sie der ent­schei­dende Schritt nach vorne.

Stefan Reinartz: Ja, das war sehr wichtig. Es ist als Eigen­ge­wächs immer schwierig, sich im eigenen Stall durch­zu­setzen. Klar gibt es auch Bei­spiele von Jungs, die es gepackt haben und direkt durch­ge­schossen sind, zum Bei­spiel Bad­stuber und Müller bei Bayern Mün­chen oder eben bei uns Castro und Adler. Aber da spielen viele Fak­toren mit rein: Man braucht den rich­tigen Trainer, aber auch das Quänt­chen Glück, direkt einen guten Ein­druck zu machen, wenn man seine Chance bekommt. Ich hatte bei meinem dama­ligen Trainer Bruno Lab­badia eben keine Mög­lich­keit erhalten, mich zu beweisen. 

Sie ver­danken den schnellen Sprung in die erste Mann­schaft einem schlichten Trai­ner­wechsel in Lever­kusen?

Stefan Reinartz: Ich weiß nicht, ob ich in meinem letzten A‑Jugend Jahr den direkten Sprung geschafft hätte, wenn Jupp Heynckes schon Trainer gewesen wäre. Viel­leicht hätte er mich als ordent­li­chen Spieler gesehen. Aber ich bin mir nicht sicher, ob ich zu dieser Zeit selbst über­haupt schon weit genug war. Für mich war Nürn­berg der Schlüs­sel­mo­ment, auch wenn es nur ein halbes Jahr war. Aber die Erfah­rung war wichtig: mich in einem neuen Umfeld zu beweisen, Spiel­praxis zu sam­meln. 

Wann war dieser Moment, in dem Sie dachten: Ey, das kann wirk­lich klappen mit dem Pro­fi­fuß­ball“?

Stefan Reinartz: So ein spe­zi­elles Aha-Erlebnis hatte ich nicht. Man rutscht eher in den Job hinein. Es war eigent­lich nie mein ganz großer Traum, Pro­fi­fuß­baller zu werden. Ich habe Fuß­ball vor allem zum Spaß gespielt. Aber klar, wenn es gut läuft, beschäf­tigt man sich irgend­wann damit. 

Sie haben nie mit Mann­schafts­kol­legen von der großen Kar­riere geträumt?

Stefan Reinartz: Ich kann mich noch sehr gut an das A‑Ju­gend-Finale 2007 gegen Bayern Mün­chen erin­nern. Da haben wir uns schon über­legt, ob es wohl ein oder zwei von uns bis zum Profi schaffen – und viel­leicht ein oder zwei von Bayern. Das wäre von der Sta­tistik her wahr­schein­lich gewesen. Im End­ef­fekt sind dann 16 Profis aus diesem Finale her­vor­ge­gangen. Aber dass ich selbst dazu gehöre, wurde mir erst bewusst, als ich mit dem Kulli vor meinem ersten Pro­fi­ver­trag saß.

Was geht einem durch den Kopf, wenn man diesen ersten Ver­trag unter­zeichnet? Etwas: Puh, das Gröbste habe ich hinter mir!“

Stefan Reinartz: Nein, über­haupt nicht. Vom Ver­dienst her ist es kein großer Unter­schied zu einem guten Ama­teur­ge­halt. Der Ver­trag selbst bringt dir vor allem einen Vor­teil: Du kannst jeden Tag mit den Profis trai­nieren. Nur das hilft dir wirk­lich weiter. Außerdem sagt man ja, dass das zweite Jahr immer schwerer wird als das erste. 

In dieser zweiten Saison spielten Sie mit Lever­kusen in der Europa League, in der nächsten winkt sogar die Cham­pions League. Wie groß ist der Sprung von zweiter Liga ins inter­na­tio­nale Geschäft wirk­lich?

Stefan Reinartz: Auch das ging ja nicht von null auf hun­dert bei mir. Letztes Jahr war hier in Lever­kusen auch nur Bun­des­liga ange­sagt. Ich bin Schritt für Schritt gegangen: Auf­stieg mit Nürn­berg, eine erste, gute Bun­des­li­ga­saison mit Bayer, in diesem Jahr die ersten Erfah­rungen in der Europa-League.

Das Schritt-für-Schritt-Prinzip passt zu Ihrem Klub. In der letzten Saison hat Bayer in diesem Takt erst die Meis­ter­schaft, dann Platz zwei und kurz vor Schluss sogar noch die letzte Chance auf den dritten Platz ver­spielt.

Stefan Reinartz: Ich weiß nicht, ob das so eine Krank­heit hier in Lever­kusen ist, am Ende immer die Spiele zu ver­dad­deln. Ich per­sön­lich kann mir nicht erklären, was da abge­laufen ist. Der Trainer und das Manage­ment haben es so gedeutet, dass unser Kader nicht breit genug war. Aber in der Hin­runde sind wir vom Kader her teil­weise auch auf dem Zahn­fleisch gegangen und haben die Spiele trotzdem gewonnen. In der Rück­runde hat das auf einmal nicht mehr geklappt. Es kam viel Pech hinzu, Aus­fälle, die Gelb­sperren für unsere zen­tralen Spieler. Warum wir das in der Hin­runde kom­pen­sieren konnten und in der Rück­runde nicht, ist mir bis heute ein Rätsel. 

Dafür gibt es ein geflü­geltes Wort: Vize­kusen, eine iro­ni­sierte Rolle, in der sich Bayer ganz wohl zu fühlen scheint. Hand aufs Herz, wie hoch ist die Titel-Sehn­sucht in Lever­kusen?

Stefan Reinartz: Ich bin jetzt knapp zehn Jahre hier und habe leider noch nichts gewonnen. Mein Ein­druck ist, dass die Sehn­sucht hier im Umfeld schon sehr groß ist. Und in diesem Jahr gab es auch wieder die Erwar­tungs­hal­tung, in einem der drei Wett­be­werbe was zu holen. Ich denke, das war auch berech­tigt. Wir haben ein starkes Team und müssen uns am Ende an diesen Erwar­tungen messen lassen. 

Anmer­kung: Das Inter­view wurde im Rahmen der Dreh­ar­beiten zur DVD Haupt­sache Fuß­ball – Junge Profis auf dem Weg ins Spiel“ geführt (seit dem 25. März im Handel). Wei­tere Infos auf: www​.haupt​sa​chefuss​ball​-film​.de.

Viele Nach­wuchs­trainer gestehen, wie sehr Spieler-Eltern nerven, die sich schon wäh­rend der Jugend­zeit als Ersatz­trainer auf­führen. Kennen Sie dieses Pro­blem?

Stefan Reinartz: Hier in Lever­kusen setzt man sich auch damit aus­ein­ander und hat klare Richt­li­nien ent­wi­ckelt. Da gibt es sowas wie Eltern­abende, bei denen man die Eltern darum bittet, sich am Platz zu zügeln. 

Haben sich Ihre Eltern an diese nett gemeinten Anwei­sungen gehalten?

Stefan Reinartz: Mein Vater ist selbst Trainer und hat mich in Hei­li­gen­hausen auch trai­niert. Klar haben wir dann auch hier nach den Spielen immer geredet, aber wäh­rend der 90 Minuten hat er sich zurück­ge­halten und nicht her­um­ge­brüllt. Viel­leicht hätte er dann auch von Ver­eins­seite ein biss­chen auf die Finger bekommen (lacht). Und je pro­fes­sio­neller es wird, desto schwerer wird es dann auch für die Eltern, die Situa­tion ein­zu­schätzen. 

Sie haben den kom­pletten Nach­wuchs in Lever­kusen durch­laufen. Können Sie den aus­ge­zeich­neten Ruf dieser Abtei­lung bestä­tigen?

Stefan Reinartz: Wir haben sicher­lich eine recht harte Schule, allein von den Trai­ner­typen, die hier arbeiten. Selbst bei der D‑, C- und B‑Jugend waren schon ein paar harte Hunde dabei. Das ist nicht unbe­dingt üblich. Aber in Lever­kusen werden die Spieler tech­nisch sehr gut aus­ge­bildet und es gibt ein Umfeld, in dem man gut arbeiten kann. Den guten Ruf hat Lever­kusen also sicher zu Recht. 

Hat der für Sie damals den Aus­schlag pro Lever­kusen gegeben?

Stefan Reinartz: Nein, es hat sich nur ganz ein­fach sonst kein Verein bemüht (lacht). Es war halt ein Lever­ku­sener Talents­cout da – und keiner vom 1. FC Köln. Sonst hätte das auch in eine andere Rich­tung laufen können. Ich war in dem Alter noch relativ fle­xibel. Mit acht Jahren war ich sogar mal BVB-Fan. Das lag sicher auch am Cham­pions-League-Sieg damals. 

Im Rhein­land lebt man die Kon­kur­renz zu den Städ­te­nach­barn gerne aus. Gib es diese Riva­lität auf dem Platz über­haupt noch?

Stefan Reinartz: In der Jugend habe ich zigmal gegen den FC gespielt. Unter­ein­ander kannten sich die Spieler recht gut. Auch privat. Wir haben da eher vom Trainer und dem Umfeld ein­ge­trich­tert bekommen, dass es ein beson­deres Spiel zu sein hat. Im Pro­fi­be­reich sind es die Fans, die die Bri­sanz hin­ein­bringen. Wobei ein Derby zwi­schen Lever­kusen und Glad­bach längst nicht so intensiv ist. Da habe ich mit Nürn­berg-Fürth in der zweiten Liga eine ganz andere Nummer erlebt. Mir als Spieler ist es letzt­end­lich egal, gegen wen ich drei Punkte hole. Obwohl ich zugeben muss, dass man gegen den FC schon lieber gewinnt als gegen irgend­eine andere Mann­schaft.

Haben Sie sich jemals um einen Plan B geküm­mert, falls es mit dem Pro­fi­fuß­ball nicht geklappt hätte?

Stefan Reinartz: Ich habe mich damit natür­lich aus­ein­an­der­ge­setzt, als ich mein Abi in der Tasche hatte. Da stand die Frage im Raum: Stu­dierst du was? Aber das ist nicht so ein­fach, ich hatte eben erst meinen ersten Pro­fi­ver­trag unter­schrieben. Ich habe mir gesagt: Jetzt ver­suchst du es halt. Wenn es nicht klappt, kannst du in zwei Jahren immer noch stu­dieren.“ Das wäre auch gar nicht so dra­ma­tisch gewesen – andere machen auch erst ein frei­wil­liges soziales Jahr oder gehen zum Bund. Von daher hätte nicht mehr Zeit ver­loren.

Das klingt sehr locker.

Stefan Reinartz: Man muss sich schon klare Ziele setzen: Ich habe mir diese zwei Jahre Zeit gegeben. Das es bis hierhin geklappt hat, ist her­aus­ra­gend. Wenn es nicht funk­tio­niert hätte, hätte ich mich aber auch umori­en­tieren können. Wenn man sich über die eigene Zukunft gar keine Gedanken macht und statt­dessen 15 Jahre im Ama­teur­fuß­ball rum­gurkt, dann ist das sicher der fal­sche Weg. 

Dar­über hinaus kann jede Grät­sche das Kar­rie­re­ende bedeuten.

Stefan Reinartz: Dar­über denke ich nicht nach. Aber es ist ein wei­terer Grund, sich abzu­si­chern. Ich glaube, ich muss nicht Pro­fi­fuß­baller sein. Und wenn es eben wegen einer Ver­let­zung nicht mehr klappt, würde ich nicht den ganzen Tag wei­nend zuhause sitzen, son­dern etwas anderes finden, das mir Spaß macht. 

Zum Bei­spiel?

Stefan Reinartz: Mir geis­tern relativ viele Sachen im Kopf herum, die mich inter­es­sieren. Psy­cho­logie finde ich zum Bei­spiel span­nend. Wirt­schafts­psy­cho­logie, Mei­nungs­for­schung, Mar­ke­ting – alles Dinge, die ich inter­es­sant finde. 

Psy­cho­logie spielt auch beim Umgang mit sport­li­chen Rück­schlägen eine Rolle. Wie ver­ar­beiten Sie herbe Schlappen?

Stefan Reinartz: Wenn wir in der A‑Jugend mal sechs Stück bekommen haben, dann bekam man vom Trainer auf die Mütze und die Eltern und Freunde fragten zag­haft nach, was denn los war. Aber das war es dann auch. Wenn dir das in der Bun­des­liga pas­siert, kannst du dein Leben die nächsten zwei Tage ein­pa­cken; die Zei­tung darfst du sowieso nicht auf­schlagen. Nach sehr schlechten Spielen ist es für mich auch nicht so leicht – da denkt man schon mal zwei Tage danach, dass man nie wieder Fuß­ball spielen will. Zum Glück kommt dann auch schon schnell das nächste Spiel.

Sie sind in diesem Jahr zum ersten Mal für die Natio­nal­mann­schaft nomi­niert worden. Was läuft anders in diesem erlauchten Kreis?

Stefan Reinartz: Das ganze Drum­herum ist schon span­nend. Da läuft beim DFB schon dreimal so viel Per­sonal wie Spieler um dich herum. Und das Blitz­licht­ge­witter, wenn du nur ins Hotel gehst. Das ist eine andere Welt, aber auch ein schönes Erlebnis. Ich hoffe, dass ich die Chance in Zukunft noch einmal bekomme. 

Gibt es für Sie einen Verein, zu dem Sie nie wech­seln würden?

Stefan Reinartz: Nein. Das wäre unpro­fes­sio­nell, aber auch aus einem anderen Grund völ­liger Quatsch: Ein Verein ist etwas Abs­traktes, das man nicht im Ganzen sieht. Es kann sein, dass ein bestimmtes Manage­ment oder eine bestimmte Phi­lo­so­phie nicht zu einem passt. Aber im Fuß­ball ist eines ganz sicher: Per­sonal und Phi­lo­so­phien können sich sehr schnell ändern. 

Anmer­kung: Das Inter­view wurde im Rahmen der Dreh­ar­beiten zur DVD Haupt­sache Fuß­ball – Junge Profis auf dem Weg ins Spiel“ geführt (seit dem 25. März im Handel). Wei­tere Infos auf: www​.haupt​sa​chefuss​ball​-film​.de.