Vor kurzem saß ich mit einem Bekannnten zusammen, und wir redeten über den Video­be­weis im Fuß­ball. Inter­es­sant fand ich seinen Satz: Dann wird irgend­wann bei Kin­dern auf dem Bolz­platz auch nach dem Video­be­weis geschrien. Und Mama zückt das Smart­phone.“ Das brachte mich auf eine Idee: Die Gesetz­mä­ßig­keiten im Pro­fi­fuß­ball wird man nicht auf den Bolz­platz über­tragen können, aber wäre es nicht fas­zi­nie­rend, es mal anders herum zu ver­su­chen? Wenn der Bolz­platz nicht das Abbild des Großen, son­dern das Vor­bild wäre!

Der Fuß­ball hat schon viele absurde Vor­schläge für eine Erneue­rung des Spiels gemacht: Ver­grö­ße­rung der Tore, län­gere Spiel­zeit, die Ein­tei­lung in Drit­teln. Viel zu kurz gedacht. Auf den Bolz­plätzen dieser Welt gibt es eiserne Gesetze. Vom Piss-Pott“ bis zum flie­genden Tor­wart“ – das ist der Mas­ter­plan für die Profis. Ein Gedan­ken­spiel.

Fuß­ball-WM in diesem Sommer, Deutsch­land gegen Argen­ti­nien. Warum sollte ein so pro­faner Gegen­stand wie eine Münze ent­scheiden, wer anstößt? Wis­sen­schaftler haben nun sogar her­aus­ge­funden, dass der Münz­wurf das Elf­me­ter­schießen ent­scheiden kann. Der Ausweg: Piss-Pott“, eine Art High Noon“ der Mann­schafts­ka­pi­täne. Zwei Spieler stehen sich in unbe­stimmtem Abstand gegen­über und bewegen sich auf­ein­ander zu, indem sie immer wieder den einen Fuß unmit­telbar vor die Fuß­spitze des anderen setzen. Sobald sie sich gegen­über­stehen, muss einer von beiden dem anderen auf den Fuß treten und hat ver­loren. Denn jeder kennt die Bau­ern­regel zum Piss-Pott“: Schatz liegt unten“. Man stelle sich vor, wie Manuel Neuer und Lionel Messi das durch­ziehen, bis die Zuschauer jubeln und tri­um­phie­rend singen: Schatz liegt unten – scha­lal­a­lala!“

Löw lässt mit Flie­gendem spielen

Der psy­cho­lo­gi­sche Nach­teil für die im Piss-Pott“ unter­le­gene Mann­schaft ist enorm, auch wenn wis­sen­schaft­liche Erhe­bungen dazu noch aus­stehen. Noch schlimmer wird es für die Unter­le­genen, wenn man leis­tungs­schwache Spieler im Team hat. Die so genannten Luschen“, Fuß­ball-Leg­asthe­niker“ oder ganz ein­fach Fehl­würfe“, bei denen der Ball beim Stoppen weiter weg springt als beim Tor­schuss und die nur mit­spielen, weil sie den Ball mit­ge­bracht haben.

In dem Fall muss man spie­le­ri­sche Mängel mit aus­ge­buffter Taktik aus­bü­geln. Zum Bei­spiel mit dem flie­genden Tor­wart“, heißt: Der letzte Mann fängt den Ball, man spielt ohne echten Keeper. Herr Löw, mit wel­chem System wollen Sie die Spa­nier kna­cken? Wir spielen mit Flie­gendem.“ Genial.

Wer holt, der hat“

Wei­tere Regeln: Wer holt, der hat.“, Drei Ecken, ein Elfer“ und Fall­rück­zieher-Tore zählen dop­pelt“. Und weg mit dem Elf­me­ter­punkt — durch diverse Bolz­platz-Spiele weiß man, dass die rich­tige Ent­fer­nung einzig und allein durch Abschreiten und der Formel Ein Schritt gleich ein Meter“ erfolgen kann. Das führt dazu, dass ein Spieler fast spa­ga­tar­tige Schritte voll­zieht und der Elf­meter schluss­end­lich knapp hinter der Mit­tel­linie aus­ge­führt wird. Eng­land wäre begeis­tert.

Und jeg­liche Debatte um Füh­rungs­spieler wäre nicht mehr viru­lent. Denn wenn dann end­lich auf Jacken statt auf Tore gespielt wird, kommt es auf die an, die den Mund auf­ma­chen. Die­je­nigen, die etwas rufen, wenn der Ball nur mit einem Acht­zehntel des Umfangs den äußeren Rand der Jacke gestreift hat. Und zwar: Innen­pfosten drin.“ 

Das bedeutet: Wenn die Jacke ein Pfosten wäre, dann wäre der Ball vom Innen­pfosten ins Tor geprallt. Wider­spruch zwecklos, es kommt auf schnelle Rufe an. Genauso wie: Erster alles.“ Das bedeutet: Ich schieße alle Ecken, Elf­meter und Frei­stöße. Wider­spruch zwecklos. Der Spieler hat es halt als Erster gesagt – so und nicht anders werden Füh­rungs­spieler gemacht.

Bei­spiel Donald Trump

Es scheint sogar mög­lich, dass selbst Poli­tiker, bei­spiels­weise Donald Trump, auf diese Art Kar­riere gemacht haben. Und man sollte bei den nächsten Treffen von Trump und Angela Merkel mal genau darauf achten, ob man die beiden bei Sit­zungen im Kanz­leramt nicht beim Piss-Pott“ erwischt. Die Bolz­platz-Regeln werden sich durch­setzen — schon bald auch im Pro­fi­fuß­ball.

Hört sich alles ziem­lich krude an, oder? Aber betrachten wir zum Abschluss mal die irr­sin­nige Idee der Fifa, ein Golden Goal“ ein­zu­führen. Im Prinzip nichts anderes als eine Reak­tion auf die Spiele auf dem Bolz­platz, wenn die Laternen angehen und die Kinder nach Hause müssen. Das Golden Goal“ ist im Grunde nichts anderes als die gute, alte Bolz­platz-Regel: Letztes Tor ent­scheidet.“