Seite 2: Die Kicker werden bei Warner als Musikkünstler versteuert

1975 ent­scheidet Steve Ross, die Sache richtig anzu­pa­cken. Wenn sich die Euphorie um die neue Sportart nicht von allein ein­stellt, hilft man ihr eben mit der ame­ri­ka­ni­schen Methode auf die Sprünge. Wenn Cosmos keinen eigenen Helden her­vor­bringt, kauft man eben welche. Bei Warner stehen die größten Stars der Genera­tion unter Ver­trag: Robert Red­ford, Dustin Hof­mann, Barbra Strei­sand, Aretha Fran­klin und auch die Rol­ling Stones. Da ver­steht es sich fast von selbst, dass sich der Kon­zern auf dem Trans­fer­markt auch nur nach welt­um­span­nenden Marken umschaut.

Der Bra­si­lianer Pelé unter­hält schon damals eigene Pro­dukt­li­nien unter seinem Namen, mit dem sich Tri­kots, Par­füms und Schuhe ver­kaufen lassen. Pelé ist ein Natio­nal­hei­ligtum in seiner Heimat, um ihn zu einem Wechsel ins Nie­mands­land des Fuß­balls zu bewegen, sendet US-Außen­mi­nister Henry Kis­singer, ein emi­grierter Fuß­ballfan aus dem Fran­ken­land, einen Bitt­brief an die bra­si­lia­ni­sche Regie­rung, man solle Pelé als Fuß­ball­bot­schafter ins Ent­wick­lungs­land im Norden ziehen lassen. Dort soll es ihm an nichts man­geln. Wäh­rend die Top­stars der Bun­des­liga etwa 300 000 Mark im Jahr ver­dienen, erhält der drei­ma­lige Welt­meister aus Santos ein Gehalt von rund 12 Mil­lionen Dollar für einen Drei-Jahres-Ver­trag. Aus steu­er­li­chen Gründen wird sein Arbeits­be­reich im Warner-Medi­en­un­ter­nehmen nicht nur unter dem Stich­wort Soccer“ geführt, son­dern auf das Tätig­keits­feld Musik­künstler“ aus­ge­dehnt. Wegen Pelés Popu­la­rität halten es die Medi­en­ma­nager durchaus für denkbar, ihren teuren Ein­kauf auch mal als Bossa-Nova-Sänger oder für eine Neben­rolle in einem Warner-Film abzu­kom­man­dieren.

Chi­naglia ist der Böse­wicht in der Cosmos-Sei­fen­oper

Seine Ankunft im Big Apple“ wird im edlen 21 Club“ wie der Show­case zu einer Plat­ten­ver­öf­fent­li­chung zele­briert. Fahr­stuhl­musik, Fin­ger­food, teures Eichen­holz und Leder­sessel. Pelé macht mit zwei Stunden Ver­spä­tung mehr als 300 Repor­tern seine Auf­war­tung. Wäh­rend der Pres­se­kon­fe­renz kommt es zu Tumulten, weil ein Reporter den Warner-Bossen vor­wirft, durch ihr mil­lio­nen­schweres Enga­ge­ment im Fuß­ball die Popu­la­rität des ame­ri­ka­nischsten aller Spiele, des Base­balls zu unter­mi­nieren. Etwas hys­te­risch, wenn man bedenkt, dass Pelé zum Tabel­len­letzten der North Ame­rican Soccer League (NASL) wech­selt. Immerhin, durch sein Kommen ver­dop­pelt sich in der ersten Saison der Zuschau­er­schnitt bei Heim­spielen von Cosmos auf knapp 10 000.

Ein Anfang. Doch für ein Team aus Super­helden reicht Bra­si­liens vom Alten­teil zurück­ge­kehrter Fuß­ball­könig allein nicht aus. Der geschmei­dige Sym­path braucht einen knor­rigen Gegen­part. Er bekommt ihn in Gestalt von Giorgio Chi­naglia. Der Ita­liener ist mit 28 Jahren in der Blüte seiner Schaf­fens­kraft. In Ita­lien hat er Lazio im Sommer 1974 zur lang ersehnten Meis­ter­schaft geschossen. Die Roma-Anhänger hassen den zwie­lich­tigen Angreifer mit der Knol­len­nase derart, dass Chi­naglia sich zeit­weise nur noch mit Waffe auf die Straßen der ita­lie­ni­schen Haupt­stadt traut. Mit seiner US-ame­ri­ka­ni­schen Ehe­frau packt er die Koffer und sucht in der neuen Welt sein Glück. Er ist die ideale Beset­zung für den Böse­wicht in der Cosmos-Sei­fen­oper. Wenn er in das Kunst­ra­sen­sta­dion ein­läuft, wirkt er wie Robert de Niro in Scor­seses Raging Bull“. Chi­naglia fightet um jeden Ball, for­dert und diri­giert. Selbst Pelé, dessen begna­dete Aura den Heiß­blüter per se schon eifer­süchtig macht, maß­re­gelt er vor ver­sam­melter Mann­schaft, er solle mehr abspielen. Als sich der Halb­gott wehrt – Giorgio, du schießt zu oft aus spitzem Winkel“ – blickt ihn der Ita­liener nur kalt lächelnd an und sagt: Wenn Chi­naglia aus spitzem Winkel schießt, kann Chi­naglia auch treffen.“

Also gut, hört’s auf, ich komme!“

Obwohl Steve Ross einen Narren am exzen­tri­schen Leit­wolf gefressen hat, igno­riert er Chi­naglias Beschwerde, Cosmos bräuchte keinen Franz Becken­bauer, um die Meis­ter­schaft zu gewinnen. Im Früh­ling 1977 reist der Münchner Libero erst­mals zu Gesprä­chen an die Ost­küste. Warner spielt inzwi­schen auf der ganz großen PR-Kla­viatur. New York Cosmos ist ins monu­men­tale Giants-Sta­dion umge­zogen. Becken­bauer wird in der Stretch­li­mou­sine vom JFK-Flug­hafen abge­holt. Die Bosse prä­sen­tieren ihm eine ganze Etage im 21. Stock des Navarro“-Apartmenttowers am süd­li­chen Ende des Cen­tral Parks als zukünf­tige Bleibe. Dann ver­frachten sie den Kaiser in einen Heli­ko­pter, der vom Dach des PanAm Buil­dings in Man­hattan abhebt. Rocke­feller Center, Twin Towers, Empire State Buil­ding. Der Rund­flug über die Stadt erstickt alle Zweifel, in die von DFB-Prä­si­dent Her­mann Neu­berger als Ope­ret­ten­liga“ gebrand­markte NASL zu wech­seln. Als der Hub­schrauber über dem Foot­ball-Sta­dion in New Jersey kreist, gibt sich der Bayer den Warner-Leuten geschlagen: Also gut, hört’s auf, ich komme!“