Als Mick Jagger am 26. Juli 2013 siebzig Jahre alt wurde, schickte Franz Becken­bauer einen Gruß über Twitter: Happy Bir­thday, Mick. Thin­king back when we met each other in 1976, after we won the European Cup.“ Seinem Glück­wunsch fügte der Kaiser ein Foto bei, dass ihn Arm in Arm mit dem Rol­ling-Stones-Sänger zeigt: Jagger mit weit auf­ge­ris­senem Mund, Piloten-Son­nen­brille und einem mon­dänen Sei­den­schal um die Schul­tern, Becken­bauer schüch­tern daneben, mit akkurat geschei­telter Krause, im weißen Hemd und einer Trach­ten­strick­jacke.

Auf den ersten Blick das Zusam­men­treffen zweier Super­stars aus unter­schied­li­chen Metiers nach einem Euro­pa­po­kal­spiel. Auf den zweiten das Symbol zweier Lebens­stile, wie sie in der Mitte der Sieb­ziger, dieser bon­bon­far­benen Ära der Befreiung, gegen­sätz­li­cher kaum sein konnten. Jagger, knapp 33, ist ein Hedo­nist mit India­ner­haut, die von Back­stage-Schampus, Sex­or­gien, Mes­kalin und Son­nen­un­ter­gängen am Süd­see­strand kündet. Ein Welt­mann hinter der Fas­sade des eins­tigen Revo­luz­zers. Becken­bauer hin­gegen, zwei Jahre jünger als der Rocker, noch ganz mit dem makel­losen Ant­litz des Sports­manns aus Gie­sing. Er kennt die Welt bis jetzt nur durch die Sta­dien, in denen er gespielt hat. Seine Auster ist die Tan­gente zwi­schen Säbener Straße und Münchner Frei­heit. Seine Laster: ein gele­gent­li­ches Weiß­bier, ein Schweins­braten und eine scheue Schwäche für die Schwa­binger Damen­welt, die er dem Ver­nehmen nach auch noch kurz vor Anpfiff aus­lebt. Von Pop-Art hat er keine Ahnung. Daheim hört er die Platten von Freddy Quinn. Der Life­style, auf den Jagger und sein Kumpel Keith Richards längst das Urhe­ber­recht ange­meldet haben – das gelobte Land von Sex, Drugs & Rock n’ Roll“ – erscheint für den Bayern 1976 wie eine weit ent­fernte Galaxie.

Becken­bauer ist die Mona Lisa des Fuß­balls

Nur ein Jahr später hat sich die Welt des Fuß­ball­kai­sers kom­plett gedreht. Er wohnt nun am Cen­tral Park in einem Wol­ken­kratzer. Mit seinem Nach­barn, dem Bal­lett-Tänzer Rudolf Nurejew, geht er regel­mäßig essen und in die Oper. Dort hört er ergriffen die Stimmen von Pla­cido Dom­ingo und Luciano Pava­rotti. Aus dem ver­schla­fenen Mün­chen ist er im Mai 1977 nach New York gekommen. Daheim mut­maßen die Medien über Steu­er­schulden in Mil­lio­nen­höhe. Der Bou­le­vard ergötzt sich an seiner außer­ehe­li­chen Bezie­hung zur Jour­na­listin Diane Sand­mann. Er hat alles gewonnen, was ein deut­scher Fuß­baller gewinnen kann, ist der meist­fo­to­gra­fierte euro­päi­sche Sportler, die Mona Lisa des Fuß­balls“, wie André Heller ver­kündet. Ein Ästhet, ein Künstler, ein Coverboy. Es wird Zeit, dass er auch ein Mann von Welt wird.

Gele­gen­heit dazu gibt ihm einer, der es längst ist: Steve Ross ist der Chef von Warner Com­mu­ni­ca­tions, einem der größten Medi­en­kon­zerne der Welt. Er steuert ein Impe­rium aus Plat­ten­firmen, Film­pro­duk­tionen, Com­pu­ter­spiel­un­ter­nehmen und TV-Kanälen. Kaum jemand auf der Welt weiß besser, wie das Show­busi­ness funk­tio­niert. Sein Kon­zern hat Jahre zuvor die legen­däre Plat­ten­firma Atlantic Records auf­ge­kauft, deren Gründer Ahmet und Nesuhi Ertegün stil­bil­dende Musiker wie John Col­trane, Led Zep­pelin oder Crosby, Stills, Nash & Young ent­deckt haben. Ross will die beiden Impre­sa­rios unbe­dingt im Unter­nehmen halten. Er ködert sie mit einem Wunsch, den sie bei ihm frei hätten. Die beiden Türken träumen davon, mit einem eigenen Fuß­ball­klub die Kicker-Dia­spora der USA zu mis­sio­nieren. 1971 kauft sich die erfolgs­ver­wöhnte Trias aus Musik­ma­na­gern also ihr eigenes Soccer-Team. Ein Name für das Spiel­zeug ist schnell gefunden. Als Symbol des kul­tu­rellen New York fällt den Dreien das Opern­haus, die Met“, ein. Doch was könnte größer als die New Yorker Metro­po­litan Opera sein? Klar, die New York Cos­mo­po­li­tans!

Ver­we­gener als die Glor­rei­chen Sieben“, cooler als das Rat Pack“

Die »Cosmos«-Idee ist geboren. Kein Verein im her­kömm­li­chen Sinne, der durch Nach­wuchs­ar­beit oder sen­si­bles Scou­ting die Iden­ti­fi­ka­tion bei der natür­lich gewach­senen Fan­schar stei­gert, son­dern die kal­ku­lierte Geschäfts­idee von Leuten, die genau wissen, wie man aus begabten Musi­kern oder Schau­spie­lern Pop­stars macht. New York Cosmos soll größer werden als alles, was das Show­ge­schäft bis dato her­vor­ge­bracht hat. Die ulti­ma­tive Boy­group. Größer als das Leben selbst. Ver­we­gener als die Glor­rei­chen Sieben“, cooler als das Rat Pack“, char­manter als die Fab Four“, unter­halt­samer als Tick, Trick & Track“.

Doch das Kon­zept ist anfangs nur schwer an den Mann zu bringen. Cosmos ist bis 1975 nicht viel mehr als ein Team aus Stu­denten und Fei­er­abend­fuß­bal­lern mit Turn­schuhen auf einem kno­chen­tro­ckenen Rasen­platz auf einer ehe­ma­ligen Gefäng­nis­insel im East River. Randy Horton, der erste Goal­getter, arbeitet haupt­amt­lich im Warner Safari Park in New Jersey. Keeper Shep Mes­sing bes­sert sein Gehalt auf, indem er sich im Ero­tik­heft­chen Viva“ durchaus ange­regt einem ansonsten weich­zeich­nenden Kame­ra­ob­jektiv prä­sen­tiert. Obwohl Warner für seine Expe­ri­ment jeg­liche Publi­city gebrau­chen kann, gefällt dem Kon­zern, der auch mit Bugs Bunny“ Geld ver­dient, Mes­sings schil­lernder Auf­tritt nicht.