Peter Neururer, herz­li­chen Glück­wunsch, die 11FREUNDE-Jury hat Sie zum Typ des Jahres“ gewählt.
Witzig. Vielen Dank.

Im ver­gan­genen Jahr gewann Sebas­tian Kehl diese Kate­gorie für seine Füh­rungs­stärke trotz langer Ver­let­zung, 2011 der Stutt­garter Cacau, der sich mit einem Leis­ten­bruch durch die Spiel­zeit kämpfte. Was, glauben Sie, hat die Jury bewogen, Sie zu wählen?
Auch wenn mich die Wert­schät­zung sehr freut, ver­mute ich, dass mir da Lor­beeren ange­steckt werden, auf die ich keinen Ein­fluss hatte.

Wie meinen Sie das?
Ich kann mir nicht vor­stellen, dass einer ihrer Juroren mich wegen meines Come­backs zum Typ des Jahres“ gewählt hätte, wenn ich nicht diesen eigen­ar­tigen Herz­in­farkt gehabt hätte.

Dass heißt, die Wahl hat für Sie einen faden Bei­geschmack.
Über­haupt nicht. Es ehrt mich sehr, aber auf diese Art von Come­back hatte ich nur beschränkt Ein­fluss. Dafür waren ein Herz­in­farkt, mein Arbeit­geber, der TV-Sender Sport1“, der mich im Gespräch hielt, und eine äußerst miss­liche sport­liche Situa­tion ver­ant­wort­lich, in die der VfL Bochum schlid­derte.

Wie melan­cho­lisch war die Zeit nach dem Herz­in­farkt im Juni 2012?
Gar nicht. So schnell, wie der Infarkt kam, habe ich mich auch wieder davon erholt. Bis auf kleine Ein­schrän­kungen – zum Bei­spiel, dass ich die lieben Ziga­retten aus meinem Leben ver­bannt habe – lebe ich wie vorher und fühle mich teil­weise sogar besser. 

Den­noch gilt ein Trainer im Pro­fi­fuß­ball trotz aller Anteil­nahme nach einem Infarkt als Lame Duck.
Das war ein Pro­blem, diese dau­ernde Fra­gerei: Was wird jetzt aus dem Mann? Da wurde mehr über meinen Gesund­heits­zu­stand dis­ku­tiert, als über meine Fähig­keiten als Trainer. Das ging mir sehr auf den Geist.

Sie waren in Gefahr, abge­schrieben zu werden.
Diese Gefahr bestand, ohne Zweifel. Früher war ich der publi­kums­wirk­same, dyna­mi­sche Typ – und plötz­lich der, den sie wie­der­be­leben mussten. Ich war öffent­lich ständig in Rech­fer­ti­gungs­hal­tung, denn mein Ziel war ja wieder zu arbeiten. 

Und im April 2013 stand plötz­lich der VfL Bochum vor dem Absturz in die dritte Liga – und brauchte, um im Bild zu bleiben, Wie­der­be­le­bungs­maß­nahmen.
Mir war immer bewusst, wenn ein Verein in eine Extrem­si­tua­tion gerät, der meine Arbeit kennt, wird er nicht auf einen uner­fah­renen Trainer zurück­greifen, son­dern auf jemanden, der schon ver­gleich­bare Lagen gemeis­tert hat. Dass es dann der VfL war, mein Her­zens­verein, klingt nach der Dra­ma­turgie eines Hol­ly­wood-Dreh­buchs. Das war der Wahn­sinn.

Aus­ge­rechnet der VfL Bochum…
Sechs Wochen vor Sai­son­ende habe ich noch nie einen Klub über­nommen. So ein Him­mel­fahrts­kom­mando mache ich nur für drei Ver­eine auf der Welt.

Näm­lich?
Den VfL Bochum, Schalke 04 und den 1. FC Köln.

Stimmt es, dass der Bochumer Ver­eins­arzt Ihnen beim Trai­ning ständig den Puls messen wollte.
Quatsch. Nur als ich mich zwi­schen­durch mal wieder unver­hält­nis­mäßig auf­regte, wollte er mir den Puls fühlen. Da hab ich ihn ange­pflaumt: Leck mich am Arsch, mir geht es gut.“ Den­noch wurden mir beim ersten Spiel in Cottbus Mess­ge­räte ange­legt, die zu einem Kar­dio­logen nach Bochum über­spielt wurden.

Das Ergebnis?
Ich hatte in den 90 Minuten kaum Ver­än­de­rungen der Puls­fre­quenz, es gab medi­zi­nisch kei­nerlei Bedenken, dass ich dem Job gewachsen bin.

In wel­cher Situa­tion fanden Sie im April den Verein vor, den Sie 2004 in den UEFA-Cup geführt hatten?
Der Klub lag am Boden. Ange­sichts des Rest­pro­gramms hatten viele kaum noch Hoff­nung. Doch als ich auf die Geschäfts­stelle kam, traf ich viele alte Bekannte wieder. Es fühlte sich an, wie nach Hause kommen. Ich traf in einer Situa­tion, die schlimmer kaum sein konnte, auf Leute, die mir den Ein­stieg so leicht wie mög­lich machten. Denn ganz ehr­lich: In der Kürze der Zeit einen Fuß in diese Mann­schaft zu bekommen, wäre ohne die Unter­stüt­zung meiner Co-Trainer Thomas Reis und Dariusz Wosz unmög­lich gewesen. Und letzt­lich kam auch der Faktor Glück dazu. Was wäre gewesen, wenn mein erstes Spiel in Cottbus in die Hose gegangen wäre? Dann wäre die Auf­bruchs­stim­mung, die bei meiner Inthro­ni­sie­rung geschürt wurde, sofort ver­pufft.

Beschreiben Sie den Moment, als Sie am 14. April 2013 nach mehr als drei Jahren Absti­nenz in Cottbus wieder auf der Trai­ner­bank saßen.
Ich habe es genossen. Nach Cottbus fährt man als Trainer eigent­lich nicht so gerne. Aber wie ich dort auch von geg­ne­ri­schen Fans begrüßt wurde, hat mir die Tränen in die Augen getrieben. Ich bin doch nur ein nor­maler Bun­des­li­ga­trainer, aber diese Herz­lich­keit haute mich um.

Der neue Sport­di­rektor des VfL Bochum heißt Chris­tian Hoch­stätter. Wäre dieser Posten nicht auch für Sie eine Option gewesen?
Denkbar wäre es gewesen, aber nach einigen Dis­kus­sion haben wir die Option ver­worfen.

Warum?
In Ver­bin­dung mit dem, was momentan in Bochum leider als Erfolg gesehen werden muss – näm­lich die Klasse zu halten – wäre es unmög­lich, wenn ich den Sport­di­rektor mache und mit einem neuen Trainer in die Saison gehe. Der arme Kerl hätte ver­loren, sobald er drei Spiele am Stück ver­liert. Dann schreit wieder jeder nach mir. Da mache ich es lieber selbst, mit der tat­kräf­tigen Unter­stüt­zung von Chris­tian Hoch­stätter und meinem alten Mit­streiter, Frank Hei­ne­mann, den ich wieder dazu geholt habe.

Sie haben einen Zwei-Jahres-Plan. Im ersten Jahr wollen Sie die Klasse halten, im zweiten Jahr zurück in die erste Liga. Warum setzen Sie sich so unter Druck?
Warum Druck? Der VfL Bochum gehört in die erste Liga. Außerdem habe ich nicht gesagt, dass wir auf­steigen, son­dern nach einem Jahr Kon­so­li­die­rung wieder oben angreifen wollen.

Nach dem Klas­sen­er­halt ließen Sie sich die Haare blau-weiß färben. Aller­dings mit dem Hin­weis, dies sei end­gültig Ihre letzte Part­y­ak­tion. Werden Sie mit 58 end­lich seriös?
Seriös war ich doch immer, nur die Schlag­zeilen klangen manchmal anders. Aber machen Sie sich mal keine Sorgen, irgendwas fällt mir schon wieder ein. Ent­schei­dend ist nur, dass ich glaub­würdig bleibe.

Und wenn Sie den VfL zurück in die Erfolgs­spur gebracht haben, voll­enden Sie Ihr Lebens­werk und über­nehmen Ihren Traum­klub Schalke 04?
Das sagen Sie! Für mich gibt es nichts anderes als den VfL Bochum. Wie lange, das müssen wir abwarten. Vom Herzen gerne bis zum Lebens­ende – aber wir alle wissen, im Fuß­ball kommt oft was dazwi­schen…