Noch im vorigen Sommer hatte Leo Messi wenig Gutes über Leo Messi zu sagen. Okay, er rennt mit unglaub­li­cher Geschwin­dig­keit mit dem Ball am Fuß. Aber er hat keine Fan­tasie, keine Tricks, nichts.“ Er redete über mein Ich in der Play Sta­tion“, die Com­pu­ter­figur Leo Messi aus dem vir­tu­ellen Spiel.

Für ältere Genera­tionen stehen Com­pu­ter­spiele für alles, was angeb­lich faul ist an der Jugend von heute, Bewe­gungs­armut und Abstump­fung. Für all jene über 30 birgt dieser Mitt­woch einen Kul­tur­schock. Wer im Cham­pions-League-Halb­fi­nale zwi­schen dem FC Bar­ce­lona und Man­chester United die zwei spek­ta­ku­lärsten Fuß­baller der Saison sieht, Barças Argen­ti­nier Leo Messi, 20, und Uniteds Por­tu­giesen Cris­tiano Ronaldo, 23, wird um die Erkenntnis nicht her­um­kommen: Play-Sta­tion-Kinder sind die bes­seren Stra­ßen­fuß­baller. Sie paaren Bril­lanz am Ball und Aben­teu­rertum der Straße mit tak­ti­schem Ver­stand. Haben sie das gar am Com­puter gelernt?

Ein Team von zehn Men­schen und einer lebenden Com­pu­ter­figur

Der uner­hörte Gedanke, das Com­pu­ter­spielen Fuß­baller besser macht, kam Schwe­dens großem Stürmer Henrik Larsson, als er vor zwei Jahren für Barça spielte und Messi sah: Die Jungen heute sind tech­nisch viel besser als wir, weil sie an der Play Sta­tion Tricks visua­li­sieren und diese dann auto­ma­tisch im echten Leben imi­tieren.“ Kann es sein, dass das Gehirn die blitz­schnellen Bewe­gungen der Com­pu­ter­fi­guren intuitiv abspei­chert und der reale Körper die­selben Auto­ma­tismen im Sta­dion abrufen kann? Sicher ist nur, dass wir ein Team von zehn Men­schen und einer lebenden Com­pu­ter­figur sind“, sagt sein Sturm­partner Samuel Eto’o über Messi. Mit sur­realer Leich­tig­keit und einem bra­chialen Zug zum Tor drib­beln Ronaldo und Messi durch Abwehr­reihen. 38 Tore hat Ronaldo diese Saison geschossen, 15 Messi – beide als Flü­gel­stürmer.

Wenn er an diesem Mitt­woch sechs Wochen nach einem Mus­kel­fa­ser­riss in die Startelf zurück­kehrt, han­deln Barças Träume nahezu aus­schließ­lich von ihm. Ein ein­ziger Sieg in den jüngsten acht Liga­spielen haben die Deka­denz der Cham­pions-League-Sieger 2006 offen gelegt. Elf Punkte sind sie als Dritter hinter Real Madrid zurück. Es bleibt nur die Cham­pions League, nur Messis Rück­kehr. Wich­tiger, als dass Puyol spielt, ist mir, dass Messi spielt“, sagt Carles Puyol, der gesperrte Kapitän.

Vor einigen Tagen saß Messi auf einem Podium in einem Büro­turm Bar­ce­lonas. Er hat die Schirm­herr­schaft für ein Buch zugunsten kranker Kinder über­nommen. Neben ihm saßen drei Herren in Anzug und Kra­watte. Er trug Trai­nings­jacke. Ich kaufe mir nie Klei­dung“, sagte er, ich mag Ein­kaufen nicht.“ Er wird, im dritten Jahr als Wun­der­kind, nicht mehr bei jeder Frage rot. Doch er hat seine Unschuld bewahrt. Er ver­gisst die Namen seiner Gegner sofort, er erin­nert sich kaum an eines seiner Spiele, so gut sie auch waren. Ihn inter­es­siert am Fuß­ball nur der Moment, wenn er spielt. Leo Messi, 1,69 Meter groß, sagt: Ich war immer der Kleinste auf dem Platz. Ich gebe keine Anwei­sungen. Wenn ich etwas zu sagen habe, drücke ich mich mit dem Ball aus.“

Die Gräte steckt immer noch im Hals“

Oft scheint es, als hätten die Gegner ihn schon gestellt. Doch er kann im vollen Sprint noch radikal seine Rich­tung und gleich­zeitig auch die Rich­tung des Balls ändern. Die Gegner haut es aus dem Gleich­ge­wicht. Er ent­schlüpft. Wäh­rend sich Messi so auf kleinstem Raum durch­wühlen kann, ist Cris­tiano Ronaldo ein Mit­tel­stre­cken­dribbler. Er braucht Anlauf und über­sprintet dann, Haken über dem Ball schla­gend, die Gegner. Viele Trainer pre­digen heute, drib­beln halte das Spiel auf, selbst Messi erin­nert sich, dass ich bei Barça zwei Jugend­trainer hatte, die mich nicht auf­stellten, weil ich nicht schnell genug abspielte“. Er und Ronaldo haben dem Dribb­ling zur Renais­sance ver­holfen.

Aber Messi zahlt seinen Preis. Jedes Jahr ver­passt er Par­tien wegen Mus­kel­fa­ser­rissen – die Sprin­ter­krank­heit: Die hin­teren Ober­schen­kel­mus­keln sind nicht gemacht für harte Rich­tungs­än­de­rungen im Höchst­tempo. Als Barça 2006 die Cham­pions League gewann, saß Messi auf der Bank. Der Trainer ließ ihn nach aus­ku­riertem Mus­kel­fa­ser­riss nicht mit­spielen. Die Gräte steckt immer noch im Hals“, sagt er, das mache dieses Halb­fi­nale um so spe­zi­eller für ihn. Der Messi dieser Saison ist unfassbar gut“, sagt einer, der es wissen muss: Leo Messi über sein erneu­ertes Alter Ego im Com­pu­ter­spiel.