Selbst das stärkste Gefühl lässt nach, wenn es lang genug nicht erwi­dert wird. Lang­zeit-Fan Hans Vonavka hat alles erlebt. Als die Löwen im Pokal­sie­gercup-Finale 1965 West Ham United vor fast 100 000 Zuschauern unter­lagen, durfte der heute 59-Jäh­rige länger auf­bleiben, um das Spiel im Fern­sehen zu ver­folgen. Im Gefolge der Blauen wurde er ein Jahr später Meister, stieg 1970 ab und sieben Jahre später wieder auf. Nach dem Lizenz­entzug 1982 ging er mit dem TSV in die Bay­ern­liga und mar­schierte in den Neun­zi­gern in die Bun­des­liga durch. Er hat vor Freude geweint, als die Löwen in der Saison 1999/2000 den ver­hassten Lokal­ri­valen von der Säbener Straße besiegten. Es fühlte sich so unglaub­lich gut an. Dabei hatte er gegen ein paar Bayern-Fans sogar gewettet, dass es so kommen würde. Der Ver­lierer wurde ver­gat­tert, das Rück­spiel in der Kurve des Geg­ners anzu­schauen. Vonavka und seine Kum­pels aber ließen Gnade walten, sie passten den düpierten FCB-Anhang vor Betreten des Blocks ab, nahmen die roten Kla­motten in Gewahrsam und steckten die Gegner in blaue Tri­kots. Sonst hätten die das nicht über­lebt.“

Der Ent­frem­dete:
Hans Vonavka

Nichts konnte seiner Liebe etwas anhaben. Doch die jüngste Ver­gan­gen­heit hat sein inniges Ver­hältnis zum Klub schwer beschä­digt. Die Dau­er­karte hat er in alter Tra­di­tion zwar noch immer, aber in die ver­hasste Allianz Arena geht er nicht mehr. Gefragt, wie es zur Spal­tung von seinem Her­zens­verein kommen konnte, nennt der Blu­men­groß­händler vier Stufen der Ent­frem­dung:

1. Den end­gül­tigen Auszug von 1860 aus dem Grün­walder- ins Olym­pia­sta­dion 1995, weil es den frei­wil­ligen Ver­lust der ange­stammten Heimat bedeu­tete.
2. Die Betei­li­gung als Juni­or­partner des FC Bayern am Bau der Arena 2001.
3. Den Sün­den­fall: Als der TSV 1860 abstieg und in finan­zi­elle Schief­lage geriet, ver­kauften Klub­ver­ant­wort­liche die Sta­di­on­an­teile 2006 für 11,8 Mil­lionen Euro an den Erz­ri­valen, dessen Unter­mieter man seither ist. Der Miet­ver­trag läuft bis 2025, der Miet­zins inklu­sive des extrem kost­spie­ligen Busi­ness-Bereichs, der nur zu knapp einem Zehntel genutzt wird, soll bei weit über fünf Mil­lionen Euro jähr­lich liegen. Der Zuschau­er­schnitt ist von 41.371 im Jahr 2005 auf 19.312 in der Saison 2013/14 gesunken, die Kosten sind so nicht zu decken. Die Folge:
4. In der Saison 2010/11 stand der Verein vor der Insol­venz. Der jor­da­ni­sche Investor Hasan Ismaik ret­tete den TSV 1860 mit 18,4 Mil­lionen Euro vor dem Lizenz­entzug. Seitdem hält der Geschäfts­mann 60 Pro­zent an der Lizenz­ab­tei­lung und – ent­spre­chend der 50+1‑Regel – 49 Pro­zent der Stimm­rechte.

Und jedes Mal haben wir laut vor den Kon­se­quenzen gewarnt: Die Löwen dürfen kein Pla­giat eines Groß­ver­eins sein, wir müssen ein Ori­ginal bleiben“, sagt das Mit­glied der Fan-Initia­tive Pro 1860, aber es hat nie­mand auf uns hören wollen.“ Die Klub-DNA ist ver­wäs­sert. Der TSV ist in einer Zwick­mühle, aus der es kein Ent­rinnen gibt. Die Sechzger hängen am Tropf eines Geschäfts­mannes und befinden sich in lang­fris­tigen Ver­trags­be­zie­hungen mit den stein­rei­chen Roten. Ein unhalt­barer Zustand.

Denn ein Löwe ver­steht sich nicht als Teil des Estab­lish­ments. Die Groß­kop­ferten, die regieren drüben an der Säbener. Ein Sechzger ist boden­ständig, volksnah. Vom Leben gezeichnet, aber stolz“, sagt Vonavka. Jah­re­lang hat er für den Erhalt des Grün­walder Sta­dions gekämpft, das nach der Reno­vie­rung noch Platz für 12.000 Zuschauer bietet und zumin­dest Ama­teur­fuß­ball zulässt. Er hat Ände­rungen der Klub­sat­zung erstritten, damit Fans mehr Mit­spra­che­recht bekommen. Aber er hat auch erlebt, wie ver­nünf­tige Leute, die er unter­stützte, in Funk­tio­närs­ämter gelangten, dort plötz­lich zu Fuß­ball­ex­perten mutierten, in Sach­zwängen erstarrten und ihre eigent­liche Bestim­mung ver­gaßen. Die Hoff­nung, dass sich alles zum Guten wendet, hat Vonavka auf­ge­geben. Es zer­reißt mich, wenn ich die Spiele sehe“, sagt er. Sein Herz wünscht sich Siege und dass sich der Klub aus dem Abstiegs­strudel befreit. Doch sein Kopf sagt ihm, dass ein Ver­bleib im Nie­mands­land de r zweiten Liga nur einen wei­teren Schritt in die Aus­weg­lo­sig­keit bedeuten würde. So schwer es mir fällt und so unab­sehbar die Kon­se­quenzen für den Verein wären“, sagt er, aber ein Abstieg ist die ein­zige Chance auf einen Neu­an­fang.“

Der Geschäfts­führer:
Markus Rejek

Die Frage ist nur, wohin der Klub absteigen würde.“ Für Markus Rejek fangen die wirk­li­chen Pro­bleme dann erst an. Auf der Geschäfts­stelle würden viele Mit­ar­beiter ihren Job ver­lieren. Die hoch­de­ko­rierte Nach­wuchs­ar­beit, der Top-Spieler wie die Bender-Zwil­linge Lars und Sven, Kevin Volland oder Julian Weigl ent­stammen, könnte nicht mehr auf dem Niveau fort­ge­führt werden. Höchst­wahr­schein­lich würde auch der Investor sein Inter­esse ver­lieren. Kurz: Der Klub, den aktuell wieder rund zehn Mil­lionen Euro Schulden drü­cken, stünde vor dem Nichts.

Rejek kam im Januar 2014 als Geschäfts­führer nach Mün­chen. Zuvor hat er als Mar­ke­ting­chef bei Borussia Dort­mund an der erfolg­rei­chen Reform der Marke BVB mit­ge­wirkt. Er hatte die Idee zu Jürgen Klopps Pöhler“-Kappe und den Slogan Echte Liebe“ mit­ge­prägt. Ich bringe viel­leicht keine Liebe zum Klub mit, aber eine pro­fes­sio­nelle Hal­tung“, sagt der Kauf­mann, und er weiß, dass ein Leben in Abhän­gig­keit auf Dauer unglück­lich macht. Doch in 14 Jahren in West­falen hat er auch erlebt, wie rasant sport­li­cher Erfolg einen Tra­di­ti­ons­klub befriedet und neue Euphorie frei­setzt.

Nach seiner Ankunft stellte Rejek fest, dass im stetig kri­selnden TSV eine tief ver­wur­zelte Sehn­sucht nach den großen Zeiten vor­herrscht. Ein regel­rechter Per­so­nen­kult würde um den ver­stor­benen Prä­si­denten Karl-Heinz Wild­moser oder Ex-Coach Werner Lorant gemacht, in deren Amts­zeit der TSV 1860 bei­nahe Cham­pions League spielte. Es fällt vielen schwer, trotz elf Jahren Dau­er­auf­ent­halts in der zweiten Liga, die Rea­li­täten zu akzep­tieren. Der Traum vom Auf­stieg ist ein Ruck­sack mit schweren Steinen“, sagt Rejek, wir müssen anfangen, unsere Auf­gaben im Hier und Jetzt zu lösen.“

Nach Ein­blick in die Bücher hat der Geschäfts­führer gra­vie­rende Fehl­ent­schei­dungen aus­ge­macht. Nicht nur der Miet­ver­trag in der Frött­ma­ninger Arena war ein schlechtes Geschäft. Auch beim Ver­kauf der Bender-Zwil­linge oder von Kevin Volland an Ver­eine in der Bun­des­liga waren die Erlöse zu niedrig.

Der TSV 1860 braucht end­lich wieder Unab­hän­gig­keit – von den Geis­tern der Ver­gan­gen­heit, aber auch wirt­schaft­lich. Soeben hat der Verein einen Deal mit dem Sport­rech­te­ver­markter Infront abge­schlossen, der bis 2028 die Spon­so­ring­rechte der Löwen wahr­nehmen wird und dafür ein Fixum von 60 Mil­lionen Euro garan­tiert. Für Rejek bedeutet der Ver­trag ein Stück Pla­nungs­si­cher­heit und eine zweite wirt­schaft­liche Säule neben dem Geld des Inves­tors. Doch in Dort­mund hat er die Erfah­rung gemacht, dass es am Ende nur einen Weg gibt, der lang­fristig aus der Misere führt: Als Erstes brau­chen wir eine Mann­schaft, mit der man sich iden­ti­fi­zieren kann.“

Der Tra­di­tio­na­list:
Roman Beer

Es wird viel über Tra­di­tion gespro­chen. Einer, der sie wirk­lich lebt, ist Roman Beer. Lange war er die zen­trale Figur der Initia­tive Freunde des Sechz’ger Sta­dions“. Inzwi­schen küm­mert er sich ehren­amt­lich als stell­ver­tre­tender Leiter der Fuß­ball­ab­tei­lung um den Jugend- und Ama­teur­fuß­ball und die Tra­di­ti­ons­pflege“. Er zeichnet für Reprints von his­to­ri­schen Klub­chro­niken ver­ant­wort­lich, plant ein 1860-Museum und hat dafür gesorgt, dass das sil­berne Duplikat des alten DFB-Pokals, den die Löwen 1964 als letztes Team in der deut­schen Geschichte errangen, den Weg in die Klub­vi­trine findet. Und nicht mehr der aktu­elle Gold­pokal, der in der Wild­moser-Ära dort fälsch­li­cher­weise hin­ein­ge­stellt worden war.

Als 2011 der Ein­stieg eines Inves­tors dis­ku­tiert wurde, befürch­tete Beer das Schlimmste. Dass prak­tisch jede Ent­schei­dung fortan von einem Mann irgendwo in der fernen Welt getroffen würde und man in Mün­chen nichts mehr zu sagen hätte. Doch seine Erwar­tungen haben sich nur bedingt als zutref­fend her­aus­ge­stellt. Der Geld­geber stopft Jahr für Jahr die anfal­lenden Löcher. Ob er sein Geld je wieder sieht, ist frag­lich. Teile des Anhangs sehen den Jor­da­nier inzwi­schen mehr als Opfer denn als Ver­ur­sa­cher des gewohnten Klub­chaos.

Unser größtes Pro­blem“, sagt Roman Beer, sind die kom­mu­ni­ka­tiven Stö­rungen in und um den Verein.“ Als His­to­riker weiß er, was 1860 in der Ver­gan­gen­heit stark gemacht hat. Die Lei­dens­fä­hig­keit der Fans und der Wille, in düs­teren Phasen zusam­men­zu­stehen. Beer sieht sich in der Pflicht, dieses Zusam­men­ge­hö­rig­keits­emp­finden zu erhalten. Ein Gefühl, das in der ste­rilen Arena vor den Toren der Stadt nie zu voller Ent­fal­tung kommen kann. Natür­lich braucht der Klub – und darin stimmt Beer mit allen überein, die hier Erwäh­nung finden – ein eigenes Sta­dion, eine Heimat. Aber der TSV 1860 muss auch auf­hören, sich weiter in einer Kon­kur­renz zu den Bayern zu sehen, die sich längst als glo­bales Trade­mark prä­sen­tieren. Wir müssen uns als Münchner Klub ver­an­kern, als regio­nale Marke“, sagt Beer, die auch unab­hängig vom sport­li­chen Erfolg funk­tio­niert.“ So wie der 1. FC Union in Berlin oder der FC St. Pauli in Ham­burg. Ein Verein, der für urei­gene Werte steht und Lokal­ko­lorit ver­kör­pert.