Seite 2: „Streetboys München, schwuler Verein, schon geht die Bombe hoch“

Ähn­lich ver­lief es bei Patrick. Er kam 2010 nach Mün­chen, zunächst für ein Prak­tikum, ein Jahr später dann beruf­lich. An seinen ersten Besuch bei einem Spiel der Street­boys erin­nert er sich noch genau: Die waren nur zu Neunt. Einer noch kom­plett besoffen. Die haben gegen eine richtig schlechte Mann­schaft gespielt und trotzdem 0:6 ver­loren.“ Bald darauf spielte er mit, aller­dings noch auf einen anderen Pass, weil er befürch­tete, dass sie bei seinem alten Verein merken, wohin er wech­selt. Da hätte ja nur mal einer nach­sehen müssen, Street­boys Mün­chen, schwuler Verein, schon geht dort die Bombe hoch“, sagt Patrick.

Irgend­wann for­derte er seinen Pass dann doch an und mel­dete sich bei seinem alten Verein ab. Mit seinem Coming-Out brauchte er aller­dings noch eine ganze Weile. Auch heute weiß es noch nicht jeder in seiner Familie. Dabei waren die Reak­tionen in den Fami­lien und Freun­des­kreisen der beiden absolut positiv. Einige haben sogar gefragt, warum ich das nicht schon früher gesagt habe und wie ich sie denn ein­schätzen würde“, sagt Patrick.

Zum Glück könnt ihr keine Kinder in die Welt setzen“

Auf dem Platz hin­gegen sind die Reak­tionen nicht immer positiv, auch wenn es meis­tens ruhig bleibt. Solange wir ver­lieren, sind wir die besten Kum­pels. Aber es gibt eben auch Teams, die ungern ver­lieren, schon gar nicht gegen Schwule“, sagt Patrick. Dann wird es schnell per­sön­lich und belei­di­gend. Zum Glück könnt ihr keine Kinder in die Welt setzen“ ist eine der ver­let­zendsten Belei­di­gungen, die sie zu hören bekommen. Da sind sich die beiden einig. Es ist zu spüren, dass ihnen Äuße­rungen wie diese wehtun. Nils fragt sich oft: Ist es das wert, mich hier belei­digen und den Sonntag ver­sauen zu lassen, weil ich mich noch Stunden nach dem Spiel so der­maßen über gewisse Aus­sagen auf­rege?“ Er wird auch oft gefragt, warum sich die Street­boys aus­grenzen. Schließ­lich sei die Gesell­schaft mitt­ler­weile doch so offen und tole­rant. Doch Nils ent­gegnet: Wir grenzen uns nicht aus. Wie bieten vielen Men­schen eine Anlauf­stelle.“ Patrick nickt und bestellt beim vor­bei­lau­fenden Kellner ein Stück Prinz­re­gen­ten­torte. Nils fängt an zu lachen, auch der Kellner schmun­zelt, kurz vor Elf am Abend scheint nicht die typi­sche Kuchen­zeit zu sein. 

Ist es schwul“, sich so spät noch ein Stück Torte zu bestellen? Nils stellt fest, dass im nor­malen Sprach­ge­brauch einige Dinge als schwul“ ange­sehen werden. Das ist dann wahr­schein­lich gar nicht direkt gegen uns gerichtet, son­dern ein Syn­onym für Missmut, Ent­täu­schung oder Ärger“, glaubt er. Patrick ist hier anderer Mei­nung. Bei uns wird das denke ich schon gezielt so plat­ziert“, sagt er, wäh­rend er ver­sucht die hart­nä­ckige Scho­ko­la­den­schicht der Torte mit der Gabel zu durch­trennen. 

Halt ein­fach die Fresse und ver­diene in Ruhe deine Mil­lionen“

Doch wie kann es über­haupt sein, dass Homo­se­xua­lität im Fuß­ball immer noch ein Tabu ist? Wäh­rend ein Coming-Out in der Politik oder der Unter­hal­tungs­in­dus­trie höchs­tens noch eine Rand­notiz ist, lässt der deut­sche Pro­fi­fuß­ball weiter auf seinen ersten aktiven, schwulen Fuß­baller warten. In den USA been­dete mit Robbie Rogers erst kürz­lich der erste und ein­zige, offen schwule Fuß­ball­profi seine Kar­riere.

Als junger Profi hast du sicher einen Berater, der dir sagt: Halt ein­fach die Fresse und ver­diene in Ruhe deine Mil­lionen“, glaubt Patrick. Ich würde es genauso machen. Du weißt ja nicht, was nach dem Coming-Out pas­siert“, sagt Nils nach­denk­lich. Es ent­wi­ckelt sich eine Dis­kus­sion. Patrick sagt: Die Frage ist doch, ob ich alles auf eine Karte setze und diesen Weg gehe, weil es für mich wichtig ist. Aber da steht dieser ganze Fuß­ball­wirt­schafts­ap­parat dahinter, der einen in dieses Kor­sett zwingt.“ Das Kor­sett schnürt sich in erster Linie durch die Berater, die durch ein Coming-Out ihres Spie­lers schlech­tere Ver­mark­tungs­mög­lich­keiten fürchten. Schließ­lich muss der Fuß­ball längst auch global betrachtet werden und der Spieler auch in Län­dern vor­zeigbar“ sein, in denen Homo­se­xua­lität noch weit kri­ti­scher als in Deutsch­land betrachtet wird. Oder auch durch recht­liche Bedin­gungen. So ist in Katar, Aus­tra­gungs­land der Welt­meis­ter­schaft 2022, Homo­se­xua­lität ver­boten. Wie würde sich dieser Umstand auf einen offen schwulen Natio­nal­spieler aus­wirken?