Hin­weis: Diese Geschichte erschien erst­mals im Jahr 2014 in unserem Print-Magazin

Als Stany Fal­cone noch Jona­than de Falco hieß, war er ein Fuß­ball­star. Ein kleiner jeden­falls. Er spielte in der zweiten bel­gi­schen Liga, war Außen­ver­tei­diger und konnte so schnell rennen wie David Odonkor. Einmal, als er in einem Pokal­spiel Spor­ting Char­le­rois Stürmer Orlando aus­schal­tete, saß die bel­gi­sche Fuß­ball­le­gende Marc Degryse auf der Tri­büne. Wer ist dieser Spieler?“, fragte er, mehr sich selbst zwar, doch sein Sitz­nachbar ant­wor­tete voller Stolz: Das ist Jona­than! Jona­than de Falco! Ein Kumpel von mir!“

Diesem Jona­than de Falco ging es damals nicht gut, und als der Kumpel ihm später vom begeis­terten Degryse erzählte, stockte ihm der Atem. Was hatte er da gesagt: ein Kumpel, ein Freund, mein Freund? Die ganze Sache war viel zu ris­kant geworden. Jeder Blick, jede Berüh­rung, jeder Satz auf der Tri­büne – alles konnte miss­ver­standen werden, alles konnte ihn ver­raten. Nur: Was war denn über­haupt sein Geheimnis? De Falco wusste ja selbst nicht mal, wer er war und was er wollte.

Eine Zeit lang lebte er mit einer Frau zusammen, er mochte sie, doch in seinen Träumen schlief er mit Män­nern. Es fühlte sich falsch an, denn Schwule, so dachte er, das waren Typen, über die seine Mit­spieler mit ver­stellten Stimmen Witze machten, und die aus­sahen wie Boy George oder spra­chen wie Albin in Ein Käfig voller Narren“. Das war er nicht, so viel wusste er, und so herrschte in De Falcos Kopf in jenen Jahren ein heil­loses Durch­ein­ander.

Er wollte werden wie Enzo Scifo

Das ist die eine Geschichte. Sie ist gerade mal sechs Jahre her, doch sie erscheint heute wie aus einem anderen Leben: der gera­dezu ängst­liche Jona­than de Falco, ein Fuß­baller, der werden wollte wie Enzo Scifo. Und ein Junge, der nicht wusste, wohin mit sich und seinen sexu­ellen Fan­ta­sien.

Die andere Geschichte han­delt von einem Mann, der einer der bekann­testen Por­no­dar­steller der Welt wurde: Stany Fal­cone.

Ende Dezember 2013 steht Jona­than de Falco auf der Ter­rasse einer Brüs­seler Gay-Sauna direkt hinter dem Zuid-Bahnhof. Hier, im Club 3000“, gibt es keine Geheim­nisse. Am Ein­gang ser­viert ein großer schwarzer Mann Cock­tails. Er trägt nichts als eine Fliege und eine weiße Ivan-Lendl-Ten­nis­hose. Hinter ihm plät­schert ein Whirl­pool, Schatten huschen durch die Gänge, und Männer lugen aus Pri­vat­räumen, für die sie fünf Euro extra gezahlt haben. In der ersten Etage befindet sich der Club­be­reich, ein DJ legt House und Pro­gres­sive auf. An der Bar steht ein 120-Kilo-Koloss im Stringtanga, auf dem Tresen eine Schüssel mit Kon­domen. Eine Etage höher das Kino, gedimmtes Licht, zwei Männer im Publikum, beide nackt, einer hat den Penis des anderen im Mund. Alles kann, nichts muss.
Jona­than de Falco, 29, Fünf-Tage-Bart, kurzes braunes Haar, Bril­lant­ste­cker in den Ohr­läpp­chen, dazu Polo-Shirt, Anzug­hose, Leder­schuhe, ist Ver­an­stalter dieser Party. Er spricht leise, fast nach innen. Er wirkt manchmal noch wie der schüch­terne Junge von damals, dabei gilt er hier als inter­na­tio­naler Top­star, für den einige Fans aus Frank­reich oder Deutsch­land ange­reist sind.

Das ist doch nicht unnormal, oder?“

Von der Ter­rasse schweift der Blick über die Dächer Brüs­sels, im Sommer könnte man ewig hier sitzen. De Falco hat in dieser Gegend lange über sein Coming-out nach­ge­dacht. Er kannte die tra­gi­sche Geschichte des schwulen Fuß­bal­lers Justin Fas­hanu, den man im Mai 1998, acht Jahre nach seinem Coming-out, erhängt in einer Garage im Lon­doner East End fand. Er hatte viele Wochen und Monate über­legt, was pas­sieren würde, wenn die Medien erführen, dass ein ehe­ma­liger Fuß­ball­profi nun Pornos drehte, Schwu­len­pornos. Würde es nicht all die homo­phoben Hetzer bestä­tigen? Typen, die glauben, dass jeder Homo­se­xu­elle sich die Hose run­ter­reißt, sobald er vor einem gut gebauten Mann steht? Die ihn behan­deln würden wie einen Kranken? Ande­rer­seits: Er mag nun mal Sex. So ein­fach ist das. Das ist doch nicht unnormal, oder?“

Natür­lich nicht. Und trotzdem muss die Frage erlaubt sein, ob es normal ist, dass aus einem schüch­ternen Zweit­li­ga­fuß­baller ein inter­na­tional bekannter Por­no­star wurde.