Seite 3: Kein kritischer Fan ist neidisch auf RB

Was uns zu einem wei­teren Bei­spiel der feh­lenden – oder falsch for­mu­lierten – Kritik in der Bericht­erstat­tung führt. In einem Inter­view, das der Spiegel vor wenigen Monaten mit Marcel Sabitzer führte, wurde unter anderem diese Frage gestellt: Viele Fuß­ball­fans kri­ti­sieren RB Leipzig, sie finden es unfair, dass der Verein mit­hilfe von Red Bull so schnell erfolg­reich geworden ist. Ver­stehen Sie die Kritik?“ Sabitzer ant­wor­tete: Nein, das kann ich nicht ver­stehen. Was sind viele? Ultras oder Fans? Wir spüren davon gar nichts mehr. Inter­na­tional ist es sowieso ganz normal, dass es Inves­toren gibt, die den Verein wei­ter­bringen wollen.“

Man möchte sich an den Kopf fassen. Die Fans, die RB kri­ti­sieren, sind nicht nei­disch auf den schnellen Erfolg. Sie sind sauer, dass ein Mar­ke­ting­pro­jekt mit ein paar faulen Tricks (Rasen­Ball­sport statt Red Bull, das leicht abge­än­derte Logo) und offen­sicht­li­chem Gemau­schel (50+1, Trans­fers mit Salz­burg) an den eigent­li­chen Lizenz­auf­lagen vorbei in den Pro­fi­fuß­ball auf­steigen konnte. Sie sind genervt von der Erzäh­lung, dass Leipzig im Gegen­satz zu Tra­di­ti­ons­ver­einen so gut arbeiten würde, obwohl der Klub in den ver­gan­genen zehn Jahren die zweit­mie­seste Trans­fer­bi­lanz aller deut­schen Ver­eine (nach den Bayern) auf­weist. Sie sind davon genervt, dass Red Bull und damit Diet­rich Mate­schitz in Dis­kus­sionen ständig mit her­kömm­li­chen Inves­toren gleich­ge­setzt werden. Und nein, lieber Marcel Sabitzer (wie der Mann in Leipzig gelandet ist, ist, auch das haben viele ver­gessen, ein Thema für sich): Red Bull wollte den Verein nicht nur wei­ter­bringen“. Red Bull hat diesen Verein geboren.

RB Leipzig basiert nach wie vor auf einer Schum­melei

Ein letztes Bei­spiel: Vor einigen Wochen war der ehe­ma­lige 11FREUNDE-Kol­lege Ste­phan Reich zu Gast in einer Fuß­ball­talk­show des Hes­si­schen Rund­funks. Außer ihm waren ein wei­terer Jour­na­list ein­ge­laden sowie zwei Fans, eine Frau, die sehr aktiv der Ein­tracht die Daumen drückt, und ein Mann, ein RB-Fan. Die Sen­dung wurde kurz vor dem Pokal­spiel zwi­schen Frank­furt und Leipzig aus­ge­strahlt, Gesprächs­thema waren das Spiel und das Kon­strukt RB. Reichs Rolle war klar: Er sollte im direkten Gegen­satz zum Leipzig-Fan den Stand­punkt der Fuß­ball­ro­man­tiker ver­tei­digen. 

Dass der Leipzig-Fan mit den übli­chen Nicht-Argu­menten kam („andere haben auch Spon­soren“, etc.), war so zu erwarten gewesen. Dass aber der erfah­rene Jour­na­list an Reichs Seite irgend­wann davon schwärmte, wie groß­artig der RB-Campus sei, den er mit eigenen Augen habe sehen dürfen, und wie her­vor­ra­gend dort gear­beitet werden würde, ließ einen als Zuschauer dann doch eini­ger­maßen ratlos zurück.

Hört man sich den Gesprächs­ver­lauf an, wird deut­lich, was in der Bericht­erstat­tung der­zeit so ekla­tant falsch läuft. Der zen­trale Punkt, den Reich auch erstaun­lich geduldig wie­der­holt, scheint vielen nicht (oder nicht mehr?) in den Kopf gehen zu wollen. RB Leipzig basiert nach wie vor auf einer Schum­melei, ist nach wie vor ein Imitat, ist nach wie vor kein nor­maler Verein (19 Mit­glieder, 19!). Egal, wie gut die Scouts dort scouten, egal wie viele Tore Timo Werner schießt.