Pro Spieltag tickern wir eine Bun­des­li­ga­partie. Ges­tern zum Bei­spiel Dort­mund gegen Lever­kusen. Eine Paa­rung, die schon vor Wochen – als wir mit Blick auf den Ter­min­ka­lender über­legten, wel­ches Spiel wir am zweiten Febru­ar­wo­chen­ende denn tickern wollen – viel­ver­spre­chend klang. Zwei gute Teams, junge und auf­re­gende Spieler, attrak­tiver Fuß­ball. Kann man auf jeden Fall tickern. Kann man aber auch, wenn man nicht ein biss­chen däm­lich ist, ein­fach lassen.

Denn das Top­spiel steigt erst heute. Wenn Bayern auf RB Leipzig trifft. Erster gegen Zweiter, ein rich­tungs­wei­sendes Spiel um die Deut­sche Meis­ter­schaft, ein echter Kra­cher. Ein Spiel, für das Rechte-Inhaber Sky schon seit Wochen trom­melt, eine Partie, um die herum sich eine wun­der­bare Geschichte erzählen lässt. Dort der zu Beginn der Saison tau­melnde Seri­en­meister, das ange­knockte Schwer­ge­wicht, hier der junge und furcht­ein­flö­ßend gut aus­trai­nierte Empor­kömm­ling, dem viele zutrauen, die Bayern (zumin­dest) in diesem einen Spiel k.o. zu hauen. Ein Titel­kampf. Den die aller­meisten Fans im Land heute gucken werden. Was uns dem­entspre­chend auch wesent­lich mehr Live­ti­cker-Zugriffe bescheren würde als Dort­mund gegen Lever­kusen ges­tern.

Wir haben uns trotzdem dagegen ent­schieden. Was nicht daran liegt, dass wir auf Klick­zahlen pfeifen und finan­ziell nicht darauf ange­wiesen wären, dass Men­schen unsere Inhalte lesen. Wir haben uns – mal wieder – dagegen ent­schieden, weil wir das Kon­strukt RB Leipzig nicht weiter nor­ma­li­sieren wollen. Wes­halb wir schon seit jeher, auch unab­hängig vom Live­ti­cker, weder im gedruckten Heft noch auf 11freunde​.de im her­kömm­li­chen Sinne über Leipzig berichten.

Zuschauer und Leser sind nicht hirnlos

RB Leipzig ist diese Ent­schei­dung sehr wahr­schein­lich sehr egal. Das Spiel wird in hun­dert ver­schie­dene Länder live über­tragen, die Zusam­men­fas­sung werden später Mil­lionen von Men­schen auf You­Tube sehen. Und selbst wenn nicht, der Verein erreicht auch so genug Leute. Auf Twitter und Face­book und Insta­gram hat der Verein ins­ge­samt mehr Fol­lower als wir selber. Was nicht heißt, dass unab­hän­gige Platt­formen RB zwangs­läufig egal sein könnten, nur weil diese auf Social Media weniger Men­schen errei­chen. Zuschauer und Zuhörer und Leser und User sind nicht hirnlos, sie können auch im Jahr 2020 noch unter­scheiden zwi­schen kri­ti­scher Bericht­erstat­tung und PR. Das Pro­blem ist bloß: Es gibt quasi keine kri­ti­sche Bericht­erstat­tung mehr.

Spä­tes­tens in dieser Saison hat es gegen­über RB einen medialen Stim­mungs­wandel gegeben. Damit sind nicht Ex-Profis gemeint, die sonn­tags­früh im Dop­pel­pass einen Schluck Wei­zen­bier trinken, dann das wahn­sinnig span­nende Pro­jekt Leipzig und die exzel­lente Arbeit dort loben und dann ins Phra­sen­schwein ein­zahlen (Rei­hen­folge der auf­ge­zählten Aktionen beliebig ver­än­derbar). Das war schon vor drei Jahren nicht anders. Eben­falls nicht gemeint sind die maximal nüch­ternen Spiel­be­richte im Kicker oder die Jubel­perser-Kom­men­tare von Frank Busch­mann wäh­rend einer durch­schnitt­li­chen (von Sky für teures Geld ein­ge­kauften) Cham­pions-League-Über­tra­gung. Gemeint sind Texte von eigent­lich kri­ti­schen Redak­tionen.

Von der SZ zum Bei­spiel, die Leipzig kürz­lich zum lang erwar­teten Wach­küsser der Liga erklärte. Oder dieser Text, erschienen im Dezember 2019 auf zeit​.de, geschrieben von einem – das ist nicht iro­nisch gemeint – sehr kom­pe­tenten Jour­na­listen. Die Über­schrift lautet, womög­lich nicht ganz zufällig (womög­lich nehmen wir uns in diesem Fall aber auch zu wichtig), Elf Freunde. Unter anderem heißt es: Was die Kri­tiker jedoch über­sehen oder über­gehen: Der Verein mag keine Iden­tität und keine Tra­di­tion haben, doch hinter dem Leip­ziger Erfolg steckt eine sehr simple, aber uralte, ewig junge, roman­ti­sche Idee. Die Idee von einer Mann­schaft, die über Jahre zu einem har­mo­ni­schen Gefüge wächst und etwas gemeinsam leistet, was man ihren Ein­zel­teilen nie zuge­traut hätte. Diese Mann­schaft steht für etwas, was den Fuß­ball lie­bens­wert macht. In Leipzig lebt der Geist der elf Freunde.“

Das ist inhalt­lich natür­lich ziem­lich hane­bü­chen, denn an der Art der Zusam­men­stel­lung des Leip­ziger Kaders ist über­haupt gar nichts roman­tisch. Ers­tens sind Spieler wie Marcel Sab­itzer, Emil Fors­berg oder Timo Werner (oder Yussuf Poulsen oder Dayot Upa­me­cano oder Peter Gulasci) schon seit ihrem ersten Bun­des­li­ga­spiel für Leipzig her­aus­ra­gende Ein­zel­teile“, denen man auch damals in anderen Mann­schaften her­aus­ra­gende Leis­tungen zuge­traut hätte. Sonst wäre Leipzig als Auf­steiger 2016/2017 wohl eher nicht Vize­meister geworden. Zwei­tens konnte die Mann­schaft nur har­mo­nisch“ zusam­men­wachsen, weil genau diese Top­spieler über Jahre hinweg auch dem­entspre­chend bezahlt wurden. Glad­bach oder Schalke und selbst Dort­mund hätten in der Ver­gan­gen­heit wahr­schein­lich sehr gerne über har­mo­nisch gewach­sene Mann­schaften ver­fügt. Aber viel­leicht waren Reus und Sané und Gün­dogan auch ein­fach nicht eng genug mit ihren Mit­spie­lern befreundet.

Weiter heißt es: Beim Sieg in Düs­sel­dorf am Samstag standen in der Startelf sechs von ihnen, die schon in Zweit­li­ga­zeiten in Leipzig waren, beim Sieg gegen Hof­fen­heim eine Woche zuvor waren es sieben. Beim Cham­pions-League-Spiel in Lyon vorige Woche kamen die beiden Dritt­li­gal­eip­ziger Demme und Poulsen zum Ein­satz. Zugänge wie Patrick Schick oder Chris­to­pher Nkunku ergänzen die Elf. Doch es sind nicht die Ein­käufe aus der Bun­des­liga-Zeit, die Leipzig so stark machen. Es sind die, die vor langer Zeit mit Weit­sicht getä­tigt wurden, als Leip­ziger Scouts in St. Pauli, Bochum, Kai­sers­lau­tern oder Malmö fündig wurden.“

RB Leipzig ist ein Imitat

Dazu nur so viel: Nie­mand redet das Leip­ziger Scou­ting schlecht. Aber wel­cher andere Dritt­li­gist hat jemals 1,55 Mil­lionen Euro für einen Spieler aus­ge­geben (wie Leipzig 2013 für Yussuf Poulsen)? Will heißen: Ein hoch­ver­an­lagter Mann wie Yussuf Poulsen war nie ein echter Dritt­li­ga­spieler“. Und wel­cher andere Zweit­li­gist hätte 2015 einen Emil Fors­berg (der von inter­na­tio­nalen Top­klubs umworben wurde) bezahlen können? Und wel­cher seinen Job auch nur halb­wegs ordent­lich aus­füh­rende Scout hat Malmö (die dau­ernd Europa League oder Cham­pions League spielen) oder Bochum oder St. Pauli nicht auf dem Schirm?

Dar­über hinaus muss man über den Inhalt des Textes aber gar nicht streiten. Denn er geht, wie es oft beim Thema Leipzig der Fall ist, kom­plett am Pro­blem vorbei. Die Kritik an RB Leipzig hat nichts mit dem Schlag­wort Tra­di­tion zu tun. Ob der Verein zehn Jahre alt ist oder 1110, das ist, mit Ver­laub, kom­plett wuppe. Es geht auch nicht darum, die sport­li­chen Leis­tungen in Abrede zu stellen. Es geht darum, und nein, das wurde anschei­nend noch nicht oft genug wie­der­holt, dass RB Leipzig ein reines Mar­ke­ting­pro­jekt ist. Einzig und allein geschaffen, um die Marke Red Bull zu stärken. RB Leipzig ist kein Fuß­ball­verein, RB Leipzig ist ein Imitat.

RB Leipzig hatte nie die Absicht, nur Fuß­ball zu spielen. Und es ist eben nicht das gleiche, wenn Ver­eine (wie zuletzt Hertha) Anteile an Inves­toren ver­kaufen oder von Tri­kot­spon­soren Mil­lio­nen­be­träge kas­sieren wie die Bayern (was nicht heißt, dass das, was in Berlin pas­siert, richtig ist). Diese Ver­eine gab es schon, bevor die Inves­toren kamen. Der ein­zige Zweck dieser Ver­eine ist nicht, mög­lichst effektiv Wer­bung zu machen.

Was uns zu einem wei­teren Bei­spiel der feh­lenden – oder falsch for­mu­lierten – Kritik in der Bericht­erstat­tung führt. In einem Inter­view, das der Spiegel vor wenigen Wochen mit Marcel Sab­itzer führte, wurde unter anderem diese Frage gestellt: Viele Fuß­ball­fans kri­ti­sieren RB Leipzig, sie finden es unfair, dass der Verein mit­hilfe von Red Bull so schnell erfolg­reich geworden ist. Ver­stehen Sie die Kritik?“ Sab­itzer ant­wor­tete: Nein, das kann ich nicht ver­stehen. Was sind viele? Ultras oder Fans? Wir spüren davon gar nichts mehr. Inter­na­tional ist es sowieso ganz normal, dass es Inves­toren gibt, die den Verein wei­ter­bringen wollen.“

Man möchte sich an den Kopf fassen. Die Fans, die RB kri­ti­sieren, sind nicht nei­disch auf den schnellen Erfolg. Sie sind sauer, dass ein Mar­ke­ting­pro­jekt mit ein paar faulen Tricks (Rasen­Ball­sport statt Red Bull, das leicht abge­än­derte Logo) und offen­sicht­li­chem Gemau­schel (50+1, Trans­fers mit Salz­burg) an den eigent­li­chen Lizenz­auf­lagen vorbei in den Pro­fi­fuß­ball auf­steigen konnte. Sie sind genervt von der Erzäh­lung, dass Leipzig im Gegen­satz zu Tra­di­ti­ons­ver­einen so gut arbeiten würde, obwohl der Klub in den ver­gan­genen zehn Jahren die zweit­mie­seste Trans­fer­bi­lanz aller deut­schen Ver­eine (nach den Bayern) auf­weist. Sie sind davon genervt, dass Red Bull und damit Diet­rich Mate­schitz in Dis­kus­sionen ständig mit her­kömm­li­chen Inves­toren gleich­ge­setzt werden. Und nein, lieber Marcel Sab­itzer (wie der Mann in Leipzig gelandet ist, ist, auch das haben viele ver­gessen, ein Thema für sich): Red Bull wollte den Verein nicht nur wei­ter­bringen“. Red Bull hat diesen Verein geboren.

RB Leipzig basiert nach wie vor auf einer Schum­melei

Ein letztes Bei­spiel: Vor wenigen Tagen war der ehe­ma­lige 11FREUNDE-Kol­lege Ste­phan Reich zu Gast in einer Fuß­ball­talk­show des Hes­si­schen Rund­funks. Außer ihm waren ein wei­terer Jour­na­list ein­ge­laden sowie zwei Fans, eine Frau, die sehr aktiv der Ein­tracht die Daumen drückt, und ein Mann, ein RB-Fan. Die Sen­dung wurde kurz vor dem Pokal­spiel zwi­schen Frank­furt und Leipzig aus­ge­strahlt, Gesprächs­thema waren das Spiel und das Kon­strukt RB. Reichs Rolle war klar: Er sollte im direkten Gegen­satz zum Leipzig-Fan den Stand­punkt der Fuß­ball­ro­man­tiker ver­tei­digen. 

Dass der Leipzig-Fan mit den übli­chen Nicht-Argu­menten kam („andere haben auch Spon­soren“, etc.), war so zu erwarten gewesen. Dass aber der erfah­rene Jour­na­list an Reichs Seite irgend­wann davon schwärmte, wie groß­artig der RB-Campus sei, den er mit eigenen Augen habe sehen dürfen, und wie her­vor­ra­gend dort gear­beitet werden würde, ließ einen als Zuschauer dann doch eini­ger­maßen ratlos zurück.

Hört man sich den Gesprächs­ver­lauf an, wird deut­lich, was in der Bericht­erstat­tung der­zeit so ekla­tant falsch läuft. Der zen­trale Punkt, den Reich auch erstaun­lich geduldig wie­der­holt, scheint vielen nicht (oder nicht mehr?) in den Kopf gehen zu wollen. RB Leipzig basiert nach wie vor auf einer Schum­melei, ist nach wie vor ein Imitat, ist nach wie vor kein nor­maler Verein (19 Mit­glieder, 19!). Egal, wie gut die Scouts dort scouten, egal wie viele Tore Timo Werner schießt.

Was uns zurück­führt an den Anfang, zum Spiel zwi­schen Bayern und Leipzig. Als die beiden Mann­schaften im Dezember 2016 (damals war RB sen­sa­tio­nell“ punkt­gleich mit den Bayern) erst­mals über­haupt auf­ein­ander trafen, haben wir das Spiel übri­gens geti­ckert. Aller­dings aus der (damals wohl auch noch zutref­fenden) Annahme heraus, dass den aller­meisten Men­schen klar ist, dass RB nicht ein­fach irgend­eine nor­male Bun­des­li­ga­mann­schaft stellt und dieses Top­spiel nicht irgendein nor­males Top­spiel sein würde. Und dass man diesen Umstand gebüh­rend würde abfangen können durch die ein­zelnen Ticker-Ein­träge. 

Heute ist es anders. Denn auch wenn – ent­gegen der in vielen Medien mitt­ler­weile gän­gigen Erzäh­lung – die Kritik vieler Fans kei­nes­wegs abge­ebbt ist (erst kürz­lich schwiegen Glad­bach-Fans im Spiel in Leipzig aus Pro­test die ersten 19 Minuten), so ist RB Leipzig für viele Redak­tionen mitt­ler­weile anschei­nend ein nor­maler Bun­des­li­gist. Über den berichtet wird wie über Dort­mund oder Köln. Fri­seur im Hotel, groß­ar­tiger Sieg, schlaf­müt­zige erste Halb­zeit.

Hat mich nicht inter­es­siert. Ich war Grillen. War auch gut.“

Tommi Schmitt über das Pokalfinale mit Leipziger Beteiligung

Nicht damit ein fal­scher Ein­druck ent­steht. Die in diesem Text erwähnten Redak­tionen sind in Bezug auf viele andere Themen äußerst kri­tisch und hand­werk­lich genau. Oft­mals genauer und hart­nä­ckiger als wir selber, Stich­wort Foot­ball Leaks, Stich­wort Doping. Und ein­zelne Texte oder Inter­views spie­geln auch nicht die Band­breite an Ver­öf­fent­li­chungen wider, die es von den Redak­tionen zum Thema RB gibt. 

Eben­falls wichtig: Dieser Text ent­steht nicht aus Wut. Auch wenn es spä­tes­tens seit dieser Saison neben den erwähnten und in den ver­gan­genen Jahren immer wieder detail­liert beschrie­benen Gründen noch einen wei­teren Grund gäbe, wütend auf RB zu sein. Wel­cher andere Verein hätte einen dazu zwingen können, den Bayern im Titel­kampf die Daumen zu drü­cken? Den gott­ver­dammten Super­bayern!?

Um die Behaup­tung zu stützen, dass dieser Text und das ansonsten laute Schweigen zum Thema RB nichts mit Wut zu tun haben, endet er mit einem auf den Punkt gebrachten Zitat. Gesagt hat die fol­genden Sätze Comedy-Autor Tommi Schmitt, wir selber hätten es nicht tref­fender for­mu­lieren können: Deren Erfolge erin­nern mich immer an die Kinder, die früher beim Com­pu­ter­spielen gecheated haben: Klar, du hast jetzt gewonnen, du hast gut gespielt – aber Applaus bekommst du dafür von mir nicht. Ich will dich noch nicht mal ärgern. Ich habe ein­fach keine Lust mehr, mit dir zu spielen. Als sie letztes Jahr im Pokal­fi­nale standen, habe ich zum ersten Mal das End­spiel nicht gesehen. Hat mich nicht inter­es­siert. Ich war Grillen. War auch gut.“