Seite 3: „Manchmal haben wir sogar in der Kabine geraucht“

Wie haben Sie die Atmo­sphäre in Madrid wahr­ge­nommen? Es waren die Jahre der Franco-Dik­tatur.

Mir ist nichts Nega­tives in Erin­ne­rung geblieben.
Chris­tiane Kopa: Also, mir kamen die Leute schon bedrückt vor. Gera­dezu traurig.
Mag sein, dass meine Sicht ver­zerrt ist. Ich hatte ja vor allem im Sta­dion Kon­takt zu den Leuten. Dort waren sie aus­ge­lassen und fröh­lich. Viel­leicht war der Fuß­ball ein Ventil für sie.

Real Madrid war Francos Lieb­lings­verein.

Wollen Sie damit sagen, dass wir des­wegen Vor­teile hatten? Nein, junger Freund: Unsere Tore haben wir schon selbst her­aus­ge­spielt. Aber mal was anderes: Rau­chen Sie eigent­lich?

Ja, ab und zu. Warum fragen Sie?

Wegen Di Ste­fano. Der hat geraucht wie ein Schlot! Zwei Schach­teln am Tag! Manchmal haben wir sogar in der Kabine geraucht. Es waren andere Zeiten. Heute weiß ich: Rau­chen ist unge­sund. Liebe Kinder, hört auf zu rau­chen!

Wann haben Sie denn auf­ge­hört?

Es war beim Euro­pa­po­kal­fi­nale zwi­schen Olym­pique Mar­seille und dem AC Mai­land 1993 in Mün­chen. Ich saß auf der Ehren­tri­büne und musste fest­stellen, dass ich keine Kippen dabei hatte. Es war nicht mehr genug Zeit bis zum Anstoß, um mir welche zu besorgen. Da habe ich ein­fach auf­ge­hört. Apropos: Meine Katze hier heißt Basile. Wie Basile Boli, der damals das Siegtor für Mar­seille köpfte! Beides starke Jungs.

Es war das erste Finale der neu ein­ge­führten Cham­pions League. Was hat dieser Wett­be­werb noch mit dem alten Euro­pa­pokal der Lan­des­meister zu tun, in dem Sie mit Real Madrid so große Erfolge fei­erten?

Vom Modus her ziem­lich wenig, aber ich denke nicht, dass er des­wegen an Pres­tige ver­loren hätte. Wir sehen auch in der Cham­pions League noch immer groß­ar­tige Spieler. Wissen Sie übri­gens, wer in Spa­nien mit mir ver­gli­chen wird?

Ver­raten Sie es uns.

Lionel Messi! Aus­ge­rechnet ein Spieler vom FC Bar­ce­lona, unserem Erz­ri­valen! Aber ich nehme es als Kom­pli­ment. Wobei es ihm natür­lich mehr schmei­chelt als mir. (Lacht.)

Sie sind in Spa­nien also noch ein Begriff. Wie oft sind Sie heute noch im Ber­nabeu zu Gast?

Nur noch selten, ich bin schließ­lich schon 83 Jahre alt und lebe die meiste Zeit auf Kor­sika, ein biss­chen ab vom Schuss. Aber die netten Damen aus dem Orga­ni­sa­ti­ons­büro sagen mir immer, dass sie meinen Platz frei­halten, falls ich doch komme.

Ihr letztes Spiel für Real Madrid war das Euro­pa­po­kal­fi­nale 1959 – wieder gegen Stade Reims, wohin Sie danach zurück­wech­selten. Sie gewannen 2:0.

Ja, ich glaube, meine zukünf­tigen Kol­legen haben mich gewinnen lassen. (Lacht.) Ich hatte mich ziem­lich bald ver­letzt, durch einen harten Tritt von Jean Vin­cent. Aber ich musste trotzdem durch­halten bis zum Ende, Aus­wechs­lungen waren damals ja noch nicht vor­ge­sehen. Wissen Sie, wer mir einen Knie­ver­band anlegte? Albert Bat­teux, der Trainer von Stade Reims! Das sagt doch alles. Ich glaube übri­gens, dass wir Bra­si­lien im Halb­fi­nale der WM 1958 gefähr­lich geworden wären, wenn sich unser Kapitän Robert Jon­quet nicht ver­letzt hätte oder wir ihn wenigs­tens hätten aus­tau­schen können. Viel­leicht wären wir sogar Welt­meister geworden! Ich sage Ihnen: Die Bra­si­lianer hatten Schiss vor uns.

Immerhin wurden Sie in jenem Jahr als bester Fuß­baller Europas mit dem Ballon d’Or aus­ge­zeichnet.

Das bedeutet mir sehr viel! Vor und nach mir hat ihn Don Alfredo bekommen. Ich bin also ein­ge­rahmt von einem der Größten.

Zuletzt bekam Cris­tiano Ronaldo den Gol­denen Ball. Ist er ein wür­diger Nach­folger, Mon­sieur Kopa?

Hm. (Über­legt.) Er spielt für Real Madrid. Ich würde nie­mals etwas Schlechtes über ihn sagen.