Seite 2: „Er sah aus wie der Platzwart“

Sie spielten in Madrid fortan vor einer wesent­lich grö­ßeren Kulisse als zuvor in Reims.

Wohl wahr! Im Stade August-Delaune spielten wir vor höchs­tens 10 000 Zuschauern, im Ber­nabeu waren es zehn Mal so viele.

Waren Sie nicht ein­ge­schüch­tert?

Wo denken Sie hin? Ich habe es über alles geliebt! Die Anhänger riefen mich wäh­rend der Spiele mit meinem spa­ni­schen Spitz­namen, um mich anzu­spornen: Los, Kopita, lauf! Mach sie fertig, Kopita!“ Ich habe mich sogar gefreut, als das Sta­dion erwei­tert wurde.

Je größer das Macht­be­wusst­sein, desto größer das Sta­dion: Real Madrid wollte zeigen, wer die Nummer eins ist.

Ers­tens: Sie haben das Sta­dion erwei­tert. Zwei­tens: Sie haben mich ver­pflichtet. Das waren die Schlüssel zum Erfolg! (Lacht.) Im Ernst: Dieser Klub war in allem die Nummer eins. Zum Bei­spiel auch medi­zi­nisch. Wenn ein Spieler auch nur ein kleines Zip­per­lein hatte, kam sofort der Mann­schafts­arzt zu ihm nach Hause und küm­merte sich um ihn. Und weil er ja schon mal da war, hat er den Rest der Familie auch gleich unter­sucht. Das war die Hand­schrift von Prä­si­dent Ber­nabeu: Er hatte ein­fach alles im Blick. Und: Er liebte die Men­schen. Das war sein Erfolgs­ge­heimnis – und somit auch das des ganzen Klubs.

In Ihren drei Jahren bei Real Madrid ver­loren Sie nur ein ein­ziges Heim­spiel.

Aber dafür war es eine Nie­der­lage, die so bitter war wie tau­send: zu Hause gegen Atle­tico! Am Tag danach musste die gesamte Mann­schaft bei Ber­nabeu zum Rap­port antanzen. Meine Herren! Wenn das noch einmal pas­siert“, brüllte er, werfe ich Sie alle raus!“ Wir saßen da wie Schul­lümmel. Aber hin­terher, als wir wieder unter uns waren, mussten wir schon ein biss­chen lachen. Wir wussten ja: Bes­sere Spieler als uns würde er auf der ganzen Welt nicht finden.

Wer war der Beste der Besten?

Di Ste­fano war der Chef, der Anführer dieser großen Mann­schaft. Als Indi­vi­dua­list war Ferenc Puskas aber sogar noch eine Spur stärker. Welch ein groß­ar­tiger Spieler! Viel­leicht der beste aller Zeiten. Ich sah ihn erst­mals 1953 in London. Wir waren mit der gesamten Mann­schaft von Stade Reims dorthin gereist, um uns das Län­der­spiel zwi­schen Eng­land und Ungarn im Wem­bley­sta­dion anzu­sehen. Es endete 6:3 für Ferenc und seine Jungs. Es war eine Zau­ber­vor­stel­lung, reine Magie.

Als Ferenc Puskas 1958 zu Real Madrid stieß, war er aller­dings nicht in son­der­lich guter Ver­fas­sung.

Da unter­treiben Sie aber: Er war dick! Und wie dick er war! Alle wussten natür­lich, wer er war und was er geleistet hatte. Aber als er vor uns stand, sah er aus wie der Platz­wart. Wie auch immer: Er brachte sich wieder in Form, und bereits in seiner ersten Saison wurde er zweit­bester Tor­schütze der spa­ni­schen Liga – hinter Di Ste­fano.

Wie funk­tio­nierte das Zusam­men­spiel zwi­schen Puskas, Di Ste­fano und Ihnen?

Don Alfredo war der Feld­herr in der Mitte des Gesche­hens, Ferenc sein Adju­tant auf halb­links, ich war Rechts­außen. Aber Sie haben einen äußerst wich­tigen Mann in diesem Gefüge ver­gessen: Fran­cisco Gento!

Der kantabri­sche Sturm­wind, natür­lich!

Ich habe keinen Spieler gesehen, der mit dem Ball am Fuß schneller war als er. Ich konnte drib­beln, er konnte rennen. Wenn Sie so wollen, waren unsere Außen­bahnen ver­schie­dene Kli­ma­zonen.

Steht man als Außen­stürmer in der Hier­ar­chie auto­ma­tisch unter dem Spiel­ma­cher, zumal wenn dieser Di Ste­fano heißt?

Ja, aber Don Alfredo wusste, dass er uns brauchte. Er war ein freund­li­cher, warm­her­ziger und hin­ge­bungs­voller Mann. Er hat sich nie­mals ein­ge­bildet, dass er alles allein richten könnte – obwohl er das mit­unter durchaus tat, um ehr­lich zu sein. Ich habe ihn und auch Puskas noch oft zu Hause besucht, als ich schon nicht mehr in Madrid lebte. Es war immer sehr herz­lich. Wie schade, dass sie nicht mehr unter uns weilen.