Mon­sieur Kopa, wären Sie heut­zu­tage gern Fuß­ball­profi?
Wegen des Geldes, meinen Sie? Nein, kei­nes­wegs. Ich bin hoch­zu­frieden mit dem, was ich ver­dient habe. Viel war es zwar nicht, gemessen an dem, was Fuß­baller heute ver­dienen. Zumal solche, die – mit Ver­laub – nicht das Gleiche zu leisten imstande sind wie wir damals. Aber das kann ich jetzt auch nicht mehr ändern. Das Selt­same ist nur: Ich habe trotzdem Neid zu spüren bekommen, weil die Anhänger von Stade Reims der Ansicht waren, dass die 52 Mil­lionen Francs Ablöse, die Real Madrid 1956 für mich gezahlt hatte, in meine Tasche geflossen sei. Schön wär’s gewesen!

Viel­leicht waren die Leute nicht gut auf Sie zu spre­chen, weil Sie bei dem Klub unter­schrieben hatten, gegen den Stade Reims wenige Tage später im ersten Euro­pa­po­kal­fi­nale antreten sollte.

Mein Gott, was sollte ich denn machen? Ich wusste ein­fach, dass ich zu Real Madrid wech­seln musste, eine unwi­der­steh­liche Kraft zog mich dorthin. Ich wollte an der Spitze stehen, und Real Madrid gehörte die Zukunft. Aber glauben Sie ernst­haft, ich hätte den Madri­lenen im End­spiel 1956 etwas geschenkt? Gucken Sie sich doch mal den Spiel­ver­lauf an: Wir führten 2:0. Doch Alfredo Di Ste­fano war nicht zu stoppen, er bog das Resultat fast allein zu seinen Gunsten um, ein wahrer Her­ku­lesakt. Am Ende hieß es 4:3 für Madrid. Es war die Geburts­stunde der größten Mann­schaft in der Geschichte des Fuß­balls.

Auch Stade Reims zählte damals zu den euro­päi­schen Top-Adressen. Und das, obwohl die Cham­pagne tra­di­tio­nell nicht gerade eine Fuß­ball­hoch­burg ist.

Die Ver­ant­wort­li­chen hatten ein­fach ein gutes Gespür dafür, wie man einen Verein orga­ni­siert. Sie waren keine ehe­ma­ligen Fuß­baller, die zum Zeit­ver­treib nach ihrer Kar­riere ein Pöst­chen beklei­deten, wie es anderswo der Fall war. Nein, sie waren Geschäfts­leute, und sie haben auch den Fuß­ball als Geschäft betrachtet. Eine Sicht­weise, mit der sie ihrer Zeit weit voraus waren. Allen voran muss ich Henri Ger­main nennen, den Besitzer der gleich­na­migen Cham­pa­gner­marke. Er war ein Visionär. Er hat nicht nur aufs Tages­ge­schäft geschaut, son­dern sich immer gefragt: Wo wollen wir in einem Jahr sein, in fünf, in zehn? Er legte viel Wert auf die Jugend­ar­beit und auf die zweite Mann­schaft als Reser­voir für die erste. So formte er aus einem belä­chelten Pro­vinz­klub den alles domi­nie­renden Klub im fran­zö­si­schen Fuß­ball der fünf­ziger Jahre.

Stade Reims holte in jenen Jahren sechs Meis­ter­titel, bil­dete den Kern der Natio­nal­mann­schaft, die bei der WM 1958 in Schweden Dritter wurde, und drang zwei Mal ins Euro­pa­po­kal­fi­nale vor. Ihr Trainer hieß Albert Bat­teux.

Bat­teux, oh ja! Er war der beste Trainer seiner Zeit, zumal für Stade Reims. Er war dort selbst jah­re­lang Spieler gewesen und kannte die Phi­lo­so­phie des Ver­eins wie kein anderer. Mit jungen Spie­lern aus dem eigenen Nach­wuchs ließ er rasanten Offen­siv­fuß­ball spielen, viele von ihnen wurden zu Stars des euro­päi­schen Fuß­balls: Prouff, Leb­lond, Appel, Méano, Tem­plin, Zimny, Cicci oder Bliard, um nur einige zu nennen.

Was hat er Sie gelehrt?

Dass man aus seinen Feh­lern lernen muss, um sich stetig zu ver­bes­sern. Wissen Sie, mit seiner Kritik nach einem Spiel fing er stets bei mir an, und er ging sehr hart mit mir ins Gericht. Da wussten die anderen: Wenn er unserem besten Mann die Fehler so klar auf­zeigt, können wir bestimmt nicht alles richtig gemacht haben. Zugleich schaffte er es aber, dass wir an unsere eigene Stärke glaubten, an unser Poten­tial. Wir wollten es in Zukunft besser machen, auch ihm zuliebe. Meine Güte, Bat­teux: Welch ein Cha­ris­ma­tiker! 

Bat­teux war auch Ihr Trainer beim 2:1 Frank­reichs in Spa­nien 1955. Im Estadio Ber­nabeu wurden Sie nach dem Spiel auf Händen getragen – von Anhän­gern des Gast­ge­bers.

Junge, das war was! Ich denke, dass dieses Spiel den Aus­schlag für meinen Wechsel nach Madrid gegeben hat. 

Auch der AC Mai­land soll an Ihnen inter­es­siert gewesen sein.

Ja, tat­säch­lich. Die Madri­lenen haben mich per­sön­lich kon­tak­tiert, die Mai­lander hin­gegen meine Frau Chris­tiane. Chris­tiane Kopa: Ich erin­nere mich noch sehr gut an diesen Tag. Ich traf die ita­lie­ni­schen Herren in Paris am Gare de l’Est. Sie erzählten mir, wie wohl ich mich in Mai­land fühlen würde, der Mode­haupt­stadt der Welt. Mich reizte es durchaus, dort zu leben, aber es ging ja nicht um mich, es ging um Ray­mond. Und ich wollte zu Real Madrid! Und da gab es ja auch schöne Bou­ti­quen, nicht wahr, Lieb­ling?

Chris­tiane Kopa: Ja, das stimmt.

Außerdem hatte Alfredo Di Ste­fano ein starkes Zei­chen gesetzt. Damals durften die Klubs in Spa­nien nur drei Aus­länder im Kader haben. Drei waren schon da: Roque Olsen, Hector Rial und er selbst, alle­samt gebür­tige Argen­ti­nier. Don Alfredo hat sich dann ein­bür­gern lassen, um Platz für mich zu machen.