Torsten Völker, als Hansa Ros­tock 1990 die Ver­pflich­tung von Uwe Rein­ders bekannt gab, standen Sie als ein­ge­fleischter Fan auf den Tri­bünen des Ost­see­sta­dions. Wissen Sie noch, wie Sie damals auf die Nach­richt reagiert haben?

Torsten Völker: Ich fand das groß­artig. End­lich ging mal einer den umge­kehrten Weg. Überall in der DDR ver­ließen die Fuß­baller das Land, um in der Bun­des­liga anzu­heuern. Und hier kam ein west­deut­scher Trainer, der sogar mal Natio­nal­spieler gewesen war, zu uns nach Ros­tock. In die DDR! Wir waren alle stolz wie Bolle auf unseren“ Wessi.

Mit Rein­ders spielte Hansa eine über­ra­gende Saison – und trotzdem ging der Zuschau­er­schnitt auch in Ros­tock dra­ma­tisch zurück.

Torsten Völker: Die Men­schen hatten ein­fach wich­ti­geres zu tun, als zum Fuß­ball zu gehen. Mau­er­fall, Wäh­rungs­re­form, der Zusam­men­bruch der DDR – da musste sich der Fuß­ball erstmal hinten anstellen.

Haben Sie das denn deut­lich gemerkt?

Torsten Völker: Absolut! Ein Bei­spiel: Als Hansa 1987 das FDGB-Pokal­fi­nale erreichte, fuhren 25.000 Ros­to­cker zum Finale nach Berlin! 1991 waren dann ins­ge­samt nur 8.000 Zuschauer beim End­spiel in Berlin, davon viel­leicht 2.000 aus Ros­tock.

Diese letzte Saison der DDR-Ober­liga wurde vor allem über­schattet von zum Teil bru­taler Fan-Gewalt und Aus­ein­an­der­set­zungen mit der Polizei. Wie haben Sie das erlebt?

Torsten Völker: Als der FC Berlin (der ehe­ma­lige BFC Dynamo, d. Red.) in Ros­tock war, nahmen hun­derte Hools die Innen­stadt aus­ein­ander. Ich kann mich aller­dings beson­ders an das Gast­spiel vom 1. FC Mag­de­burg erin­nern, das war am 3. März 1990 Da wurden die Mag­de­burger von Hoo­li­gans aus Ros­tock und Ham­burg ange­griffen, die Fans vom FCM flohen panisch über die Haupt­tri­büne und Tar­tan­bahn aus dem Mara­thontor. Das waren wirk­lich unschöne und dra­ma­ti­sche Szenen.

Den nega­tiven Höhe­punkt der Kra­walle war erreicht, als am 3. November 1990 der FC-Berlin-Fan Mike Polley von einem Poli­zisten erschossen wurde.

Torsten Völker: Wir waren an diesem Tag mit Hansa zum Aus­wärts­spiel in Dresden und gerade auf der Rück­fahrt. Am Bahnhof Berlin Lich­ten­berg mussten wir immer etwas warten, da machte plötz­lich das Gerücht die Runde, in Leipzig habe es einen Toten. Zu Hause erfuhren wir dann, dass es nicht nur ein Gerücht war.

Als Ros­to­cker hatten Sie in dieser Saison trotzdem allen Grund zu jubeln – erst­mals gewann Hansa die DDR-Meis­ter­schaft, dazu sogar noch den FDGB-Pokal. Der Meis­ter­titel wurde durch einen 3:1‑Erfolg gegen Dynamo Dresden klar gemacht. Wie war die Party auf den Rängen?

Torsten Völker: Unglaub­lich. Für mich aller­dings schmerz­haft: Als Henri Fuchs das dritte Tor für Hanse geschossen hatte, sprang ich auf den Zaun, um ihm zuzu­ju­beln. Doch an dem scharfen Draht riss ich mir ziem­lich übel die Hand auf. Die Wunde blu­tete ziem­lich stark, aber ich dachte nicht daran, ins Kran­ken­haus zu gehen. Statt­dessen fuhren wir direkt nach dem Spiel mit ein paar Kum­pels mit der Fähre nach Däne­mark um dort wei­ter­zu­feiern. Und weil die Wunde des­halb nie ordent­lich ver­arztet wurde, erin­nert mich heute eine ziem­lich häss­liche Narbe an die Meis­ter­schaft 1991.

Die Saison 1990/1991 war auch die Saison des Abschied­neh­mens. Den DDR-Fuß­ball gab es danach nicht mehr.

Torsten Völker: Des­halb wollte ich auch unbe­dingt beim aller­letzten Ober­liga-Aus­wärts­spiel von Hansa dabei sein. Die Fahrt sollte nach Mag­de­burg gehen, aber der ange­mie­tete Bus hatte uns ein­fach ver­setzt. Was nun? Gemeinsam mit einem Kumpel setzte ich mich auf ein Motorrad und wir fuhren nach Mag­de­burg. Fünf Stunden waren wir unter­wegs! Als wir zur Halb­zeit ankamen, führte Hansa mit 1:0. Wir ver­loren das Spiel mit 1:2. Auf der Rück­fahrt bin ich fast erfroren.

Die große Party stieg dann aller­dings nach dem letzten Heim­spiel gegen Lok Leipzig. Können Sie sich an Details erin­nern?

Thorsten Völker: Den groß­ar­tigen Auf­tritt von Gernot Alms werde ich nicht ver­gessen. Der hatte damals eine eigene Band, die Heart of Stones“, eine Rol­ling-Stones-Cover­band und sogar zwei Hansa-Songs geschrieben: Lied der Fans“ und Hey FC Hansa“. Klas­siker! Als die Mann­schaft in ihren Bal­lon­seiden-Anzügen auf die Bühne kam, flippte plötz­lich Gernot aus und spielte uns ein paar Stücke auf der Luft­gi­tarre.

Die Saison war da aller­dings noch nicht beendet…

Thorsten Völker: Nein. Nach dem Lok-Spiel fuhren wir mit 50 Hansa-Fans in das Kölner Premiere“-Studio zur Talk­show Rote Karte“, die damals von einem jungen Reporter-Talent namens Rein­hold Beck­mann mode­riert wurde. Thema war unter anderem die Ver­pflich­tung von Hansa-Stürmer Henri Fuchs durch Udo Lattek, der damals Manager beim 1. FC Köln war. Für uns Fans natür­lich ein Unding. 50 Ros­to­cker saßen im Fern­seh­studio und sangen: Lattek hast den Fuchs gestohlen, gib ihn wieder her!“ Da bekomme ich heute noch eine Gän­se­haut.