Warum gibt es Abschieds­spiele? Um Abschied zu nehmen. Abschied nehmen heißt auch, sich zu erin­nern. An das, was einmal war. All die Grät­schen für Han­nover 96, all die Kopf­bälle aus der Gefah­ren­zone für Werder, all die mit seinen ewig langen Beinen abge­fan­genen geg­ne­ri­schen Angriffe für Arsenal.

Die Auf­tritte im Natio­nal­trikot: dieser dünne Schlacks vom Dorf, die Augen schon immer so tief unter den Brauen ver­steckt, dass man häufig nicht erkennen konnte, wohin der Blick ging, diese 1,98 Meter-Latte hielt bei der wun­der­baren WM 2006 so lange den Laden dicht, bis es ein­fach nicht mehr ging und Ita­lien mehr Tore als der Gast­geber schoss. Die vielen Jahre, wo ein gesunder Mer­te­sa­cker der ganz per­sön­liche Secu­rity-Mann seiner Mann­schaft war, Tür­steher, Raus­schmeißer und Hin­ten­dicht­ma­cher in einer Person. Pässe spielen konnte er auch, Tore köpfen sowieso. EM-Finale 2008, Dritter bei der WM 2010. Lief 2003 mit 19 Jahren erst­mals für die Roten auf – und machte kein gutes Spiel. Später nicht mehr weg­zu­denken“, steht im Pro­gramm­heft für Mertes Home­co­ming“.

Big Fucking German

2006 zu Werder, 2009 Pokal­sieger und Uefa-Cup-Fina­list (auch wenn er im End­spiel ver­let­zungs­be­dingt fehlte). 2011 zu Arsenal, dreimal FA-Cup-Sieger, mit dem eng­li­schen Ehren­titel Big Fucking German“ geadelt und 2014 schließ­lich, als die Kar­riere schon langsam Rich­tung Herbst kippte, führte er die deut­sche Mann­schaft zum WM-Titel. Weniger auf dem Rasen, viel­mehr als Fix­punkt abseits des Rasens. Füh­rungs­figur, Leader, Emo­tional Leader – soll man es nennen, wie man will, so lange man ver­steht, wie wichtig solche Typen für den Erfolg einer Fuß­ball-Mann­schaft sind. Mit einem wie Mer­te­sa­cker würde man gerne aufs Schüt­zen­fest nach Pat­tensen gehen, um am Auto­scooter gezapftes Bier zu trinken, einem wie ihm traute man es ein­fach zu, dass er die Abwehr gegen all die Zidanes, Ronald­inhos oder Ryan Giggse dieser Welt organ­sierte, und wenn einer wie er in den Kabinen der WM-Gast­ge­ber­städte oder wäh­rend der Theken-Runden im Campo Bahia sprach, hatten die Krümel eben Pause.

Dieser Mann hört jetzt also auf, um sich als Leiter der Arsenal Aca­demy“ zu ver­su­chen. Wer auch immer die Idee dazu hatte: Cha­peau. Und weil die Guten in der Fuß­ball-Welt immer ein Abschieds­spiel bekommen, hat er auch eins bekommen. Tim Wiese ist da, Kieran Gibbs, Aaron Hunt, Thomas Hitzl­sperger, Gerald Asa­moah, Altin Lala, Jörg Sie­vers – eine kun­ter­bunte Mischung und auf­fällig ist, dass da keiner ein­ge­laden wurde, mit dem man nicht mal gerne ein Bier­chen an der Theke ver­haften würde. Ziem­lich ent­täuscht wird Mer­te­sa­cker später sein, als er in seiner Abschieds­rede den kurz­fristig nicht erschie­nenen Spie­lern (u.a. Bal­lack, Klose, Frings, Cech) mit­teilt: Die, die nicht gekommen sind, haben Han­nover auch nicht ver­dient.“ Der Gast­geber hätte es ganz sicher nicht ver­dient gehabt.

Hi-Per, Hi-Per!

Man hätte die alternden Stars gerne gesehen, immer in der Hoff­nung, Michael Bal­lack wuch­tige Kopf­ball­treffer ver­senken zu sehen, Miro Klose beim Tor-Salto viel Glück zu wün­schen oder Torsten Frings bei der Grät­sche mit Ball zu bestaunen, aber die Herren fehlen nicht. In der Halb­zeit tritt tat­säch­lich Scooter auf („Hi-Per, Hi-Per!“), später werden Elton, Oliver Pocher und Matze Knoop ein­ge­wech­selt. Gerne genutzte Erklä­rung für so was, nicht nur in Nie­der­sachsen: So mies, dass es schon wieder gut war.

Aber man ist ja nicht gekommen, um sich über die 9/11-Regeln am Ein­gangstor auf­zu­regen („Keine Ruck­säcke“) oder über die sechs Euro mit Pfand für ein Gilde in Plastik, oder eben Scooter und seine so unglaub­lich kata­stro­phale Musik, son­dern um, vom Ruck­sack befreit, ent­spannt mit seinem Gilde in der wun­der­baren Han­no­ve­raner Sonne zu sitzen, um Per Mer­te­sa­cker seinen Respekt zu zollen.