Als das Spiel schon ent­schieden war, fla­ckerte sie noch einmal kurz auf, diese Selbst­ver­ständ­lich­keit, diese Gabe zum Beson­deren. Dieser unbän­dige Glaube an den Status als stärkste Lan­des­kraft. Als bay­ri­sche Fuß­ball-CSU. Unbe­siegbar. Unan­tastbar. Für gefühlt eine Nano­se­kunde.

Franck Ribery, diesem genialen fran­zö­si­schen Fuß­baller, war es gelungen, die Abwehr von Borussia Dort­mund mit einem fabel­haften Trick Schach­matt zu setzen. Er jagte die Kugel sogleich von der Straf­raum­grenze unhaltbar in die linke untere Ecke, und das auch noch mit seinem schwä­cheren linken Fuß. Ein tolles Tor, das schönste an diesem Nach­mittag. Für gewöhn­lich sagt man Bayern-Fans nach, dass sie solche Aktionen benö­tigen, ja gera­dezu vor­aus­setzen, um über­haupt erst in den Jubel­modus über­zu­gehen. Es soll nicht mein Ziel sein, diese Mär hier zu ent­kräften. Riberys Schuss, der Ein­schlag im Kasten – in jedem Fall zeigte der Treffer bei mir Wir­kung. Er riss mich vom Sitz, ich ballte meine Faust und stieß einen lauten Jubel­schrei aus. Für gefühlt eine Nano­se­kunde.

Plötz­lich blickte ich nach links und sah das Gegen­teil. Einen Mit­streiter, zusam­men­ge­kauert auf seinem Platz dar­bend, wo Sitzen in der Kurve doch eigent­lich so ver­pönt ist wie Stehen auf der Haupt­tri­büne. Hatte er den Treffer über­haupt mit­be­kommen, fragte ich mich. Sein Anblick hatte in jedem Fall gereicht, um mich wieder in die Rea­lität zurück­zu­holen. 2:4 stand es in diesem Moment aus Bayern-Sicht, nicht 2:2 oder gar 2:0. Freude, Erleich­te­rung, Hoff­nung hatte das Tor nicht mehr aus­lösen können. Allen­falls für eine Nano­se­kunde. Der FC Bayern, das stand fest, würde die Partie ver­lieren, hoch ver­lieren, viel zu hoch für den Anspruch eines Münch­ners. Und den der eigenen Anhänger.

Wich­tige Spiele gewinnt der FC Bayern. Und wenn er mal eins ver­liert, gewinnt er eben das nächste. Man hatte sich auf diese Regel stets ver­lassen können, erst in den ver­gan­genen zwei Jahren waren starke Zweifel auf­ge­kommen, die am Samstag in einer ernüch­ternden Gewiss­heit mün­deten. Der FC Bayern ist hinter Borussia Dort­mund nur noch die Nummer zwei in Deutsch­land. Gedan­ken­spiele, der BVB könne nur Bun­des­liga, tram­pelten die Dort­munder am Sams­tag­abend so massiv zusammen wie Ele­fanten es mit afri­ka­ni­schen Steppen tun.

Ich gehöre dazu. Es war mein erstes Pokal­fi­nale live im Sta­dion, zumin­dest das erste rich­tige, denn den 3:2‑Erfolg im Liga­po­kal­end­spiel im Jahr 2004 gegen Werder Bremen möchte ich nicht als Ver­gleich her­an­ziehen. Ich komme nicht aus Mün­chen, noch nicht mal aus Bayern, ich habe nur wenige Mög­lich­keiten, Spiele des FC Bayern im Sta­dion zu sehen, und ja, ich habe mich des­wegen schon öfters recht­fer­tigen müssen. Bist Du über­haupt Bayern-Fan?“ Kann man über­haupt ein rich­tiger Bayern-Fan sein?“ Die meisten Anhänger, die am Sams­tag­abend im Sta­dion waren, haben schon einmal ähn­liche Erfah­rungen gemacht. Eine 2:5‑Niederlage in einem Pokal­fi­nale – das war indes für alle neu.

Was übrig blieb, war ein letzter Schutz­wall. Wir ersuchten die Dort­munder Stärke zu leugnen, mit Euro­pa­pokal, Europapokal“-Chants. Irgendwas muss man ja tun beim Stand von 1:4. Ich sang zunächst mit. Doch lange hielt ich es nicht durch. Meine Mann­schaft war gerade dabei, sich eine Abrei­bung im wich­tigsten Spiel auf natio­naler Ebene abzu­holen, die es so noch nicht gegeben hatte. Was noch anstand in der nahen Zukunft, inter­es­sierte mich in diesem Moment nicht. Meinen Neben­leuten ging es ähn­lich. Vor denen, die beständig sangen, ziehe ich meinen Hut. Ihre Kur­ven­er­fah­rung, die ich nicht habe, half ihnen dabei. Wer mir das zum Vor­wurf machen möchte – bitte.

Als Bayern-Anhänger kommt man nicht drum herum, sich mit sol­chen Gedan­ken­spielen aus­ein­an­der­zu­setzen. Seit ich sechs Jahre jung bin, halte ich dem Verein die Treue, dass ein Kin­der­gar­ten­freund ein Bayern-Poster in seinem Zimmer hatte, war meine Initi­al­zün­dung. Damals wusste ich noch nicht, was eine Meis­ter­schaft ist, kannte den DFB-Pokal nicht, und dass der FC Bayern in der Regel beides zu gewinnen hat, war mir eben­falls fremd. Ich lernte es alles erst mit der Zeit kennen. Des­halb zählen auch für mich als Bayern-Fan gewis­ser­maßen nur Titel.

Ich weiß nicht, inwie­fern sich unter Dort­mund-Fans ein sol­ches Reflek­tieren schon eta­bliert hat. Nach den Leis­tungen der ver­gan­genen beiden Jahren wäre es glei­cher­maßen der logi­sche und nächste Schritt.

Ich wünschte, mir wäre es gelungen, die Ent­täu­schung ein­fach nieder zu träl­lern. Doch gleich­zeitig bin ich mir sicher, dass dahinter weniger Über­zeu­gung, son­dern Trau­er­be­wäl­ti­gung gestanden hätte. Fünf Nie­der­lagen in Folge, zwei ver­passte Meis­ter­schaften, dieses 2:5 kann man nicht mehr leugnen.

Natür­lich ist das Spiel gegen den FC Chelsea nächste Woche viel wich­tiger. Ein Sieg am kom­menden Samstag, und ich werde über die fünf Nie­der­lagen gegen den BVB lachen und dabei wahr­schein­lich mit anderen Bayern-Fans in den Armen liegen. Nichts­des­to­trotz bleibt eine Frage: Darf man es sich so ein­fach machen? DFB-Pokal ist DFB-Pokal. Cham­pions League ist Cham­pions Leauge. Bayern ist die beste Mann­schaft Europas, wenn es nächste Woche gewinnt. Bayern ist nicht besser als Dort­mund, wenn es nächste Woche gewinnt. Dort­mund ist schlechter als Bayern, wenn es in der kom­menden Saison in Europa wieder so agiert wie in dieser Spiel­zeit. Puh, ist das alles kom­pli­ziert. Und die Liste kann noch ewig ergänzt werden. Dort­mund hat Bayern als füh­rende Kraft in Deutsch­land abge­löst. Bayern hat in den ver­gan­genen zehn Jahren fünfmal das Double geholt. Dort­mund bricht den Bun­des­liga-Punkt­re­kord, Bayern zieht zweimal in drei Jahren ins Cham­pions-League-Finale ein. To be con­ti­nued.

Als Sebas­tian Kehl den Pokal in die Höhe reckte, waren nicht mehr alle Bayern-Fans im Sta­dion. Viele – ich behaupte: die Mehr­zahl – hatten sich aber zum Bleiben ent­schieden. Wir applau­dierten fair. Es überwog der Respekt. Chris­tian Ner­linger sagte vor ein paar Wochen, er freue sich auf den Zwei­kampf in den nächsten Jahren. Das geht uns Fans nicht anders. Es macht mehr Spaß, einen Kon­tra­henten im Titel­kampf zu distan­zieren, es tut weh, geschlagen zu werden. Doch nur dann sind beide Per­spek­tiven abge­deckt, das kann ein mit 15 Punkten Vor­sprung ein­ge­fah­rener Titel nicht bieten. Es scheint sich ein Mit­ein­ander der Gegen­pole zu ent­wi­ckeln zwi­schen BVB und FCB. Das geht bei aller Trauer über die letzten Nie­der­lage als posi­tive Erkenntnis durch. Wir Bayern sind bereit, diesen Zwei­kampf in allen Berei­chen anzu­nehmen.