Seite 2: „Nun sind wir also ein Start-Up, welches ›tried‹ und ›failed‹“

Dop­pelt bitter stößt der Szene auf, dass der Vor­gang des zwang­haften Image­er­zeu­gens nichts Neues- son­dern viel­mehr ein Wie­der­ho­lungs­fall ist. Play Berlin“, Aus Berlin – Für Berlin“, der gol­dene Adler im Logo wäh­rend des WM-Jahres 2006 – kaum etwas ließ der Klub unver­sucht, um seinem Image als grauer Wessi-Klub zu ent­kommen: Letzt­end­lich ist uns bewusst geworden, dass wir vom Verein nichts Bes­seres erwarten können (…). In regel­mä­ßigen Abständen werden bei Hertha BSC irgend­welche Image­kam­pa­gnen gestartet, die dann nach einiger Zeit wieder ein­ge­stampft werden. (…) Nun sind wir also ein Start-Up, wel­ches ›tried‹ und ›failed‹“, so die Har­le­kins, die die neue Farb­wahl des Aus­weich­tri­kots und der Trai­nings­kla­motten als gesichts­lose Außen­dar­stel­lung“ ein­ordnen. Weder die Farben der Stadt Berlin, noch die im ersten Para­graph der Ver­eins­sat­zung fest­ge­schrie­benen Ver­eins­farben hätten irgend­etwas mit Orange oder Pink zu tun. Gegen Tri­kots in absurden Farben. Jeder Verein muss seine Iden­tität bewahren“, for­dert die Ost­kurve auf einem wei­teren Spruch­band. Die Angst davor, die Grenzen zwi­schen Tra­di­ti­ons­klub und modernem Kom­merz­verein weiter ver­schwimmen zu sehen, schwingt dabei all­ge­gen­wertig mit.

Nichts und Nie­mand ist größer als die Zukunft unseres Ver­eins“

Die Ver­ant­wort­li­chen regis­trieren das, ein mög­li­ches Umdenken wird es laut Keuter jedoch nicht geben. Man wolle diesen Weg gehen“, er sei sogar alter­na­tivlos“. Es geht um die Zukunft von Hertha. Dabei gilt: Nichts und Nie­mand ist größer als die Zukunft unseres Ver­eins“, so der 41-Jäh­rige. Die Visionen von einer hippen alten Dame mit jungem, inter­na­tio­nalem Publikum haben jedoch einen Haken: Sie haben mit dem Ursprung, der Geschichte und der Sozia­li­sa­tion des Klubs wenig bis gar nichts am Hut. Denn bei all den fre­chen Slo­gans, kli­schee­be­haf­teten Pla­katen und pro­vo­kativ-wit­zigen Tweets scheinen die Macher zu ver­gessen, dass die Her­thaner nicht einmal im Ansatz so waren oder sein wollten, wie es der neue Mar­ke­ting­plan vor­sieht.

Es war noch nie hip“, Fan von Hertha BSC zu sein. Daran hat sich auch seit Beginn der unauf­halt­baren Gen­tri­fi­zie­rung und Urba­ni­sie­rung der Haupt­stadt nichts geän­dert. Gästen der Stadt wird in Berlin ein ein­ma­liges Kul­tur­pro­gramm geboten. Bun­des­li­ga­spiele im Olym­pia­sta­dion nahmen dabei immer schon eine klei­nere Rolle ein. Ganz abge­sehen davon, dass der Groß­teil der zuge­zo­genen Ber­liner logi­scher­weise bereits in einem Alter ist, in dem man ent­weder seinen Verein gefunden hat, oder einem Fuß­ball schlichtweg egal ist. Der Ver­such, diesen Umstand mit zum hun­dertsten Mal auf­ge­kochten Slo­g­an­hülsen wie Schnell noch Fan werden, bevor es alle anderen tun“ zu ändern, wirkt dabei genauso deplat­ziert wie der spa­ni­sche Berg­hain-Tou­rist in der Alt-Span­dauer Eck­kneipe.

Schnell die PR-Agentur wech­seln

Hertha BSC will mit der Mar­ke­ting­brech­stange Attrak­ti­vität auf poten­zi­elle Neu­kunden aus­strahlen, läuft dabei jedoch Gefahr, in den Augen derer, die die Ver­eins­kassen seit Jahren füllen, auch das letzte Fünk­chen Schön­heit zu ver­lieren. Eben jene, die die alte Dame lieben wie sie ist und schon immer war, blau-weiß und ange­nehm nicht-welt­städ­tisch, gaben ihrem Verein im Spiel gegen Frei­burg per Spruch­band ihre ganz per­sön­li­chen Mar­ke­ting­tipp: Schnell noch die PR-Agentur wech­seln, bevor die Fans alle weg sind“.