Wenn ich auf meine aben­teu­er­lichsten Sta­tionen zurück­schaue, denke ich direkt an Ruanda. Das war eine Zeit!

1999 trai­nierte ich die Natio­nal­mann­schaft. Ihr könnt euch nicht vor­stellen, was da im Land abging. Es gibt zwei soziale Schichten, die sich abgrund­tief hassen: Auf der einen Seite die Tutsis, der geho­be­nere Stand, die Intel­li­genten. Ihnen stehen die Hutus gegen­über, das ein­fache Volk. Die beiden Gruppen schlach­teten sich 1994 im Krieg gegen­seitig ab und sorgten für einen der schlimmsten Völ­ker­morde welt­weit.

Wie ange­spannt die Situa­tion im Land auch fünf Jahre danach noch war, erfuhr ich schon an meinem ersten Arbeitstag. Als ich mor­gens im Hotel auf meinen Chauf­feur war­tete, der mich zum Trai­nings­platz bringen sollte, standen plötz­lich zwei Sol­daten vor mir. Ich schaute sie mit großen Augen an. Mit diesem per­sön­li­chen Fahr­dienst hatte ich nicht gerechnet. Auf einem offenen LKW brachten mich die beiden Männer zum Platz.

Rudi, was machst du hier?“

Wäh­rend der ganzen Fahrt hielten sie ihr Gewehr im Anschlag, weil sie nicht wussten, wie Hutus und Tutsis auf mich reagieren würden. Ihr müsst wissen: Der Weiße hat in Ruanda immer noch keinen ein­fa­chen Stand. Die Ankün­di­gung der Sol­daten, hinter jedem Baum könne jemand stehen und auf mich schießen, machte mir Angst. Ich habe nur gedacht: Rudi, was machst du hier?“ An den ersten Tagen setzte ich mir das Ziel, beide Gruppen im Fuß­ball so gut es geht zu ver­söhnen.

Für das Natio­nal­team habe ich immer neun vom einen und neun vom anderen Stamm nomi­niert. Fuß­ball­spielen konnten sie übri­gens alle. Die Abwehr war eisen­hart, echte Schlacht­rösser. Wenn die ein­ge­stiegen sind, flogen die Fetzen. Leider haben sich die Spieler damals aber vor allem unter­ein­ander bekriegt. Das erlebte ich schon in einer meiner ersten Trai­nings­ein­heiten.

Ein Tutsi schoss ein wun­der­bares Tor. Etwa so wie Man­chester Uniteds Evra in der Cham­pions League gegen die Bayern. Er nagelte den Ball so herr­lich in den Winkel, dass ich mich nicht mehr beherr­schen konnte und ihm in die Arme sprang. Direkt daneben stand ein Hutu-Spieler und starrte mich mit hass­erfülltem Blick an. Der Tor­schütze war zwar sein Team­ka­merad, der Kon­flikt zwi­schen den sozialen Gruppen hatte ihn das aber ver­gessen lassen.

Ich beschloss, ein eigenes Ritual ein­zu­führen: das gemein­same Sitzen am Lager­feuer. Ich ließ von einigen Tage­löh­nern Feu­er­holz besorgen, orga­ni­sierte einen Riesen-Pott Suppe und lud nach jedem Trai­ning ans Lager­feuer ein. Ich wusste genau, dass es nicht lange dauern würde, bis die Leute kommen würden. Viele sind bet­telarm, der Kohl­dampf trieb sie zu mir und meiner Suppe. Wir saßen immer im großen Kreis, und ich habe erzählt. Ich habe auf die beiden Stämme ein­ge­redet und gesagt: Ihr habt jetzt eine Chance, durch den Fuß­ball zu zeigen, dass ihr zusam­men­ge­hört! Ihr braucht Erfolge.“

Ein Unent­schieden als größter Erfolg

Zunächst war ich mir nicht sicher, ob diese Worte ankommen würden. Man kann immer viel reden, ohne Erfolge bringt das aber gar nichts. Das sieht man auch heute noch bei einigen Bun­des­liga-Trai­nern. Zum Glück fei­erte ich in Ruanda später aber genau diese Erfolge. Unser größter Tri­umph war ein 2:2‑Unentschieden gegen die Elfen­bein­küste, schon damals eine der besten Mann­schaften Afrikas. Im Vor­feld hatte uns nie­mand etwas zuge­traut. Es hieß überall: Ach, die Gurken. Die kriegen doch zehn Stück!“ Nach Abpfiff haben wir uns des­halb wie die Kinder gefreut.

Wir sangen und schun­kelten, meine Spieler trugen mich auf den Schul­tern. Das kannte ich bis­lang nur von Meis­ter­schaften. Die sonst ver­fein­deten Jungs lagen sich in den Armen. Ich habe mir nur gedacht: Ver­dammt, Rudi! Da siehst du, was der Fuß­ball bewirken kann.“ Später haben wir gegen den Kongo 3:1 gewonnen. Und wieder wurde gefeiert ohne Ende. Wir ver­an­stal­teten noch auf dem Platz eine Sause, sprangen wie wild im Kreis. Die Zuschauer haben geschrien: Unsere Helden!“

Das war für mich ein schönes Zei­chen. Ruanda war eine meiner erfolg­reichsten Sta­tionen. Und, Freunde, ich hatte viele Sta­tionen. Aber davon erzähle ich euch ein anderes Mal.