Machen wir uns nichts vor: Fuß­ball ist öde. Zumin­dest hier in Europa ist er zu einer durch­schau­baren Show mit den immer glei­chen Haupt­dar­stel­lern ver­kommen, die sich von Saison zu Saison nur minimal ver­än­dert.

Stimmt doch gar nicht?



Na, dann schauen wir mal in die füh­renden Fuß­ball­länder des Kon­ti­nents: In Spa­nien fokus­siert sich das Inter­esse seit Jahr­zehnten auf Real Madrid und den FC Bar­ce­lona, der Rest ist nur Staf­fage. In Frank­reich räumt Olym­pique Lyon seit 2002 Titel auf Titel ab. In Ita­lien sind einige Spit­zen­teams inzwi­schen so weit ent­eilt, dass die Zuschau­er­zahlen dra­ma­tisch gefallen sind. Und in Eng­land täuscht die gern ver­wen­dete Bezeich­nung »Beste Liga der Welt« dar­über hinweg, dass seit Grün­dung der Pre­mier League vor 17 Jahren ledig­lich vier ver­schie­dene Teams Meister wurden. Die Bun­des­liga zählt da noch zu den span­nendsten Ligen in Europa, aber auch hier domi­niert mit Bayern Mün­chen ein Seri­en­meister.

Schuld an der Lan­ge­weile ist – natür­lich – das Geld. Zumin­dest eine Teil­schuld haben aber auch die Fans.

Der Pro­fi­sport in Europa ist an einem Punkt ange­kommen, an dem er sich durch seine Libe­ra­li­sie­rung selbst bedroht. Längst ist aus dem Kampf von Sport­mann­schaften ein Kampf der Wirt­schafts­sys­teme geworden. Das wäre nicht so schlimm, wenn die Bedin­gungen für alle eini­ger­maßen gleich wären. Im euro­päi­schen Klub­fuß­ball hat sich jedoch eine Aus­rei­ßer­gruppe eta­bliert, die sich noch immer weiter absetzen darf, weil sie von allen Seiten gepusht wird. Nur noch mit­hilfe eines wun­der­samen Inves­tors oder eines unkal­ku­lier­baren wirt­schaft­li­chen Risikos lässt sich in diese Pha­lanx ein­bre­chen, nicht mehr mit seriöser, lang­fris­tiger Trai­nings­ar­beit. Das führt die Idee des Sports ad absurdum.
 
Für­sorg­lich gepäp­pelt werden diese Platz­hir­sche vor allem vom Fern­sehen und der Uefa. Der Euro­päi­sche Fuß­ball­ver­band wirft den Teil­neh­mern seiner Cham­pions League so viel Geld hin­terher, dass diese in ihren natio­nalen Ligen einen deut­li­chen Vor­teil haben, sich aber­mals für die Geld­ver­meh­rungs­ma­schine zu qua­li­fi­zieren. Wie ist es sonst zu erklären, dass die Münchner neun ihrer bis­lang 20 Bun­des­liga-Meis­ter­schaften in der kurzen Zeit­spanne nach Ein­füh­rung der Cham­pions League 1992 holten? Die Cham­pions League bringt zudem nicht nur Geld, sie ist auch ein wich­tiges Argu­ment bei der Ver­pflich­tung von Star kickern, die global scheinen wollen.

Als wäre das nicht schon genug, pro­fi­tieren genau diese Mann­schaften auch noch von der bis­weilen unfassbar ein­sei­tigen Ver­tei­lung des Gelds aus den Fern­seh­ver­trägen der natio­nalen Ligen. Sie erhalten »so viel Geld, dass andere Ver­eine diesen Nach­teil nie wieder aus­glei­chen können«, wie Heri­bert Bruch­hagen von Ein­tracht Frank­furt unlängst in der »Welt« sagte. 1992 habe der Unter­schied zwi­schen den Etats von Bayern und Ein­tracht Frank­furt 40 Pro­zent betragen, heute seien es 400 Pro­zent. Bruch­hagen rechnet vor: Ein Budget von 25,6 Mil­lionen Euro gegen 151 Mil­lionen Euro, »wie sollen wir da kon­kur­renz­fähig sein?«

Natür­lich sollte Leis­tung belohnt und nicht bestraft werden, und es spricht auch nichts dagegen, dass ein Verein auf­grund seiner Erfolge ein Polster erwirt­schaftet. Aller­dings muss die Beloh­nung über­schaubar sein und darf nicht wie jetzt zur völ­ligen Wett­be­werbs­ver­zer­rung oder dem Schaffen abso­luter Son­der­stel­lungen führen, wie sie in Deutsch­land eben Bayern Mün­chen innehat.

Der FC Bayern mag als Rekord­meister eine gewisse emo­tio­nale Zusatz­be­deu­tung für den deut­schen Fuß­ball haben, im End­ef­fekt aber ist er auch nur einer von 18 Dar­stel­lern der Zir­kus­show Bun­des­liga. Im Gegen­teil, eine solche Show tut gut daran, sich nicht von einem Prot­ago­nisten abhängig zu machen, son­dern meh­rere Attrak­tionen zu haben und für einen stän­digen Wechsel zu sorgen, um die Vor­stel­lung frisch und inter­es­sant zu halten. Das wissen die Bayern selbst nur viel zu gut: In Europa sind sie näm­lich eine Art Frank­furt. Dort kämpfen sie mit stumpfen Waffen, weil die großen Klubs aus anderen Län­dern viel mehr Geld für viel bes­sere Spieler aus­geben können. Und siehe da: Wäh­rend sie in der Bun­des­liga weiter das Gros der Fern­seh­mil­lionen für sich bean­spru­chen, for­dern die Bayern für den Euro­pacup gleiche Bedin­gungen für alle und schlagen eine Gehalts­ober­grenze vor.

Den Fans der kleinen Ver­eine bleibt nur noch eine Nische


An diesen offen­kun­digen Miss­ständen sind Fans und Zuschauer nicht ganz unschuldig. Eigent­lich müssten sie die vor­her­seh­baren Vor­stel­lungen des Pro­fi­fuß­balls mit Des­in­ter­esse strafen und die Ver­ant­wort­li­chen so dazu zwingen, ihre absurde Logik zu über­denken. Doch obwohl die Ver­lierer des unglei­chen Schau­spiels weit in der Über­zahl sind, bleibt eine Revolte aus. Statt­dessen nehmen die meisten Fans das der­zei­tige System in einem Zustand ohn­mäch­tiger Tra­di­ti­ons­gläu­big­keit als etwas Gott­ge­ge­benes hin, obwohl es ver­hin­dert, dass ihre Mann­schaft unter nor­malen Umständen jemals wieder eine rea­lis­ti­sche Titel­chance haben wird. Sie flüchten sich lieber in die ein­zige Nische, die ihrer aus­sichts­losen Lei­den­schaft über­haupt Sinn ver­leiht: die Ver­gan­gen­heit. Und hoffen auf die wenigen glück­li­chen Momente, in denen der Zufall zuschlägt und sie zum Sieg gegen einen Großen führt.

Alles, was über solche Aus­rut­scher hin­aus­geht, Dynas­tien klei­nerer Stand­orte wie Mön­chen­glad­bach in den 70ern gar, sind heute fernab jeder Vor­stel­lungs­kraft – es sei denn, man hat einen Mil­li­ardär in der Hin­ter­hand. Spä­tes­tens nach einem Jahr hätten die Fuß­ball-Groß­kon­zerne eine der­ar­tige Mann­schaft andern­falls gna­denlos aus­ge­weidet, weil die Regeln des Geschäfts kaum noch Mög­lich­keiten bieten, finan­zi­elle Defi­zite lang­fristig durch gute Ideen oder Kon­zepte aus­zu­glei­chen.

Unter diesen Vor­aus­set­zungen ist es nur logisch, dass Fuß­ball­söldner die Szene domi­nieren und es kaum noch Ver­ein­si­dole gibt – Lukas Podolski stellt mit seiner Ver­bun­den­heit zu Köln die abso­lute Aus­nahme dar. Um wirk­lich erfolg­reich zu sein, muss ein Spieler sich bis ans Ende der Ver­wer­tungs­kette trans­fe­rieren lassen, also bei einem der übli­chen Spit­zen­klubs anheuern, die in ihrem stän­digen Durst nach Top­spie­lern die ganze Welt durch­forsten. Die Gut­men­schen unter den Fuß­ball­an­hän­gern feiern diese zwei­fel­hafte Errun­gen­schaft als Sieg des Mul­ti­kul­tu­ra­lismus. Eine euphe­mis­ti­sche Dar­stel­lungs­weise für die Tat­sache, dass die großen Ver­eine wie Kolo­ni­al­herren in anderen Klubs und Län­dern wil­dern und damit den Rest der Fuß­ball­welt zu bes­seren Zulie­fe­rern für ihren Tro­phä­en­schrank degra­dieren.

Nun müsste die Uefa eigent­lich ein großes Inter­esse daran haben, die Attrak­tionen ihres Zirkus mög­lichst breit und auf vielen ver­schie­denen Märkten zu streuen, um so viele Men­schen wie mög­lich dafür zu begeis­tern. Der neue Uefa-Chef Michel Pla­tini als erklärter Advokat der Kleinen hat die Cham­pions-League-Start­platz­kon­tin­gente für die großen Ligen zwar redu­ziert, aber das ist noch immer nicht genug. Es gibt ein­fach keinen regel­tech­nisch ver­tret­baren Grund dafür, dass bei einer euro­päi­schen Meis­ter­schaft der Tabel­len­dritte eines Landes ein garan­tiertes Start­recht erhält, wäh­rend der Meister eines anderen Landes sogar in die Qua­li­fi­ka­tion muss. Der Hin­ter­grund ist eher wirt­schaft­li­cher Art: Die großen Klubs sind inzwi­schen – mit Hilfe der Uefa – so mächtig geworden, dass sie dem Ver­band immer wieder für sie vor­teil­hafte Bedin­gungen abpressen können.

Auch das Lizen­zie­rungs­ver­fahren, das die Uefa seit 2004 für die Teil­nahme am Euro­pacup durch­führt, greift zu kurz. Zwar ver­langt es von den Klubs wirt­schaft­liche Grund­vor­aus­set­zungen und ver­hin­dert damit die aller­schlimmsten Aus­wüchse – um als Instru­ment für einen halb­wegs fairen Wett­be­werb zu taugen, ist es aber noch zu weich. Ein System, das so selbst­ver­ständ­lich Ver­luste pro­du­ziert und auf Ali­men­tie­rung von Gön­nern ange­wiesen ist, wird auf Dauer nicht über­leben können.

Regeln müssen her gegen das glo­bale Talent­shoppen


Um den Pro­fi­sport und gerade den Fuß­ball in Europa vor dem Abdriften in Pleiten und Lan­ge­weile zu bewahren, hilft nur eines: Regeln müssen her, die für alle gelten. Die Euro­pa­po­litik hat mit ihrer Libe­ra­li­sie­rung des kon­ti­nen­talen Sport­markts inklu­sive der Abschaf­fung aller Aus­län­der­be­schrän­kungen vielen Pro­blemen den Weg bereitet, vor deren Lösung sie sich ange­sichts feh­lender Kom­pe­tenz nun aber weg­duckt. Doch sie muss akzep­tieren, dass Sport eben anderen Gesetz­mä­ßig­keiten unter­liegt als etwa die Stahl­in­dus­trie. Wenn sie diese schon nicht selbst regeln kann, muss sie doch wenigs­tens frei­wil­lige Selbst­be­schrän­kungen zulassen, etwa die 6+5‑Regel, die nach Plänen von Fifa-Prä­si­dent Joseph Blatter vor­sieht, dass min­des­tens sechs ein­hei­mi­sche Spieler pro Team auf dem Platz stehen müssen. Damit würde das unkon­trol­lierte Talent­shoppen in aller Welt zumin­dest teil­weise ein­ge­dämmt und eine län­gere Domi­nanz bestimmter Mann­schaften erschwert.

Es gibt noch andere Mög­lich­keiten, das Feld zusam­men­zu­halten. Im nord­ame­ri­ka­ni­schen Pro­fi­sport sind eine ganze Reihe davon zu finden. Nicht alles lässt sich über­setzen, da die dor­tigen Pro­fi­ligen ein her­me­ti­sches Gebilde ohne Auf- und Abstieg sind – ein echter Zirkus, bei dem jeder Dar­steller weiß, dass er auch von den Vor­stel­lungen der anderen pro­fi­tiert. So ist zum Bei­spiel die Idee des Drafts in Europa nur schwer ein­zu­führen, bei dem die schlech­testen Klubs jähr­lich die besten Nach­wuchs­ta­lente aus­wählen dürfen. Andere Maß­nahmen sind dagegen durchaus eine Über­le­gung wert. Eine Maxi­mal­an­zahl von Spie­lern im Kader zum Bei­spiel oder eine faire Ver­tei­lung des Fern­seh­gelds. Außerdem erscheint es hoch­gradig sinn­voll, die immer wieder ange­regte Ober­grenze für die Aus­gaben an Spie­ler­ge­häl­tern pro Team ein­zu­führen, um dem Zusam­men­stellen von über­mäch­tigen Super­star­teams vor­zu­beugen. Ein Blick nach Ame­rika belegt die Vor­teile: Der soge­nannte Salary Cap im Bas­ket­ball, Eis­ho­ckey und Foot­ball schafft aus­ge­gli­chene Ligen mit vielen ver­schie­denen Meis­tern und ver­hin­dert rui­nöses Wirt­schaften. Im Base­ball, wo es keine Ober­grenzen gibt, domi­nieren einige wenige Mann­schaften, außerdem fahren fast alle Klubs Ver­luste ein. Es ist eine Situa­tion, die am Ende nie­mandem nützt. Denn je unaus­ge­gli­chener und lang­wei­liger eine Liga ist, desto schwerer wird sie es auf Dauer haben, Inter­esse und damit Geld zu gene­rieren. Das wird früher oder später auch Bayern Mün­chen merken.