Die wahre Sen­sa­tion des Finales von Berlin ereig­nete sich, als es schon längst vor­über war. Noch einmal behielt sich der große Regis­seur Andrea Pirlo das Recht vor, die Dra­ma­turgie des Abends nach allen Regeln der Kunst aus den Angeln zu heben. Seinen letzten Effekt setzte er weit nach dem Schluss­pfiff, diesmal aber war es ein neuer, nie dage­we­sener, als hätte er ihn sich für den Schluss auf­ge­hoben: er weinte. Auf einen 3:1‑Sieg des FC Bar­ce­lona gegen Juventus Turin hatten einige gewettet. Aber nicht darauf, dass Pirlo Gefühle zeigen kann. Nicht einmal darauf, dass er über­haupt welche hat.

Eine 90-Minuten-Maske ent­rückter Genia­lität

Doch kurz vor 23 Uhr an diesem 6. Juni 2015 geschah das für unmög­lich Gehal­tene: In Groß­auf­nahme – der ita­lie­ni­schen Ein­stel­lung, wie sie in der Film­wis­sen­schaft heißt – waren einen berü­ckenden Moment lang Tränen zu sehen, die Pirlos lederne Haut hin­un­ter­rannen und in seinen dichten Bart sickerten. Über ein Gesicht, das doch kaum je etwas anders offen­bart hatte als den Aus­druck von Welt­ekel und meta­phy­si­scher Müdig­keit. Von arro­ganter Lust­lo­sig­keit zuweilen, wenn er mit halb geschlos­senen Augen im Mit­tel­feld ras­tete. Eine 90-Minuten-Maske ent­rückter Genia­lität. Doch nun kamen diesem Andrea Pirlo die Tränen. Und es war, als weinte die Statue eines gefal­lenen Helden. Über die Nie­der­lage im finalen Duell. Über das Ende seiner Ära. Über das Ende des Fuß­balls, wie wir ihn einmal kannten.

Der für uns und um sich selbst trau­ernde Pirlo: ein äußerst kost­barer Anblick inmitten der sin­nes­be­täu­benden Bil­der­flut dieses Block­bus­ters namens Cham­pions League. Es wäre allzu schön gewesen, hätte sich statt der Kon­fetti-Kano­nade, unter­malt von Kopu­la­ti­ons­musik, die Lasoggas Mutter im CD-Player des Olym­pia­sta­dions zurück­ge­lassen zu haben schien, bloß der Schriftzug La Fine über diese Schluss­se­quenz gelegt, wie im Abspann eines Strei­fens von Sergio Leone. Ende. Und hätte sich dann geräuschlos der Vor­hang geschlossen, wäre das Licht wieder ange­gangen und man durch die laue Ber­liner Nacht nach Hause gelaufen, erfüllt von woh­liger Ergrif­fen­heit. Und der Erkenntnis, dass es im Fuß­ball doch noch um so etwas Ähn­li­ches geht wie Leben und Tod.

Das große Kino

Die bit­ter­süße Tra­gödie des letzten großen Auf­tritts: Allzu oft wird sie ver­schüttet unter der plumpen ZDF-Fern­seh­gar­ten­haf­tig­keit der Insze­nie­rung. Nicht so diesmal. Das Genre der wahren Erzäh­lung bestimmte in diesem Moment nur einer: Andrea Pirlo, der Regis­seur. Wo er ist, ist das große Kino.