Seite 3: „Der Klinsi hat viel mehr Kontakte als wir“

Als Lothar Mat­thäus 1986 erst­mals mit Inter ver­han­delte, fun­gierte er schon als Dol­met­scher – auf Bitten des Inter-Vor­stands. Inters große Jahre sollten noch kommen, und es war die beson­dere Tragik des Karl-Heinz Rum­me­nigge, dass er den Groß­an­griff unter dem neuen Prä­si­denten Ernesto Pel­le­grini nicht mehr mit­er­lebte. Die große Zeit begann erst ein Jahr nach der Ära Rum­me­nigge, die an einem neb­ligen Februar-Sonntag 1987 in Bre­scia ihr Ende fand. Zwei Fouls in den ersten beiden Minuten zwangen ihn zum Aus­scheiden, die Achil­les­sehne schwoll an. Trainer Gio­vanni Tra­pat­toni gab Rum­me­nigge keinen Ver­trag mehr.

Wenige Wochen danach ver­suchte ein anderer Natio­nal­stürmer sein Glück. Rudi Völler wech­selte 1987 von Bremen zum AS Rom. Längst war die Fas­zi­na­tion der besten Liga der Welt mit ihren vollen Sta­dien im Kreis der Natio­nal­mann­schaft ein Lieb­lings­thema. Wer sich in Ita­lien nicht als Fuß­baller bewiesen hat, kann später nicht sagen, er sei ein guter Fuß­baller.“, sagte Völler und ver­suchte sich. Er biss zunächst auf Granit, die defen­sive Spiel­weise behagte ihm gar nicht. Damals fielen in Ita­liens Serie A 2,1 Tore pro Spiel, in der Bun­des­liga 3,15. Völler war wegen der Sprache iso­liert und die hämi­schen Schlag­zeilen – Weih­nachten ist öfter als ein Tor von Völler“ – trieben ihn gedank­lich nach Hause.

Sie häm­mern mit Eisen­stangen

Als er in der zweiten Saison zunächst auf die Bank musste, ver­han­delte er mit Ein­tracht Frank­furt und kaufte sich schon mal eine Eigen­tums­woh­nung in Offen­bach. Doch dann bekam er eine neue Chance und traf gegen Meister Neapel – und alles wurde gut. Ein ein­ziges Tor ver­än­dert hier das Leben. Wenn du die Bude triffst, bist du der König. Wenn nicht, kennt dich keiner“, hatte er seine Lek­tion gelernt. Fünf Jahre hielt Völler es in Rom aus, und als Freund Thomas Bert­hold 1989 kam, wurde es noch ange­nehmer.

Bert­hold lernte aller­dings auch eine neue Seite der Begeis­te­rung kennen. Eine dunkle. Bei den Derbys gegen Lazio schlug sie um in Gewalt. Ich habe noch nie eine Mann­schaft so schnell in die Kabine sprinten sehen wie nach unserem 1:0 bei Lazio“, erin­nert sich Bert­hold an sein erstes Jahr in Rom. Fana­tiker hatten mit Eisen­stangen gegen die Plas­tik­schei­ben­um­ran­dung gehäm­mert. Später hockten wir alle auf dem Gang im Bus und draußen flogen die Wacker­steine. Das war kein Spaß“, erschau­dert der Welt­meister von 1990.

400 000 DM Hand­geld

Lothar Mat­thäus wech­selte 1988 aus Mün­chen zu Inter Mai­land, dort wollte er sich die Nummer 8 nehmen, aber Tra­pat­toni ver­ord­nete ihm die 10. Das ist eine beson­dere Nummer und du bist eine beson­dere Per­sön­lich­keit.“ Basta! Mat­thäus war die Loko­mo­tive des neuen Inter, getrieben von der Schmach, 14 Punkte hinter Meister Milan gelandet zu sein, das damals drei Hol­länder domi­nierten: Gullit, van Basten und Rij­kaard. Am Trai­nings­platz keifte eine Frau Mat­thäus an: Den Gullit musst du an den Haaren ziehen, wenn er davon­laufen will.“

Inter-Boss Pel­le­grini ver­suchte es nun also mit den Deut­schen, den natür­li­chen Feinden der Hol­länder. Mat­thäus durfte Andy Brehme von den Bayern mit­bringen, der sich schon mit Genua geei­nigt hatte, als Kumpel Lothar ihn anrief. Das Duo kos­tete über elf Mil­lionen D‑Mark Ablöse – und noch viel mehr, wie nach­lesbar ist. Der erprobte Dop­pel­pass zwi­schen Mat­thäus und den Medien funk­tio­nierte auch nach seinem Wechsel und so stand sein Ver­trag als­bald in Sport Bild“: Inter zahlt an den Spieler für die Dauer des Ver­trages vom 1.7.1988 bis zum 30.6.1991 den Betrag von 4 400 000 netto …“, dazu kamen 400 000 DM Hand­geld und 600 000 DM für Wer­be­rechte. Brehme finan­zierte Pel­le­grini aus der Por­to­tasche mit, er galt eher als Anhängsel zur bes­seren Inte­gra­tion. Beide quar­tierten sich in Cari­mate am Comer See ein, wo die Häuser bei Mai­länder Derbys beflaggt waren.

Klins­mann hielt Distanz zu den anderen Deut­schen

Doch der Ver­tei­diger Brehme legte eine Briegel-Kar­riere hin. 1989 war Inter plötz­lich ein sou­ve­räner Meister und Brehme Spieler des Jahres. Die Gazetta dello Sport“ fei­erte ihn nach dem Titel­ge­winn als Astro­nauten im Son­der­ein­satz“. Antreiber Mat­thäus bekam zurück­hal­tende Kri­tiken im ersten Jahr, hatte aber doch unge­kannte Erfolgs­er­leb­nisse: Die geben mir hier fast jeden Ball.“ Und zwei Mal die Woche ließ ihn Tra­pat­toni seinen linken Fuß trai­nieren, was im Sommer 1990 von natio­naler Bedeu­tung werden sollte. Bei der WM in Ita­lien waren die fünf Ita­lien-Legio­näre die Weg­be­reiter zum Tri­umph von Rom. Der Fünfte war Jürgen Klins­mann, den Pel­le­grini im Sommer 1989 geholt hatte. Der blonde Schwabe erwies sich als Kom­mu­ni­ka­ti­ons­wunder und wurde von Mat­thäus beneidet: Der Jürgen hat viel mehr pri­vate Kon­takte als der Andy und ich, obwohl wir viel länger da sind.“

Klins­mann ging seine eigenen Wege, bezog eine Woh­nung in Cernobbio, hatte ita­lie­ni­sche Freunde im Team und hielt Distanz zum deut­schen Duo: Ich bin froh, dass ich Lothar Mat­thäus und Andy Brehme hier zur Seite habe. Doch zurecht­finden will ich mich alleine.“ Klins­mann war der Ein­zige, der nebenan beim Bäcker früh­stückte. Villen bewohnten die anderen, Bert­hold hatte in Verona einen Wein­keller, Mat­thäus schip­perte mit einem Motor­boot über den Comer See, Brehme lernte in Mai­land Golf­spielen und Völler fand eine neue Frau. Schön war die Zeit. Fuß­ball in Ita­lien, das ist, als ob man den Himmel berührt“, schwärmte Rum­me­nigge. Goethe hätte es nicht besser sagen können.