Seite 2: Briegel, Superman!

Verona war ein neuer Held geboren, und er sah auch so aus. Das Mus­kel­paket Briegel musste sich so man­chen Spruch anhören, auch auf dem Platz. Na Deut­scher, du magst wohl die beson­ders dicken Steaks?“, pro­vo­zierte ihn das gefürch­tete Juve-Rau­bein Claudio Gen­tile. Brie­gels Konter in Anspie­lung auf dessen zupa­ckende Art: Und du liebst wohl die Männer?“ Der Dialog wurde publik, Brie­gels Ansehen wuchs bei­nahe täg­lich. Im Sta­dion-Innen­raum von Verona hing ein Poster: Briegel, Superman!“ Es war keine Über­trei­bung in jenen Tagen.

Als am Sai­son­ende der Fuß­baller des Jahres gewählt wurde, lan­dete er in Ita­lien auf Platz 2 – hinter Diego Mara­dona. In Deutsch­land gewann er sogar die Wahl, als erster Legionär über­haupt, und Bun­des­kanzler Helmut Kohl schickte ein Glück­wunsch-Tele­gramm. Es war ein Mär­chen, dessen Titel es schon lange gab: Peter­chens Mond­fahrt. Briegel genoss sein Glück, ver­standen hat er es nicht. Ich habe im letzten Jahr so wenig trai­niert, knapp 40 Pro­zent von dem, was ich in Kai­sers­lau­tern tun musste, dass ich dachte, wir kommen nie­mals über die Runden“, staunte er im Sommer 1985.

Aus­gehen ohne Geld­beutel

Über­haupt war so vieles anders im Land, wo die Zitronen blühen. Das Klima, die Men­schen, die Men­ta­lität, die Kultur, die Bau­werke. Die Restau­rants, die nachts um zwei noch auf­haben. Mit deut­schen Augen waren die Ein­drücke kaum zu ver­ar­beiten. Man müsste mit tau­send Grif­feln schreiben, was soll hier eine Feder! Und dann ist man abends müde und erschöpft vom Schauen und Staunen“, fand schon Goethe. Thomas Bert­hold, der 1987 als nächster Deut­scher auszog, das Schwärmen zu lernen und von Frank­furt über Verona bis in die Ewige Stadt wech­selte, war schier begeis­tert: Ich war in Rom viel unter­wegs, es gab ja immer wieder was Neues zu ent­de­cken. Es war mein größter Fehler, so früh aus Ita­lien weg­ge­gangen zu sein.“

Wie Briegel sah er sich in Veronas berühmter Frei­licht­bühne Aida an. Briegel: Ich bin ja kein großer Opern­freund. Wenn man schon hier spielt, sollte man Aida aber mal gesehen haben.“ Über­wäl­ti­gend war in den Acht­zi­gern die Hel­den­ver­eh­rung. Briegel: Egal, wel­ches Restau­rant oder welche Bar ich am Gar­dasee betrat, meinen Geld­beutel konnte ich immer zuhause lassen. Ob ich wollte oder nicht, ich war immer ein­ge­laden.“ Das berichten alle Legio­näre uni­sono. Bert­hold war diese Ange­wohn­heit zuweilen so pein­lich, dass er mal nach einem Abend in großer Runde einige Geld­scheine unter die Tisch­decke legte, aber der auf­merk­same Kellner rannte hin­terher und steckte ihm alles wieder in die Jacken­ta­sche. Dolce vita!

Ver­gol­dete Fuß­ab­drücke

Auch Briegel war die Zunei­gung eher unan­ge­nehm. Ich bin kein Star. Wenn mich einer so anhim­melt, krieg ich Schweiß­aus­brüche.“ Sicher­lich nicht nur des­halb ging er nach zwei Jahren nach Genua, wo Briegel wesent­lich mehr Geld ver­diente und 1988 Pokal­sieger wurde. Ein Glücks­ge­fühl, das Karl-Heinz Rum­me­nigge draußen in seiner Villa am Comer See ent­behren musste. Die größte Inter-Party jener Zeit war sein 30. Geburtstag, zu der er die ganze Mann­schaft und allerlei Pro­mi­nenz einlud. Die Inte­rista“ waren dem DFB-Kapitän, der immerhin 34 Tore in drei Jahren schoss, aber nicht böse. Sein 700-Mit­glieder starker Fan­klub, den es heute noch gibt (als Bayern-Fan­klub), hatte sogar seine Fuß­ab­drücke ver­golden lassen.

Und jeden Sonntag war­tete im Restau­rant St. Anna am Stadt­rand von Como ein Tisch auf ihn, denn sein Freund, Wirt Fausto, hoffte nach einem Inter-Spiel stets auf einen Besuch seines Ehren­gastes. Rum­me­nigge, der schon nach einem Jahr blen­dend Ita­lie­nisch sprach, hatte sich vor­bild­lich ita­lie­ni­siert und stellte in diesem Punkt alle Legio­näre in den Schatten. Sein Motto zu Beginn: („Schmeißt mich ins kalte Wasser, desto eher lerne ich. Ein Rum­me­nigge braucht keine Extra­wurst. Das schadet nur“), machte sich bezahlt. Er reifte in seinen drei Mai­länder Jahren zum Welt­mann.