Dieses Inter­view ist eine Ergän­zung zur großen Repor­tage Großer Brudi: Unter­wegs mit Mesut Özil durch London“. Jetzt in 11FREUNDE #181 – bei uns im Shop, am Kiosk und in dig­i­tialer Ver­sion im iTunes- sowie Google-Play-Store.

Mesut Özil, sind Sie in der Form Ihres Lebens?

Ich habe auch früher gute Sai­sons gespielt. Aber ich bin defi­nitiv auf einem guten Weg.
 
Auf einem guten Weg? Die Fans ver­glei­chen Sie mit Dennis Berg­kamp. Die SZ schrieb, dass wir gerade den besten Özil seit der Olgastraße“ erleben.
Trotzdem: Die Saison ist noch jung und ich muss weiter an mir arbeiten.
 
Es heißt, Sie haben Ihre Ernäh­rung umge­stellt: weniger Brot, mehr grünen Tee.
Ich habe ein paar Klei­nig­keiten geän­dert, das stimmt. Ich habe schon immer auf meinen Körper geachtet aber hier in Eng­land gibt es keine Pausen, wes­halb die Ver­let­zungs­ge­fahr größer ist. Trotzdem heißt das nicht, dass ich wie ein Asket lebe. Ich esse immer noch gerne Menemen (tür­ki­sches Rührei, d. Red.), Döner oder Köfte. Es gibt ein tolles tür­ki­sches Restau­rant in London, das mir Poldi emp­fohlen hat, als ich her­ge­zogen bin. Da gehe ich sehr gerne hin. Und da habe ich einige meiner Lon­doner Freunde ken­nen­ge­lernt.
 
Noch wäh­rend der EM war die Bericht­erstat­tung eine andere. Vor allem die deut­sche Presse kri­ti­sierte gerne Ihre Kör­per­sprache. Spüren Sie nun Genug­tuung?
Ganz ehr­lich: Was in der Presse steht, inter­es­siert mich nicht son­der­lich. Für mich zählt nur das, was die Trainer sagen.
 
Arsene Wenger sagte mal: Wer das Spiel von Özil nicht liebt, liebt den Fuß­ball nicht“. Und Jose Mour­inho befand: Es gibt keine Kopie von Özil, nicht mal eine schlechte.“ Trainer waren immer Ihre Fans.
Ich bin mit Mour­inho gut zurecht­ge­kommen. Er ist manchmal sehr laut, auf­brau­send, das weiß man ja. Aber er kann Spieler gut moti­vieren. Und er hat mich ver­standen. Ich wirke abseits des Platzes ein wenig ruhig, auf dem Feld war ich schon immer selbst­be­wusst. Selbst wenn der Spieler Ramos heißt: Ich tun­nele ihn, wenn es sein muss. Viel­leicht drückt er mir dann einen Ellen­bogen, aber egal. Weil ich positiv frech bin, mochten mich meine Trainer und meine Mit­spieler immer.
 
Und Wenger?
Wenger ist ein anderer Typ als Mour­inho. Er ist unglaub­lich lange im Geschäft, und das merkt man. Er ist ein Mann mit großem Cha­risma.
 
Wann waren Sie eigent­lich das letzte Mal der Olgastraße in Gel­sen­kir­chen-Bis­marck?
Vor dem Län­der­spiel gegen Tsche­chien. Ich bin gerne dort. Ist ein Stück Heimat. Man darf nicht ver­gessen, wo man her­kommt. Der Affen­käfig (Bolz­platz in der Olgastraße, d. Red.) sieht aber ganz schön einsam aus, da spielen kaum noch Kinder. Schade.
 
Wie war das, als Sie klein waren?
Es gab nur Fuß­ball für uns, von mor­gens bis abends. Wir haben alles andere um uns herum ver­gessen und oft so lange gespielt, bis man den Ball nicht mehr sehen konnte. Es gab sogar eine rich­tige Stra­ßen­meis­ter­schaft.
 
Wer waren die här­testen Gegner?
Die Älteren. Also mein Bruder und seine Freunde. Da gab es meis­tens auf die Mütze.
 
Baris Ciftci, ein Jugend­freund von Ihnen, erzählte uns, dass Sie schon damals die Fouls an Ihnen mit bud­dhis­ti­scher Ruhe ertragen haben. Warum haben Sie sich nie gewehrt?
Mein Bruder und seine Jungs sind ja vier oder fünf Jahre älter. Ich hatte krassen Respekt vor denen. Aber natür­lich habe ich manchmal gedacht: Jetzt revan­chierst du dich mal, aber im nächsten Moment hatte ich Sorge, dass ich von denen dann ordent­lich Haue bekomme. Hart waren auch die Duelle, die wir gemeinsam gegen die Teams aus angren­zenden Stadt­teilen aus­trugen. Gegen Bulmke-Hüllen zum Bei­spiel. Die Ver­lierer mussten den Gewin­nern Döner aus­geben. Was nicht immer zu unserem Vor­teil war. (Lacht.)
 
Warum?
Weil Mutlu (Özils Bruder, d. Red.) und ich nur fünf Mark Taschen­geld im Monat bekamen – und die waren schnell weg, wenn wir ver­loren haben.
 
Was haben Sie aus den Bolz­platz-Tagen für Ihre Kar­riere mit­ge­nommen?
Ich habe gelernt, dass man mit Spaß Fuß­ball spielen muss. Ohne Druck. Es ist noch heute so, dass ich wirk­lich gut bin, wenn ich spiele, als ob ich kicken würde. Wie damals im Affen­käfig.
 
Würden Sie gerne mal wieder kicken?
Ich will am liebsten immer kicken . Selbst wenn ich meinem Bruder in der Kreis­liga zuschaue. Da juckt der Fuß schon, sobald ein Ball neben mir ins Aus rollt. Schlimm ist es auch im Urlaub. Da ver­misse ich den Fuß­ball oft.
 
Sie sind heute Mul­ti­mil­lionär, betonen aber oft, dass Sie Ihre Wur­zeln nicht ver­gessen wollen. Mal ehr­lich: Ist das über­haupt mög­lich?
Wir haben uns damals auf dem Bolz­platz geschworen: Wenn es einer von uns ganz nach oben schafft, nimmt er die anderen mit. Und so habe ich es gemacht. Ich habe meine Freunde nicht ver­gessen. Einige von ihnen arbeiten heute in meiner Firma (Özil Mar­ke­ting GmbH, d. Red.).
 
Haben Ihre Freunde die fach­liche Kom­pe­tenz für eine Berater-Tätig­keit?
Sie wissen alles über Fuß­ball. Und viele fach­liche Dinge haben sie schnell gelernt, etwa von meinem Berater. Außerdem war mir wichtig, dass sie in meiner Nähe bleiben. Das macht auch mich besser. Ein Bei­spiel: Wenn wir früher gemeinsam in den Urlaub fahren wollten, musste ich immer hoffen, dass meine Freunde frei bekommen. Andere hatten nicht das nötige Geld oder ihnen wurde gekün­digt, obwohl sie fleißig waren und gute Arbeit gemacht haben. Ich wollte, dass sich nie­mand sorgen muss.

2006 wurden Sie Profi beim FC Schalke 04. Wissen Sie noch, was Sie sich von Ihrem ersten Gehalt gekauft haben?
Eine Hand­ta­sche für meine Mutter. Sie war immer für mich da. Ich wollte sie glück­lich machen.
 
Zuvor sind Sie durch die Jugend­schule beim U19-Coach Nor­bert Elgert gegangen. Mit ihm stehen Sie immer noch in Kon­takt. Warum ist Elgert so wichtig für Sie gewesen?
Ich bin ihm ein­fach sehr dankbar. Er war der erste Trainer, der mich tak­tisch geschult und Ehr­geiz ver­mit­telt hat. Außerdem ist er ein guter Typ. Er hatte immer so geile Sprüche parat, sagte ständig: Du musst geduldig unge­duldig sein.“ Am Anfang dachte ich: Was will er? Ver­stehe ich nicht!“ Aber im Nach­hinein checkst du das schon.
 
Elgert sagt, Sie sollen damals schon von Real Madrid und Arsenal geträumt haben. Hatten Sie eine Vision?
Ich bin in Gel­sen­kir­chen auf­ge­wachsen, und natür­lich war Schalke mein Lieb­lings­klub. Alle in der Olgastraße träumten davon, dort eines Tages Profi zu werden. Und dann spinnt man die Geschichte natür­lich weiter. Was wäre, wenn ich es wirk­lich schaffe? Arsenal fand ich toll wegen Dennis Berg­kamp oder Thierry Henry. Und Real Madrid ist ein­fach der größte Klub der Welt.