Wenn für wenige Stunden mög­lich wird, was sonst unmög­lich erscheint, dann nennen zum Pathos nei­gende Geschichts­schreiber das gern Zeit­fenster. Es öffnet sich für einen kurzen Moment, dann schließt es sich wieder, viel­leicht für immer.



Wer am Zeit­fenster steht, dem bläst der eisige Wind des Unge­wissen ent­gegen. Was erwartet ihn? Wer lauert auf der anderen Seite? Wird wirk­lich alles so kommen, wie die Aus­sicht es ver­spricht?

Diese Fragen quälten wohl auch Helmut Kohl, den deut­schen Bun­des­kanzler, als er im Juli 1990 mit Michail Gor­bat­schow, dem Prä­si­denten der Sowjet­union, in den Kau­kasus reiste. Die Mauer war gefallen, nun öff­nete sich ein wei­teres Zeit­fenster: Kohl hielt die volle und unein­ge­schränkte Sou­ve­rä­nität Deutsch­lands“ für mög­lich.

Gor­bat­schow zögerte. Warum sollte er dem Mann, der ihn mit Goeb­bels ver­gli­chen hatte, einen Gefallen schuldig sein? Der Wind blies kalt aus dem Zeit­fenster. Da holte der Kanzler aus seinem Koffer eine blaue Strick­jacke, Größe 68. Sie schützte ihn gegen den Zei­ten­wind, sie erin­nerte ihn an Oggers­heim, ein Stück von diesem unserem Lande“ im fernen Kau­kasus. Zugleich war sie leger genug, um ihn nicht ver­weich­licht erscheinen zu lassen. In ihr ging er mit Gor­bat­schow spa­zieren, in ihr rang er ihm die deut­sche Wie­der­ver­ei­ni­gung ab.

Im Klei­der­schrank der Metro­se­xu­ellen

Wie Kohl und die Wie­der­ver­ei­ni­gung geriet auch die Strick­jacke aus der Mode. Doch was lange als spie­ßige Frei­zeit­klei­dung galt, hat mitt­ler­weile als Casual Look die Klei­der­schränke der Metro­se­xu­ellen erobert. Auch sie, die den mie­figen Strick ihrer Väter eigent­lich abschüt­teln wollten, finden sich nun vor Zeit­fens­tern wieder und frös­teln.

So etwa Bun­des­trainer Joa­chim Löw. Was wäre nicht alles mög­lich gewesen im Spiel gegen Ser­bien: Ein wei­terer berau­schender Sieg, die früh­zei­tige Qua­li­fi­ka­tion fürs Ach­tel­fi­nale, ein Durch­marsch, der Beginn einer Ära. 90 Minuten war dieses Zeit­fenster offen, es zog wie Hecht­suppe. Also griff Löw, wie der Kanzler, zur Strick­jacke. Schick ist sie, zumal kör­per­be­tonter als bei Kohl, ita­lie­ni­scher Schnitt statt Pfälzer Schlabber. Doch die Serben sind nicht Gorbi, sie ließen nicht mit sich ver­han­deln.

Kohl glaubt, dass die Dinge sich in Schüben voll­ziehen, in his­to­ri­schen Stunden“, wie er sie nennt. Löw aber denkt pro­zes­sual, alles fließt – und gerät auch mal ins Sto­cken. Inso­fern eignet sich seine Strick­jacke auch nicht für die His­to­ri­sie­rung. Sie ist ein Acces­soire, mehr nicht. Kohls hin­gegen wurde zur Insi­gnie des Ein­heits­kanz­lers. Heute hängt sie im Bonner Haus der Geschichte. Löw hat wohl schon was Neues geshoppt, im Frust. Viel­leicht einen gelben Gen­scher-Pulli.