Joa­chim Löw kann jetzt nicht mehr weit ent­fernt sein vom Zustand der inneren Ruhe. An diesem Samstag beginnt für den Bun­des­trainer mit dem Spiel gegen Por­tugal die Fuß­ball-Euro­pa­meis­ter­schaft, und für seinen See­len­frieden ist das offen­sicht­lich besser als jede Medizin. Je näher es zum Tur­nier geht, desto ruhiger werde ich“, hat der Bun­des­trainer am Don­nerstag berichtet. Die Gedanken werden klarer.“ Im Umfeld der Mann­schaft lässt sich das nicht unbe­dingt fest­stellen. Löw wurde auf der Pres­se­kon­fe­renz am Don­nerstag gefragt, ob es bei der Natio­nal­mann­schaft eigent­lich einen Chor gebe – weil Singen nach einer seriösen wis­sen­schaft­li­chen Studie die Abwehr­kräfte stärke.

Will­kommen im Gesund­heits­forum Natio­nal­mann­schaft

Die Abwehr­kräfte des Teams waren zuletzt in der Tat etwas geschwächt: Gegen die Schweiz kas­sierte die Natio­nal­mann­schaft vor zwei Wochen fünf Gegen­tore. Per Mer­te­sa­cker, in der Ver­gan­gen­heit eine ver­läss­liche Stütze der Defen­sive, ringt nach seiner Ver­let­zungs­pause noch um eine EM-wür­dige Form, und zumin­dest eine der beiden Außen­po­si­tionen in der Vie­rer­kette wird wäh­rend des Tur­niers eher not­dürftig besetzt sein – je nachdem, wo Kapitän Philipp Lahm auf­laufen wird. Ich glaube, dass es für unser Spiel sehr gut ist, wenn der Philipp links spielt“, hat Löw ent­hüllt. Bliebe also die Frage, wer auf der anderen Seite ver­tei­digt.

Eigent­lich schien alles auf Jerome Boateng zuzu­laufen, doch dann ist dem gebür­tigen Ber­liner bei einem Besuch in der Heimat eine dumme Geschichte dazwi­schen­ge­kommen. Am Dienstag fand sich Boateng auf der Titel­seite der Bild“-Zeitung wieder. Der Natio­nal­spieler und das Nackt­mo­dell“, war da über einem ver­wa­ckelten Foto zu lesen. Und die Frage: Was macht Boateng mit Gina-Lisa in einem Ber­liner Hotel?“

Nach Aus­kunft der jungen Frau, die mit vollem Namen Gina-Lisa Loh­fink heißt und vor allem Zuschauern sol­cher Qua­li­täts­sender wie RTL2 ein Begriff sein dürfte, hat man nachts um drei nur ein biss­chen mit­ein­ander geplauscht. Der Bun­des­trainer war trotzdem nicht beson­ders erbaut, dass der Natio­nal­spieler wenige Stunden vor dem Abflug nach Polen nicht brav in seinem Bett lag.

Wenn man bedenkt, dass Löw sich kurz vor dem Über­tritt in den Zustand der inneren Har­monie befindet, hat er Boateng ges­tern doch recht harsch ange­gangen. Dass mir das nicht gefallen hat, was am Wochen­ende da war, ist wohl selbst­ver­ständ­lich“, sagte der Bun­des­trainer vor ver­sam­melter Presse. Auch wenn es in seiner freien Zeit war – das war natür­lich nicht in Ord­nung.“ Löw hielt die Sache für so bedeu­tend, dass er nicht nur mit Boateng selbst dar­über gespro­chen hat, son­dern das Thema sogar vor der gesamten Mann­schaft auf­ge­ar­beitet hat.

Alter­na­tive Bender steht bereit

Der Bun­des­trainer kom­bi­nierte den Tadel für Boateng mit einem aus­drück­li­chen Lob für einen mög­li­chen Kon­kur­renten um den Platz in der Vie­rer­kette: Ich sage nur, dass mir Lars Bender mitt­ler­weile auf der rechten Seite auch sehr gut gefällt.“ Der Lever­ku­sener ist eigent­lich im defen­siven Mit­tel­feld zu Hause, war von Löw aber schon zu Beginn der Vor­be­rei­tung als mög­li­cher Außen­ver­tei­diger benannt worden. Bender sei absolut hoch belastbar, habe ein gutes Zwei­kampf­ver­halten und eine gute Bal­ler­obe­rung, sagte Löw. Ich sehe ein­fach wahn­sinnig gute Dinge bei ihm. Das gibt mir ein gutes Gefühl, dass ich ihn jeder­zeit auf dieser Posi­tion bringen kann.“

Jerome Boateng sollte ange­sichts dieser aner­ken­nenden Worte für seinen Kon­kur­renten ein eher flaues Gefühl im Magen bekommen. Und ver­mut­lich war genau das die Inten­tion des Bun­des­trai­ners. Boateng weiß jetzt, dass Löw tätige Reue von ihm erwartet: Selbst­ver­ständ­lich hat er eine Bring­schuld. Er muss in der Lage sein, sich zu zer­reißen.“ Die gute Nach­richt für Boateng ist: Auf der Ersatz­bank wird er das nur schwer hin­be­kommen.