Alle paar Monate haut Rainer Wendt einen raus. Er gibt Inter­views oder sitzt in Talk­shows und wet­tert gegen Castor-Gegner, G8-Demons­tranten und linke Kra­wall­ma­cher“. Manchmal bringt er ein paar Dinge durch­ein­ander und manchmal ver­gleicht er auch Vor­fälle um bren­nende Autos in Berlin mit der RAF-Zeit der sieb­ziger Jahre.
 
Sein Lieb­lings­feind sind die Fuß­ball­fans. Und zwar solche, die ein Sta­dion in ein Kriegs­ge­biet ver­wan­deln und dafür ver­ant­wort­lich sind, dass sich heut­zu­tage kaum noch ein Mensch zu einem Fuß­ball­spiel traut.

Es geht vor­nehm­lich um: Laut­stärke
 
Dann sagt er Sätze wie: Die Steh­plätze gehören abge­schafft, die Zäune erhöht, und bei jeder Aus­schrei­tung sollten für den Verein 100.000 Euro fällig werden.“ Oder: Wem strenge Lei­bes­vi­si­ta­tionen nicht passen, der soll vor dem Sta­dion bleiben müssen.“
 
Es geht dabei weniger darum, das jewei­lige Thema zu dis­ku­tieren, es geht vor allem um Laut­stärke. Denn die Deut­sche Polizei-Gewerk­schaft (DPolG) wirbt um Stimmen, Mit­glieder, Anhänger, Auf­merk­sam­keit. Genauso der Bund Deut­scher Kri­mi­nal­be­amter (BDK) oder die Gewerk­schaft der Polizei (GdP). Wer am lau­testen lärmt, das stellte die FAZ“ in dieser Sache vor einigen Monaten richtig fest, der wird von den meisten gehört. Wendt hat sich dabei als ein meis­ter­hafter Laut­spre­cher her­vor­getan. Die Ziel­vor­gabe bei seiner Wahl vor sechs Jahren lau­tete: Medi­en­prä­senz erhöhen“. Und so zieht er alle paar Wochen in eine PR-Schlacht. Und gibt Was­ser­stands­mel­dungen aus dem Sta­dion ab. Bezie­hungs­weise aus dem Kriegs­ge­biet. Je nach Per­spek­tive.

Das war ver­hält­nis­mäßig und recht­mäßig“
 
Das Cham­pions-League-Qua­li­fi­ka­ti­ons­spiel zwi­schen Schalke und PAOK Salo­niki kam jeden­falls zur rechten Zeit, denn es gab einen Poli­zei­ein­satz, der von Fans und Verein kri­ti­siert worden war. In einem Inter­view mit den Ruhr Nach­richten“ sagte Wendt also: Das war ver­hält­nis­mäßig und recht­mäßig. Wenn es jetzt zu Straf­an­zeigen gegen Beamte kommen sollte, wird die Justiz sicher zu dem glei­chen Ergebnis kommen“.
 
Bei jenem Spiel war die Polizei mit einer Hun­dert­schaft in den Block der Schalker ein­ge­rückt, um ein Banner zu ent­fernen, auf dem ein befreun­deter maze­do­ni­scher Klub gegrüßt wurde. Die Fans von PAOK hatten dieses Trans­pa­rent als pro­vo­zie­rend emp­funden, ein Poli­zei­be­amter stufte es gar als volks­ver­het­zend“ ein. Die Polizei mar­schierte also in den Block, sprühte ein biss­chen Pfeffer durch die Gegend, nahm die Fahne ab und ver­schwand wieder. Zurück blieben irri­tierte, wütende, aber auch ver­letzte Fans.

Schalkes Vor­stands­mit­glied Peter Peters ver­öf­fent­lichte noch in der Nacht eine Stel­lung­nahme, in der er darauf hin­wies, dass der Poli­zei­ein­satz vom Verein nicht abge­segnet worden war und man das Vor­gehen für über­zogen halte.
 
Das wie­derum brachte Wendt auf die Palme: Zum Glück werden Recht­mä­ßig­keit und Ver­hält­nis­mä­ßig­keit von Poli­zei­ein­sätzen nicht von Fuß­ball­funk­tio­nären beur­teilt.“ Diese würden näm­lich auf den Tri­bünen sitzen und Canapés essen, wäh­rend unsere Leute zwi­schen den Blö­cken stehen und sich ihrer Haut erwehren müssen“. Da die Schalker Funk­tio­näre gar keine Ahnung“ hätten, sollten sie öffent­lich erst mal den Mund halten“. Am Ende noch: Man sei nicht auf dem Kin­der­spiel­platz, son­dern im Fuß­ball­sta­dion.

Nach­richten aus Afgha­ni­stan?
 
Sätze, die man täg­lich andern­orts hört. Aller­dings unter dem Titel: Nach­richten aus Afgha­ni­stan. Oder aus Ägypten. Ein echter Wendt eben. Und wenn dieser echte Wendt nicht so erschre­ckend wäre, könnte man sich gar ein wenig über seine Militär-Rhe­torik amü­sieren. Oder sie ein­fach tot­schweigen.
 
Nur: Das ist ver­mut­lich das fal­scheste, was man machen kann. So jeden­falls ver­hielt sich die Liga viele Jahre, klein­laut und devot. Erst im Sommer 2012 wurden erst­mals Stimmen laut, die Rainer Wendt ein wenig Zurück­hal­tung emp­fahlen. Mainz-05-Prä­si­dent Harald Strutz bezeich­nete damals Wendts stän­dige Ein­mi­schungen in die Causa Steh­plätze als anma­ßend“.

Rau­balls Gegen­stimme
 
Nun hat sich erneut jemand gemeldet, und dieses Mal ist es Rein­hard Rau­ball, der Chef der Deut­schen Fuß­ball-Liga. Er sagte nach Wendts Aus­bruch: Der Profi-Fuß­ball lässt sich weder durch Polizei-Lob­by­isten noch durch Poli­tiker-Schelte vom Weg des Dia­logs abbringen.“
 
Ein Satz, der eben­falls einige Male andern­orts gesagt wurde, und manch einer wird Rau­ball vor­werfen, dass auch seine Äuße­rung ein Ver­such ist, in der PR-Schlacht die Ober­hand zu behalten. Doch wenn man diese Skepsis abzieht und die bloße Aus­sage ste­hen­lässt, kann man fest­halten, dass sie der Liga in ihrer Deut­lich­keit und zum jet­zigen Zeit­punkt gut zu Gesicht steht. Es ist eine Aus­sage, an der man sie messen kann.