HIN­WEIS: Diese Repor­tage erschien bereits im Jahr 2011 in unserem Magazin. Die Ereig­nisse der gest­rigen Nacht (die Polizei sprach von Stra­ßen­terror“, in der rechte Hoo­li­gans im Leip­ziger Stadt­teil Con­ne­witz wüteten und auch den Fisch­laden“ von Roter Stern Leipzig“ angriffen, hat uns dazu bewegt, die Repor­tage noch einmal für euch online auf­zu­be­reiten.

So weit war es also gekommen! Thomas Knopf stand mor­gens in der Haustür und über­legte, wel­ches Paar Schuhe sich am besten zur Flucht eignen würde. Seine Füße steckten noch in Bade­lat­schen. Aber die waren weder zum Kämpfen noch zum Rum­stehen in feind­li­chem Ter­ri­to­rium geeignet. Wie war es nur so weit gekommen, dass er sich über so etwas Gedanken machen musste – und das an seinem Geburtstag? Auf dem Tisch stand der Rest vom Kuchen, die bunten Kerzen waren noch nicht her­un­ter­ge­brannt, seine Tochter tobte durch den Garten. Heile Welt. Und er, der Trainer von Roter Stern Leipzig (RSL), musste nun wieder raus auf irgend­einen gott­ver­dammten Fuß­ball­platz in der säch­si­schen Pro­vinz. Knopf stellte die Bade­lat­schen neben die Tür und zog sich Lauf­schuhe an. Keine Kampf­montur, doch wenigs­tens die ideale Aus­rüs­tung, um im rich­tigen Moment so schnell es geht um sein Leben zu rennen. 

Aber wie war es denn nun so weit gekommen? Seit der RSL vor zwei Jahren aus der Stadt­liga Leipzig in die Bezirks­klasse II auf­stieg und nun regel­mäßig ins Umland reisen muss, ist fast jede Aus­wärts­partie ein Risi­ko­spiel. In Oschatz wurde das Team von ansäs­sigen Zuschauern mit Hit­ler­grüßen emp­fangen, in Dahlen fand sich Thomas Knopf auf einer Trai­ner­bank wieder, um die ein Bau­zaun gezogen war – er sollte ihn vor Über­griffen schützen. Und dann natür­lich Brandis, der Anfang und das Ende von allem. Im Oktober 2009 hatten hier 50 Neo­nazis, bewaffnet mit Eisen­stangen und Holz­latten, Mann­schaft und Anhänger von Roter Stern Leipzig über­fallen. Das war sogar bun­des­weit eine Nach­richt. 

Die Nazi­schweine haben ein Angst­sze­nario geschaffen“

Gebes­sert hat sich seitdem kaum etwas. Im Gegen­teil: Es ist schlimmer geworden. Im April dieses Jahres wurden zwei Aus­wärts­spiele abge­sagt. Die Ver­eine in Süp­titz und Schildau sahen sich nicht in der Lage, die seit dem Über­fall von Brandis gel­tenden Sicher­heits­auf­lagen von Ver­band und Polizei zu erfüllen. Der Ver­band ruft vor jedem Aus­wärts­spiel eine Sicher­heits­kon­fe­renz ein, an der die Staf­fel­leiter und Ver­treter beider Ver­eine teil­nehmen. Die Polizei schickt dann oft eine Hun­dert­schaft zum Schutz von Mann­schaft und Anhang. Den Fans von Roter Stern wird zudem häufig unter­sagt, Trans­pa­rente mit poli­ti­schen Inhalten mit­zu­bringen. Es sind bun­des­li­ga­reife Aus­maße für Spiele in der achten Liga. Alltag im säch­si­schen Ama­teur­fuß­ball. Die Nazi­schweine haben ein Angst­sze­nario geschaffen. Auf dem Dorf denkt man, wenn der Rote Stern kommt, knallt es“, fasst ein Mit­glied des RSL den Status quo zusammen. 

Es ist Don­ners­tag­abend, und da findet das wöchent­liche Plenum statt. Treff­punkt Fisch­laden“, Klub­heim und Herz des Ver­eins zugleich. Hier herrscht Knei­pen­at­mo­sphäre. Die Fens­ter­front ist mit Sty­ropor abge­hangen, die Tür durch dicke Eisen­stäbe geschützt, aus den Boxen knarzt Punk­rock in den dunklen Raum. Über dem Ein­gang hängt ein Schal mit dem Motto: Love Foot­ball – Hate Fascism“. In der Luft: Ziga­ret­ten­qualm. Auf den durch­ge­ses­senen Leder­sofas: Punks, Stu­denten, Hunde. Thomas Knopf ist auch da, als Ver­treter der ersten Mann­schaft. Man könnte meinen, Ver­eins­leben im etwas anderen Rahmen.

Der Ver­eins­vor­sitz wird nur an Frauen ver­geben 

Doch bei Roter Stern will man von den klas­si­schen Struk­turen nichts wissen. Man ver­steht sich als kul­tur­po­li­ti­sches Sport­pro­jekt, das sich im Span­nungs­feld zwi­schen nor­malem Fuß­ball­verein und links­ra­di­kaler Politik“ ver­ortet. So zumin­dest wurde es einmal in den Anfangs­tagen for­mu­liert. Das wird uns heute immer wieder um die Ohren gehauen“, sagt Adam Bed­narsky. Dabei bedeutet ›radikal‹ ledig­lich eine Besin­nung auf die Wur­zeln der Bewe­gung.“ Bed­narsky ist Mit­be­gründer und Geschäfts­führer von RSL. Seinen offi­zi­ellen Posten hat der stu­dierte Poli­to­loge nur der Form halber, um den Stan­dards eines ein­ge­tra­genen Ver­eins zu genügen. Es ist nicht der ein­zige Unter­schied zu nor­malen Fuß­ball­klubs. Seit dem ersten Tag wird der Ver­eins­vor­sitz nur an Frauen ver­geben – als sym­bo­li­scher Pro­test gegen die kon­ser­va­tive Män­ner­welt des Fuß­balls.

Auf dem Don­ners­tags-Plenum werden jede Woche alle Ver­eins­be­lange in der Gruppe aus­dis­ku­tiert. Das The­men­spek­trum reicht vom bil­ligsten Müll­beu­te­l­an­bieter über die Aus­wahl einer poli­tisch kor­rekten Dru­ckerei für Pla­kate und Flyer bis zum Bau­fort­gang des Sozi­al­traktes am Trai­nings­platz für knapp eine Mil­lion Euro. Ent­schieden wird hier nur im Kon­sens. Wenn ein Anwe­sender gegen einen Antrag stimmt, wird er abge­lehnt. Beginn der Ver­an­stal­tung: 18.30 Uhr. Ende: offen. Es gibt viel zu bespre­chen.