Sonn­tag­morgen. 11 Uhr. Ein auf­ge­weichter Fuß­ball­platz zwi­schen Han­nover und Minden im Winter. Nur der Mit­tel­kreis ist noch knüp­pel­hart gefroren. Ver­hält­nisse in der Kreis­liga. Kein Platz für Tech­niker. Sind das Tecker­spuren auf dem Platz? Eine ros­tige Walze am Rand des Rasens“ verrät, dass hier ein Land­wirt den Platz prä­pa­rieren wollte. Vielen Dank!

Es nie­selt, eine Mischung aus Regen und Schnee. Der feuchte und kalte Wind weht einem Rentner ins Gesicht, der gerade seinen sonn­täg­li­chen Spa­zier­gang mit dem Hund macht. Er will mal schauen, warum so viele Autos am Sport­ge­lände stehen. Ein Zettel im Schau­kasten ver­kündet: Ein Freund­schafts­spiel der Kreis­liga zwi­schen der ersten Herren For­tuna Rehren und dem Ger­mania Pohle. End­lich wieder Fuß­ball.

Die Tür des Ver­eins­heims öffnet sich. Sieb­zehn­jäh­rige Cris­tiano Ronaldos richten ihre Tri­kots. Die über­mo­ti­vierten A‑Jugendlichen kommen als erstes auf den Platz. Die Stutzen weit über die Knie gezogen. Bunte Schuhe, Brillie im Ohr und schmalzig gegelte Haare. Richtig warm machen, um dem Kreis­liga-Trainer der ersten Herren zu zeigen, dass er auf sie zählen kann. Der Übungs­leiter ist begeis­tert und erkennt sofort das Poten­zial der hei­mi­schen Talente: Ihr seid schon draußen? Macht den Platzbau!“

Musste Schweini früher auch abkreiden?

Hän­gende Köpfe bei den Jungs mit dem Krei­de­wagen. Die blin­kenden Schuhe werden dre­ckig. Musste Schweini früher auch abkreiden? Ama­teure!“ Der Raunzer kommt von einem dick­li­chen Mann mit der Fünf auf dem Rücken. Libero. Kreis­liga-Erfah­rung. Einer, der mit Auge spielt. Mehr geht auch nicht mehr. Zum Auf­wärmen kreist er die Hüften. Das hat früher auch gereicht. Und an den Trainer gerichtet: Sind wir genug?“ – Es wollten noch zwei aus der Alt-Herren kommen. Dann wären wir genau Elf.“

Es ist das Schicksal eines Trai­ners in der Kreis­liga, dass er zu seinen Vor­be­rei­tungs­spielen nie den kom­pletten Kader zur Ver­fü­gung hat. Die Mann­schaft kann sich noch nicht einmal selbst auf­stellen. Am Sams­tag­abend gibt es nur zwei Fragen: Wer ist von den A‑Jugendlichen auf Kreis­liga-Niveau? Und wer hat von den alten Herren Zeit? Das sonn­täg­liche Ergebnis ist eine Truppe, von der er hofft, dass sie nie­mals um Punkte spielen muss.

Des­halb ver­zichtet der Coach auch auf tak­ti­sche Ein­schwö­rungen vor dem Spiel, auf das müh­same Ein­bläuen von Spiel­zügen. Ist eh für die Katz’. Das Zurufen der Posi­tionen reicht voll­kommen aus. Die dünne Per­so­nal­decke ver­don­nert den A‑Ju­gend-Knipser in der Kreis­liga-Truppe zum Mann­de­cker. Die Alt-Herren werden auf die Posi­tionen gestellt, auf denen man viel mit Erfah­rung wett macht: vorne drin, als Anspieler im Mit­tel­feld oder ins Tor.

Für solche Spiele reist kein Schieds­richter an, geschweige ein Gespann. Den Anpfiff führt der hei­mi­sche Spar­ten­leiter aus. Ein pen­sio­nierter Ver­treter für Land­ma­schinen, der eigent­lich lieber das Ski­springen bei einem Bier­chen im warmen Wohn­zimmer gucken würde und jede här­tere Aktion mit den Worten Wir müssen morgen alle noch arbeiten“ ahndet. Er ja eigent­lich nicht – das ist aber egal. Über­haupt ist das gesamte Spiel von einer latenten Gleich­gül­tig­keit geprägt.

Kon­zeptlos, kopflos, kraftlos, Kreis­liga

Warum sich auch Mühe geben? Das Ganze ist sinnlos. Es ist absurd einen dicken alten Tor­hüter seines sonn­täg­li­chen Mit­tags­schlafs zu berauben, damit er ein Tor hütet, dessen Dimen­sionen er noch nie richtig abschätzen konnte. Jeder plat­zierte Schuss sitzt. Es ist sinnlos den Spiel­ma­cher der Alt-Herren in die Schalt­zen­trale im Mit­tel­feld zu beor­dern. Mit dem Spiel hat dieser ältere Herr eh nichts zu tun. Der Mit­tel­kreis ist bekannt­lich ver­eist, und zum Umkurven des Sel­bigen fehlt die Luft. Selbst das Brüllen von tak­ti­schen Anwei­sungen fällt der erbärm­li­chen Kon­di­tion zum Opfer. Außerdem kennt kein A‑Jugendspieler die Posi­tion des Außen­läu­fers. Blindes Unver­ständnis auf dem Feld.

Und der Nach­wuchs? Bei jedem Pass ins Nichts schimpfen die A‑Jugendlichen über die schlechten Platz­ver­hält­nisse. Geschenkt. Sie sollten ihre krummen Füße oder die ver­sof­fenen Zelt­partys ver­flu­chen. Der Rest der Mann­schaft macht irgendwie mit. Das Gesto­cher auf den Platz zu schieben, wäre eine Belei­di­gung für jeden ver­blie­benen Gras­halm. Kon­zeptlos, kopflos, kraftlos, Kreis­liga. Irgendwie unsport­lich. Fehlt die Moti­va­tion?

Geht ja um nix. Um gar nix. Bei sol­chen Par­tien werden die gene­rellen Pro­bleme einer Kreis­liga-Mann­schaft deut­lich. Die guten Spieler haben ihren Platz sicher und müssen sich solche Kicks nicht antun. Die Jungs, die sich in diesen Par­tien prä­sen­tieren“ wollen, stol­pern brotlos über den Patz. Für die nächste Rück­runde winkt den Trai­nigs­stre­bern wieder nur die Bank. Der Trainer weiß es, sagt aber nichts.

Er ist der wirk­lich leid­tra­gende dieser Ereig­nisse – blind vor Opti­mismus und doch langsam erken­nend, dass der Mehr­wert dieser Par­tien gleich null ist. Wieder einen Sonntag ver­schenkt. Es geht nicht einmal um Kreis­liga-Punkte. Wieder ent­täuscht von dieser Mann­schaft. Wieder kost­bare Lebens­zeit an ein Hobby ver­schwendet, dessen Sinn nicht mehr zu erkennen ist. Mieser Fuß­ball, miese Stim­mung.

Abpfiff. Als der Spar­ten­leiter dem Trau­er­spiel nach 80 Minuten ein vor­zei­tiges Ende setzt („Ich will wenigs­tens noch die letzten Springer sehen“) schlurfen die Teams vom Platz. Als Letzter geht der hei­mi­sche Trainer ins Ver­eins­heim. Er hat noch eben die Eck­fahnen ein­ge­sam­melt. Irgendwie sind Kreis­liga-Vor­be­rei­tungs­spiele abso­luter Quatsch!“ Diese späte Erkenntnis schützt den Belehrten aber nicht vor der letzten Demü­ti­gung des Spiels: der Dank an die Alt-Herren und A‑Jugendlichen, die der Mann­schaft heute wirk­lich geholfen haben. Der Gedanke an diese Lüge lässt ihn erschau­dern. Ekel­haftes Trai­ner­da­sein. Sein Blick schweift noch einmal über den Acker. Dann schließt er die Tür.

Der Platz ist wieder ver­lassen, durch­pflügt und einsam. Der Rentner mit dem Hund hat genug gesehen und geht nach Hause. War heute nicht Ski­springen? Mist, ver­passt. Auf dem nach Rückweg pin­kelt der Vier­beiner an den Schau­kasten. Recht so!

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Anmel­dung & wei­tere Infor­ma­tion unter www​.med​leys​-whiskey​.com
Anmel­de­frist: 30. April 2012
Swamp Camp Deutsch­land: 2. und 3. Juni 2012
Swamp Soccer-Welt­meis­ter­schaft, Ukku­m­alla: 13. – 14. Juli 2012