Die Gast­stätte Jan Harps­tedt“ ist eigent­lich kein Ort für umju­belte Come­backs. Hier wird noch auf dem Bier­de­ckel abge­rechnet, im Hin­ter­zimmer steht eine Jukebox als Ein­gang in die Schla­ger­hölle und am Tresen das Quoten-Trio bier­bäu­chiger Alt­her­ren­kie­bitze, den Elfen­bein­kamm schei­tel­nach­zieh­be­reit in der Gesäß­ta­sche lagernd. Wer hier zecht, wurde aus­ge­zählt. Weißes Hand­tuch, tech­ni­scher K.O. Tou­pierte Wir­tinnen sagen: Mensch, Erwin, tolles Wetter hast du mit­ge­bacht!“ Und Erwin sagt: Jaja, du mich auch.“ In diesem holz­ver­tä­felten Pro­mil­le­ka­russel ersteht am 5. April 2012 der SV Atlas wieder auf, Del­men­horst pro­mi­nen­teste Fuß­ball­marke. Zwei Fragen rahmen die unwahr­schein­liche Rück­kehr: Wird jetzt alles besser? Und kann es über­haupt so gut werden, wie es früher einmal war?

Denn früher war es gar nicht schlecht.

1973 fusio­nierten FC Roland, VSK Bun­gerhof und SSV Del­men­horst zum SV Atlas. Der neue Klub stürmte durch die Ober­liga Nord und 1981 bis ins DFB-Pokalach­tel­fi­nale. Zwar war gegen die von Jupp Heynckes orches­trierte Borussia aus Mön­chen­glad­bach Schluss, aber von den Lobes­hymnen, die ein gewisser Lothar Mat­thäus auf die mutigen Ama­teure sang, erzählt man sich noch heute gern. Danach wusste der SV Atlas die Stadt Del­men­horst end­gültig hinter sich. Das Sta­dion strömte spiel­täg­lich voll und der gelb-blaue Schal bau­melte im Küchen­fenster neben dem Werder-Wimpel. 1995 schaffte die Mann­schaft den Sprung in die Regio­nal­liga Nord, damals immerhin Deutsch­lands dritt­höchste Klasse. Zwei Klas­sen­er­halte später begann der Nie­der­gang.

Abstieg in die Ober­liga, harter Auf­prall in der Ver­bands­liga. Der Haupt­sponsor ver­ab­schie­dete sich und kurz darauf Atlas selbst. Her­un­ter­ge­wirt­schaftet ging der Verein im Del­men­horster SC auf und an der Insol­venz 2002 end­gültig zugrunde. In nur vier Jahren hatten die Nar­re­teien semi­kom­pe­tenter Funk­tio­näre, unter gna­den­losem Zutun des Schick­sals, den Regio­nal­li­gisten aus dem Ver­eins­re­gister getilgt. Ein­tracht Del­men­horst über­nahm die Jugend­ab­tei­lung. Und die Kleinst­stadt vergaß, wie fuß­ball­fiebrig sie sein konnte.

Für die erste Partie des rel­oa­deten SV Atlas pil­gern 1200 Zuschauer in das satu­rierte Sta­dion an der Düs­tern­ort­straße. Es ist ein Freund­schafts­spiel, wohl­ge­merkt, und zu Gast nur die Reserve des VfB Olden­burg. Aber die plötz­liche Neu­grün­dung wird zum Erwe­ckungs­kuss, der Del­men­horst aus seinem Fuß­ball­dorn­rös­chen­schlaf reißt. Mit anderen Worten: Der SV Atlas schließt die Lücke, die er vor drei­zehn Jahren selbst gerissen hat. Trainer Michael Müller jubelt nach dem 0:3 in die gie­rigen Dik­tier­ge­räte der Lokal­jour­na­listen: Wir sind wieder da!“ Müller gehört zum Grün­dungs­zirkel, der das Come­back ein Jahr lang vor­be­reitet hat. Mit Team­ma­nager Thomas Hebgen ist er befreundet, und für die Pla­nungs­phase, das erzählen beide uni­sono, galt nur: Bloß nicht die Fehler der Ver­gan­gen­heit wie­der­holen.

Die Grün­der­väter, acht wei­tere Per­sonen gehören dazu, begaben sich zuerst sich auf Spon­so­ren­suche. Sie wollten nicht, wie wei­land vor dem Bank­rott, am Tropf eines ein­zigen Geld­ge­bers hängen. Im ersten Jahr ist der Spon­so­ren­pool von 32 auf 43 gewachsen“, erläu­tert Hebgen, ein mas­siger Macher und Küm­merer, die Akquise. Er hofierte die Finan­ciers, lud zum Span­fer­kel­essen, stellte die Mann­schaft vor. Aktionen, die ankamen und den SV Atlas lokal noch stärker ver­wur­zeln. Alle Werber kommen aus Del­men­horst, der Unter­nehmer rannte beim ansäs­sigen Mit­tel­stand offene Türen ein. Türen, durch die auch die Kon­kur­renz wäh­rend der Atlas-Absti­nenz hätte gehen können. Hat aber keiner gemacht.“

Hebgen ist der Ver­weis wichtig, denn die finan­zi­elle Potenz wurde dem Neu­ling von den in der Kreis­klas­sen­ge­müt­lich­keit ein­ge­rich­teten Nach­barn sofort geneidet. Man befürch­tete einen Spie­lerexodus. Knut Hin­richs, Obmann beim TV Jahn, meinte gehört zu haben, der SV Atlas bezahle Kickern das Stu­dium, wenn sie wech­seln. Hebgen sagt dazu: Kein Spieler bekommt für einen Wechsel Hand­geld.“ Wort steht gegen Wort. Die Atlas-Familie fühlt sich ver­leumdet, die Kon­kur­renz sich aus­ge­kauft. Es ist ein schwe­lender Kon­flikt, manchmal ent­lädt er sich auf dem Rasen.

März 2013, es ist kalt. Der Winter friert den Früh­ling ein, aber die Welt ist trotz Maya-Pro­gnose nicht unter­ge­gangen, auch nicht die Welt von Thomas Hebgen. Nach holp­rigem Start war sein SV Atlas durch die Hin­runde geflogen, hatte am 11. Spieltag die Spitze erobert und nie­der­la­genlos ver­tei­digt. Auf dem Rasen führt das Team im ersten Pflicht­spiel nach der Pause mit 1:0, trotzdem ver­rie­gelt FC Hude II den eigenen Straf­raum kon­se­quent. Alle Teams mauern gegen den Favo­riten. TV Döt­lingen, SF Wüst­ling, GW Klei­nen­k­neten. Die Kon­kur­renz in der KK01, Kreis Olden­burg-Lan­d/­Del­men­horst, kickt wie sie heißt, und dem Tabel­len­führer schenkt keiner Respekt, son­dern Tritte gegen das Waden­bein. Hebgen denkt in stetig wach­senden Syn­thesen: In vier Jahren wollen wir in der Lan­des­liga spielen.“

Das Publikum hono­riert die Ambi­tionen, selbst bei Glüh­wein­wetter sind 200 Zuschauer ins marode Rund geströmt. Im Schnitt kommen bis zu 400, und das in einer Liga, in der die Geg­ner­namen oft so sexy klingen wie Fuß­pilz oder Zweit­ver­tre­tungen sind. Auch im Netz ver­weist Atlas die Gegner auf die Plätze. Der offi­zi­elle Face­boo­kauf­tritt kratzt an der 1000-Likes-Mauer, die Com­mu­nity ist aktiv und kom­men­tiert, postet, uploaded. Zum Ver­gleich: Der SV Grün-Weiß Klei­nen­k­neten hat 100 Freunde gesam­melt. 

Im Fahr­stuhl der Neun­ziger Jahre

Die Gemeinde, die mit dem SV Atlas im Fahr­stuhl der Neun­ziger Jahre nach oben gefahren ist, steigt auch jetzt wieder ein, im Sou­ter­rain. Hebgen erzählt von gemailten Glück­wün­schen aus der ganzen Repu­blik. Gegen den FC Hude II sind zwei Kut­ten­träger aus Bad Oldesloe ange­reist, sie beprosten launig die Hau­ruck­ent­wick­lung im Sarah-Connor-Land, als kurz vor ultimo der Aus­gleich fällt. Das Spiel endet unent­schieden und erin­nert alle Ent­schei­dungs­träger daran, dass auch der SV Atlas nicht empor fliegen kann.

In der Woche nach dem Remis wird Trainer Müller ent­lassen. Als Tabel­len­führer, ohne Pleite. Die heile Atlas-Welt bekommt Risse, und in der Causa Ailton geht es auch nicht voran.
Bereits 2012 hatte der SV Atlas sein Inter­esse am exzen­tri­schen Bra­si­lianer bekundet, der, 39 Jahre alt und mehr Kugel als Blitz, in der Ver­bands­liga für Hassia Bingen fuß­ball­rent­nert. Die Nähe zu Bremen soll den Dschun­gel­camper locken, vor allem aber Publi­city bringen. Und der Plan geht auf. Das Buhlen sichert dem SV Atlas die über­re­gio­nale Auf­merk­sam­keit, die man auch sport­lich für sich rekla­miert, spä­tes­tens in einigen Jahren. Manager Hebgen gibt zu: Man holt nicht den Fuß­baller, son­dern eine Marke.“ Am Ende holt man weder Fuß­baller noch Marke wegen aus­ein­an­der­klaf­fender Vor­stel­lungen, aber in die Schlag­zeilen hat es der Kreis­klas­sen­klub wenigs­tens geschafft. Wei­tere, posi­tive, folgen.

Am 26. Mai 2013 sichert der SV Atlas mit einem 6:0 über TSV Gan­der­kesee II den ersten Auf­stieg im ersten Jahr. Das Soll ist damit erfüllt, auch wenn es am Ende nur zum zweiten Rang hinter dem Lokal­ri­valen RW Hür­riyet reicht. Der vom Ver­let­zungs­pech gezeich­nete Kader schleppt sich ins Mini­mal­ziel Kreis­liga. Er hat nicht immer gezau­bert, aber doch eine wich­tige Ver­än­de­rung in der Drei­und­sieb­zig­tau­send­stadt Del­men­horst bewirkt: Die Fuß­ball­be­geis­te­rung ist wieder da.

Als der SV Atlas am Sai­son­ende in Eigen­regie ein Freund­schafts­spiel gegen Werder Bremen orga­ni­siert, ver­irren sich auf das Pri­ma­vera-Fest, par­allel ter­mi­niert und eigent­lich eine gute Adresse im lokalen Kul­tur­be­trieb, nur zwei Dut­zend Besu­cher. Der Ver­an­stalter merkt säu­er­lich an, die Del­men­horster gingen jetzt wohl lieber wieder zum SV Atlas.