Jogi Löw hat es nicht leicht! Dass der Job als Bun­des­trainer einem Men­schen ein extremes Maß an Geduld, Tole­ranz und Langmut abfor­dert, hat kaum ein DFB-Chef­coach besser ver­in­ner­licht als er. Seit 14 Jahren mode­riert er sein Amt mit einer robo­ter­haften See­len­ruhe und einer gedul­digen Freund­lich­keit, dass sich mit­unter der Ein­druck auf­drängt, es han­dele sich bei dem Schwarz­wälder um einen Avatar aus den Ent­wick­lungs­la­boren zur Künst­li­chen Intel­li­genz aus den Kel­lern der Otto-Fleck-Schneise.

Mit seinem ein­schlä­fernden Sing­sang konnte Löw den Deut­schen nach zahl­rei­chen Erfolgen auch das haar­sträu­bende Vor­runden-Aus bei der WM 2018 so gut dar­legen, dass der Mob nicht post­wen­dend auf die Bar­ri­kaden stürmte und seinen Rück­tritt for­derte. Löw hat viel Kredit. Er ist ein Expo­nent des Som­mer­mär­chens“, er hat die Natio­nalelf mehr­fach erneuert, die Men­schen ver­trauen ihm mehr als den meisten seiner Vor­gänger. Und nicht zuletzt bietet er durch seine Auf­tritte so wenig Angriffs­fläche wie wohl kein Bun­des­trainer vor ihm. Kurz: Der DFB hätte für die Trans­for­ma­tion der Natio­nalelf aus dem ana­logen ins Zeit­alter der sozialen Medien keinen Bes­seren finden können als ihn.

Doch so wie selbst der beste Com­puter irgend­wann den Geist auf­gibt, kor­ro­dieren auch beim Bun­des­trainer der­zeit einige Lei­ter­platten. Gerade gab Löw unge­wohnt patzig zu Pro­to­koll, es sei ihm völlig egal, wer was wie sagt“ und stellte dabei auch die expo­nierte Rolle heraus, die er im deut­schen Fuß­ball bekleide: Jeder kann Kritik äußern. Aber ich stehe über den Dingen.“ Offenbar haben ihn einige Ein­las­sungen gekränkt.

Schweini gibt dem alten Chef Tipps

Nach dem Auf­tritt der B‑Elf gegen die Türkei schrieb Berti Vogts, dass er sich als Zuschauer ver­schau­kelt fühle, weil Reser­ve­spieler eines Ver­eins“ in einer DFB-Start­for­ma­tion nicht zu suchen“ hätten. Bas­tian Schwein­s­teiger – einst Lieb­lings­schüler des DFB-Übungs­lei­ters – gab seinem alten Chef sogar Tipps zur Kader­zu­sam­men­stel­lung als er sich für eine Rück­kehr von Jerome Boateng aus­sprach und zudem fest­stellte: Man kann sich nicht mehr so 100-pro­zentig iden­ti­fi­zieren mit der Natio­nal­mann­schaft. Das ist schade.“ Und als dann auch noch Rekord­na­tio­nal­spieler Lothar Mat­thäus äzte, dass er sich wun­dere, wenn ich sehe, dass da viele Spieler für Deutsch­land auf­laufen, die in ihren Ver­einen auf der Bank sitzen“ platzte dem 60-jäh­rigen Bun­des­trainer im Rahmen seiner Mög­lich­keiten regel­recht der Kragen: Ich glaube, der Lothar ist mit seinen 90er-Welt­meis­tern in der Tos­kana. Das ist glaube ich ganz gut für mich, dann kann er diesmal die Kritik nicht so unmit­telbar äußern.“

Löws Dünn­häu­tig­keit ist nur allzu ver­ständ­lich. Bis­lang bestand die Kunst seiner Arbeit vor allem darin, im Sinne des Erfolgs Per­so­nal­ent­schei­dungen zu treffen, ohne dabei die Emo­tionen der Fans und Medien über Gebühr zu stra­pa­zieren. Wie schwer das sein kann, beweisen seine Maß­nahmen mit denen er nach dem WM-Debakel 2018 den Umbruch ein­lei­tete. Dass sich etwas ändern muss, darin waren sich alle einig. Doch als Löw im Hand­streich Thomas Müller, Mats Hum­mels und Jerome Boateng aus dem DFB-Kader ent­ließ, war der Auf­schrei groß – und seither werden die Namen der geschassten Vete­ranen nach jedem mit­tel­mä­ßigen Auf­tritt der Natio­nalelf wieder ins Spiel gebracht, wenn es um mög­liche Alter­na­tiven geht.

Doch neben der Nomi­nie­rungs­pro­ble­matik, die all­ge­mein zum Berufs­ri­siko eines Bun­des­trai­ners gehört, hat Löw neu­er­dings neue Pro­bleme: Die Natio­nalelf befindet sich in einer Iden­ti­täts­krise. In den erfolg­rei­chen Jahren fiel es nicht weiter auf, dass den Akteuren suk­zes­sive die Boden­haf­tung ver­loren gegangen war. Doch das frühe WM-Aus gefolgt von den schwa­chen Auf­tritten in der UEFA-Kopf­ge­burt Nations League“ offen­barten nicht nur den Leis­tungs­ab­fall, son­dern auch das Des­in­ter­esse vieler Spieler an der Natio­nalelf. Die Folge: Die Zahl der Sta­di­on­be­su­cher brö­ckelt sein geraumer Zeit expo­nen­tiell. Und auch das viel­be­schwo­rene letzte Lager­feuer der Nation“, wie Team­ma­nager Oliver Bier­hoff die Län­der­spiele bezeich­nete, ist nur noch eine schwache Glut. Beim Test­spiel gegen die Türkei am Don­nerstag schal­teten nur 5,82 Mil­lionen Deut­sche das Fern­sehen ein. So wenig wie zuletzt 2012.

Die gelackten PR-Aktionen passen zum depres­siven Corona-Zeit­geist

Es ist für jeden ersicht­lich: Das coole Start-Up-Fee­ling der Post-Som­mer­mär­chen-Ära hat sich über­lebt. Auch der Bun­des­trainer muss erkennen, dass die Men­schen nicht mehr devot auf sein schil­lerndes Star-Ensemble bli­cken, son­dern Ansprüche an das Team haben und nach mehr Teil­habe gieren. Die Nähe zur Mann­schaft“ ist ver­loren gegangen. Die gelackten PR-Aktionen passen nicht mehr in den depres­siven Corona-Zeit­geist und gehen teils völlig am Emp­finden des Publi­kums vorbei. Die Wort­hülsen bei den Field-Inter­views, die teils bizarren Selbst­in­sze­nie­rungen der Kicker in ihren sozialen Netz­werken, die obs­zönen Gehälter in einer Zeit, in der ein Viertel der Repu­blik in Kurz­ar­beit geht, das passt ein­fach nicht mehr zu einem DFB-Team, das nach wie vor auf einem ganz eigenen Raum­schiff durch seine ferne Galaxis fliegt.

2006 glotzte die ganze Nation noch bewun­dernd auf Franz Becken­bauer, der im Hub­schrauber von Spielort zu Spielort hoppte. Doch in Zeiten von Nach­haltig- und Acht­sam­keit, ist es nicht mehr schick­lich, wenn Natio­nal­spieler auch Stre­cken unter 200 Kilo­meter mit dem Flug­zeug zurück­legen. Aber in der Blase, in der sich der DFB-Tross befindet, kommt so ein Per­spek­tiv­wechsel erst deut­lich zeit­ver­setzt an. Und wenn der Bun­des­trainer dann noch die Con­ten­ance ver­liert, weil er den ver­fäng­li­chen Satz spricht, er stehe über den Dingen, ist man­cher ver­sucht, es ihm als Arro­ganz aus­zu­legen.

Denn­noch wäre es unan­ge­bracht, Löws Worte auf die Gold­waage zu legen. Der Mann hat gegen­wärtig nicht nur mit den Rei­bungs­ver­lusten des Umbruchs und mit Zeit­geist-Fra­ge­stel­lungen zu kämpfen, son­dern auch mit den coro­nabe­dingten Ver­schie­bungen im Ter­min­ka­lender, wes­halb sich bei einigen Natio­nal­spie­lern die Lust auf Test­spiele offenbar in Grenzen hält. All diese Fak­toren muss Löw im Auge behalten – und ver­su­chen, jeden Betei­ligten wie gewohnt best­mög­lich mit­zu­nehmen. Sein Job ist und bleibt – eine Qua­dratur des Kreises.

Kleine Gegen­leis­tung für die guten Zeiten?

Löws Ver­dienste sind unzwei­fel­haft. Natür­lich ahnt auch er, dass sich seine Zeit dem Ende zuneigt. Den­noch scheint es ihm ein Anliegen zu sein, die Mann­schaft zukunfts­fähig zu machen und in einem manier­li­chen Zustand an Nach­folger zu über­geben. Er pro­biert viel aus, er leidet sichtbar mit, wenn seine Tak­tiken nicht auf­gehen, und ver­sucht aus jedem Spiel neue Erkennt­nisse mit­zu­nehmen. Selbst wenn die Ergeb­nisse der­zeit zu Wün­schen übrig lassen, ist deut­lich erkennbar, dass seine Elf im Kern ein neues Gesicht ent­wi­ckelt, das sich bis zur Euro 2021 auch noch ver­fei­nern lässt. Inwie­weit seine Bemü­hungen von Erfolg gekrönt sind, bliebt frei­lich abzu­warten. Doch die Zeit bis dahin sollten wir Joa­chim Löw ein­räumen. Als kleine Gegen­leis­tung für die guten Zeiten, die er uns in knapp ein­ein­halb Jahr­zehnten als Bun­des­trainer gewährt hat.