Sechs Stunden und 42 Minuten. So lange muss ein durch­schnitt­li­cher Fuß­ballfan dar­über nach­denken, wann Philipp Lahm eigent­lich mal einen Fehler gemacht hat. Nur um nach sechs Stunden und 42 Minuten zu der Erkenntnis zu kommen: es gab keinen Fehler.

70 Pro­zent über­ra­gend, der Rest Welt­klasse“

Dabei beackert Philipp Lahm seit nun­mehr 15 Jahren die Außen­bahn des FC Bayern – zwi­schen­zeit­lich gar mal das zen­trale Mit­tel­feld. Er hat die Angriffs­reihen von Bar­ce­lona wie wild gewor­dene Der­wi­sche auf sich zustürmen sehen, er hat im Ber­nabeu gegen die Figos, Beck­hams und Ronaldos gespielt, sich im Old Traf­ford, an der Stam­ford Bridge und auch im West­fa­len­sta­dion vom Kraft­meier-Fuß­ball der Heim­mann­schaften an die Wand drü­cken lassen. Und den­noch erle­digte er noch im größten Inferno seine Auf­gabe stets mit Best­noten.

In 70 Pro­zent seiner Spiele war er über­ra­gend, in allen anderen Welt­klasse“, sagte sein ehe­ma­liger Kol­lege Mehmet Scholl ges­tern Abend, als die Nach­richt vom nahenden Kar­rie­re­ende Lahms die Runde machte. Es war einer der wenigen Momente, in den man mit Über­zeu­gung sagen konnte: Scholl hat Recht. 

Sig­an­ture Move: Klemm­grät­sche

Und auch neben dem Platz hat sich Lahm nie etwas zu Schulden kommen lassen. Wie ein PR-Profi trat er nach Spielen vor die Kameras und stellte sich allen Fragen. Doch das ein­zige, an das man sich nach seinen Inter­views noch erin­nerte, waren die roten Wangen und Augen­ränder, die Lahm nach Spielen stets im Gesicht trug. Mit leeren Wort­hülsen war es bei ihm wie mit seinem Signa­ture Move – der Klemm­grät­sche – er beherrschte sie wie kein Zweiter. 

Und genau da lag das Pro­blem, dass viele Nicht-Bayern-Fans mit Philipp Lahm hatten: Obwohl er über eine Dekade der beste Außen­ver­tei­diger der Welt war, wurde er nie heiß und innig geliebt. Sein Kol­lege Bas­tian Schwein­s­teiger erfährt etwa auf der Ziel­ge­rade seiner Kar­riere eine Ver­eh­rung, die Lahm nicht zuteil wird. Auch weil er nie von seinem Image als Streber wegkam. Er ver­kör­perte für viele den kleinen Jungen, den halb­starke Mit­schüler gerne mit Kopf ins Klo stopfen. 

Der klei­neste, gemein­same Gag-Nenner

Er war das ein­fachste Feind­bild, das sim­pelste Ziel für Gags – auch 11FREUNDE hat sie alle min­des­tens einmal gemacht. Doch viel­leicht war seine selbst­ge­wählte Außen­dar­stel­lung – Phä­notyp Bank­be­rater“ – auch ein­fach nur ein Schutz, um sich vom Zirkus Pro­fi­fuß­ball nicht ver­rückt machen zu lassen. Viel­leicht hat Lahm sich ein­fach nur dem ganzen Bohei ver­wei­gert, weil er Distanz haben wollte. Viel­leicht ist Lahm also einer der letzten Profis, die pola­ri­sierten, obwohl sie gar nichts dafür getan haben.