Seite 2: Profitieren Tuchel-Teams von leeren Stadien?

Nach dem Spiel gegen Wol­ver­hampton hatte Tuchel geschworen, dass er aus Chelsea eine Truppe machen würde, gegen die nie­mand gerne würde spielen wollen. Die offen­siven Mög­lich­keiten waren nach der groß­an­ge­legten Shop­ping­tour im Sommer unüber­sehbar, unter Lam­pard aber war das Defen­siv­ver­halten zur Kata­strophe geworden. Tuchel setzte dort an. Aber nicht, indem er Beton anrührte, ganz im Gegen­teil. In den ersten zwei Monaten unter ihm hatte Chelsea im Schnitt 63,4 Pro­zent Ball­be­sitz. Die Mann­schaft drückte dabei den Gegner mit eigenem Ball­be­sitz ins letzte Drittel, um die Kon­trolle über das Spiel zu behalten und kre­ierte Chancen, indem sie in Umschalt­mo­menten ver­lo­rene Bälle noch in diesem Drittel wie­der­ge­wannen und zum Tor zogen. Eine Stra­tegie, die Gegner wie Atle­tico Madrid völlig erdrückte.

Im Grunde hatte Tuchel nur aus­ge­führt, was er natür­lich auch schon in Mainz getan hatte. Nach wel­chen Ideen spielst du hier Fuß­ball?“ Nach seinen. Und Tuchel macht Dinge nicht so, wie man sie im Fuß­ball eben so macht, er macht sie so, wie er es für richtig hält. Als Chelsea im sechsten Spiel gegen New­castle zur Halb­zeit 2:0 führte und damit den fünften Sieg in Folge hätte feiern können, nun aber das Risiko bestand, dass seine Spieler zum ersten Mal unter ihm den Fuß vom Gas nehmen könnten beim kom­for­ta­blen Vor­sprung gegen einen Abstiegs­kan­di­daten, griff Tuchel in die Trick­kiste. Er bot seinen Spie­lern in der Halb­zeit­pause zwei freie Tage an, wenn sie die Füh­rung halten würden. Chelsea gewann 2:0.

Schon in Mainz hatte er als junger Bun­des­li­ga­trainer betont, dass es unter ihm nie­mals Fuß­ball von der Stange geben würde. Das Zau­ber­wort: Kon­trolle. Wissen, was pas­sieren wird, dem eigenen Plan folgen. Wer dem Ball nur hin­ter­her­läuft, wird ver­achtet. Er betrach­tete die Arbeit in den Räumen des Trai­ner­teams als Fuß­ball­ma­nu­faktur. Immer auf der Suche nach einer Inno­va­tion, nach einer noch bes­seren Idee, um die Wahr­schein­lich­keit zu ver­grö­ßern, das nächste Spiel zu gewinnen. Wir wollen nicht nur den Trai­nings­in­halt, son­dern die Ansprache für den Spieler indi­vi­dua­li­sieren.“ Für Shawn Parker bedeu­tete das einst, vor der gesamten Mann­schaft den Aller­wer­testen auf­ge­rissen zu bekommen. Für die Spieler des FC Chelsea konnte es bedeuten, zwei freie Tage in Aus­sicht gestellt zu bekommen.

Warum aber ist Thomas Tuchel seit einem Jahr so erfolg­reich? Warum führte er sowohl Chelsea als auch Paris Saint-Ger­main ins Finale der Cham­pions League? Nun. In seinem ersten Trai­ner­jahr in Mainz gab es eine Zeit, die Tuchel fast zur Auf­gabe des Trai­ner­amts gebracht hätte, um den Schlaf aber mit Sicher­heit. Näch­te­lang lag er wach, weil die Stim­mung in der Stadt umge­schlagen hatte. Das Publikum murrte, die Spieler auch, Tuchel hatte über einen spe­zi­ellen Part die Kon­trolle ver­loren. Der Mann, der den Fuß­ball gerne in seine Ein­zel­teile zer­legte und jeden Kom­plex beherrschte, musste sich damit abfinden, dass er manche Dinge nicht würde kon­trol­lieren können. Auch in Dort­mund und Paris, so heißt es, tat er sich oft­mals schwer mit Auto­ri­täten und Neben­kriegs­schau­plätzen. Er neige zur Cha­os­theorie, die besagt, dass der Flü­gel­schlag eines Schmet­ter­lings ein Erd­beben aus­losen könne. Dem­nach ist Fuß­ball eine Zusam­men­set­zung aus Flü­gel­schlägen: Trai­ning, Ernäh­rung, Taktik, Emo­tionen, Erwar­tungen. Und wenn es mög­lich ist, dann will Tuchel jeden ver­dammten Flü­gel­schlag kon­trol­lieren, ist frus­triert, wenn das nicht gelingt. Kon­trolle ist gut, Kon­trolle ist besser.

Bin ich von mir über­zeugt? Diesem Team? Diesem Verein? Ja, ja und ja.“

Überzeugt: Thomas Tuchel

Viel­leicht also sind er und seine Teams aus­ge­rechnet des­halb so erfolg­reich. Seit der Coro­na­krise und dem Fern­bleiben der Fans wird die Stim­mung in den Sta­dien bemän­gelt, erwie­se­ner­maßen ist das Fuß­ball­spiel per se aber besser geworden. Spieler fühlen sich ohne die Emo­tionen von außen nicht mehr zu Aktionen gedrängt, bleiben ruhiger, folgen dem Plan. Chelsea gab dem neuen Trainer nur einen Ver­trag über 18 Monate. Die Kon­se­quenz aus einer Lehre, die der Klub lernen musste, nachdem andere Trainer, die ent­lassen worden waren, ihre lau­fenden Arbeits­pa­piere im eigenen Garten aus­saßen, wäh­rend am Monats­ende das Gehalt ein­tru­delte.

Auch Tuchel hat gestanden, dass ihn die kurze Ver­trags­lauf­zeit anfangs nach­denk­lich gemacht habe, mitt­ler­weile aber sagt er: Wenn ich gut bin, wenn ihnen gefällt, was ich tue, werden sie dafür sorgen, dass ich bleibe. Warum also Sorgen machen? Bin ich von mir über­zeugt? Diesem Team? Diesem Verein? Ja, ja und ja.“ Es scheint, als habe er, der immer im Ver­dacht stand, die Dinge zu zer­denken, gelernt, dass Bauch­ent­schei­dungen manchmal besser sind als die mit dem Kopf. Viel­leicht ist es so besser. Im Moment fühle ich mich leicht, fühle ich mich gut.“ In London wird Tuchel für seinen Füh­rungs­stil gelobt, dass er auch Ersatz­spieler inte­griere, Neben­schau­plätze wie einen Streit zwi­schen Kepa und Antonio Rüdiger ruhig weg­mo­de­riere. Die übli­chen Lobes­hymnen, wenn alles nach Plan ver­läuft. Aber: Mit dieser Art der Ent­span­nung stehen Tuchel und Chelsea nun im Cham­pions-League-Finale. Und im FA-Cup-Finale. So wie vor drei Monaten ange­kün­digt. 

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