Die Zahl steht im Raum wie ein Fels. 84 Pro­zent der Sta­di­on­be­su­cher in Deutsch­land, so will es die DFL in einer reprä­sen­ta­tiven Umfrage ermit­telt haben, lehnen Pyro­technik in den Fuß­ball­arenen ab; 80 Pro­zent sind sogar dafür, ent­spre­chendes Han­deln hart zu bestrafen. Geht man davon aus, dass der Liga­ver­band die Befra­gung seriös in Auf­trag gegeben hat, ist das in der Tat eine über­wäl­ti­gende Mehr­heit, von der ein Chris­tian Wulff im Moment nicht mal träumen darf.

Span­nend wird es aber erst, wenn man das Ergebnis auch inter­pre­tiert. Bedeutet es, dass nur 16 Pro­zent echte Fans unter den Sta­di­ongän­gern sind, jedoch 84 Pro­zent an harm­loser Sams­tag­nach­mittag-Unter­hal­tung inter­es­sierte Event­be­su­cher? Oder gibt es unter den 84 Pro­zent mög­li­cher­weise Men­schen, die ein Fuß­ball­spiel genauso fana­tisch begleiten wie die soge­nannten Ultras und mit Pyro­technik trotzdem nichts anfangen können? Nicht etwa, weil die gefähr­lich ist – ja, das mög­li­cher­weise auch –, son­dern vor allem des­halb, weil das Abbrennen von Feu­er­werk, ähn­lich wie das Aus­dau­er­singen der Fan­blöcke, vom Wesent­li­chen ablenkt, näm­lich dem Ver­lauf eines Fuß­balls­spiels.

Die Frage dahinter ist ja die: Warum stehen wir eigent­lich hier? Weil wir uns fühlen wollen, als ob wir die Geilsten sind? Oder aber, weil wir mit­helfen wollen, dass unsere Mann­schaft gewinnt. Heute haben die Ultras in der Regel die opti­sche und akus­ti­sche Hoheit in den Sta­dien, der Rest des Publi­kums gibt die schwei­gende Mehr­heit, weil gegen die Dau­er­be­schal­lung des Vor­sän­gers und seiner Vasallen ja sowieso nie­mand ankommt. Das war in den Acht­zi­gern und Neun­zi­gern noch anders, als der Sup­port des eigenen Teams noch harte Arbeit für alle bedeu­tete.

Hast du die Angst in seinen Augen gesehen?“

Damals gab es kurz vor dem Anpfiff einen Kon­fet­ti­regen und dann: alle Augen aufs Spiel­feld. In einem engen Sta­dion wie bei uns auf der Bie­le­felder Alm hatten wir in guten Momenten das Gefühl, ernst­haft Ein­fluss auf das Match nehmen zu können, und manö­vrierten uns dafür in Grenz­be­reiche hinein. So nahm sich mein Freund KL, ein eigent­lich fried­li­cher Geselle, mit Vor­liebe den Lini­en­richter vor. Aber kein alberner Bier­be­cher­wurf, son­dern ehr­li­cher Psy­cho­terror. Machte der Mann an der Linie Schmu, stürzte KL ohne Rück­sicht auf Ver­luste die Tri­büne hinab, wühlte sich mit vor Wut hüp­fendem Adams­apfel durch die Massen, rüt­telte am Zaun und schrie: Du musst doch zuhause den Müll runter bringen!“ Wenn er wieder hoch kam, lächelte er zufrieden und sagte: Hast du die Angst in seinen Augen gesehen?“

Einmal ver­un­si­cherten wir einen geg­ne­ri­schen Spieler mit Mate­razzi-haften Schmä­hungen so sehr, dass ihm darauf ein fal­scher Ein­wurf unter­lief. Welch ein Tri­umph! Die Summe der ein­zelnen Aktionen pro­vo­zierte an guten Tagen eine Atmo­sphäre, die dem Gegner und der Spiel­lei­tung unmiss­ver­ständ­lich zu ver­stehen gab: Wenn euch euer Leben lieb ist, bleiben die Punkte hier.

Dem Schieds­richter akus­tisch zusetzen!

Beson­ders gut funk­tio­nierte das einst auf dem Kai­sers­lau­terer Bet­zen­berg, wo die ver­sam­melte Pfalz einen Wall of Sound ent­stehen ließ, der allen, die es nicht mit den Roten Teu­feln hielten, echte Furcht ein­flößen konnte. Nicht zuletzt des­halb drehten die Lau­terer zahl­reiche Spiele in den letzten Minuten zu ihren Gunsten, weil die Zuschauer den Ball ent­weder förm­lich ins Tor schrien oder dem Schieds­richter akus­tisch so zusetzten, dass der gar nicht anders konnte, als auf den letzten Drü­cker Elf­meter zu pfeifen.

Mit unseren Mit­teln das Ergebnis positiv zu beein­flussen, das ist unsere Kern­auf­gabe als Anhänger eines Fuß­ball­ver­eins. Pyro­technik hilft dabei nur wenig.