Der gute Ruf der Arena, ein sicherer Ort für den Zeit­ver­treib an Spiel­tagen zu sein, ist in den letzten Monaten mächtig ins Wanken geraten. Platz­stürme von auf­ge­brachten Fans wie zuletzt in Frank­furt oder vor einem Jahr in Berlin haben die Dis­kus­sion um die Sicher­heit im deut­schen Fuß­ball neu ent­facht. Im Mit­tel­punkt stehen die Ultra-Grup­pie­rungen, die einer­seits durch auf­wän­dige Cho­reo­gra­fien auf­fallen, aber auch, wie das Bei­spiel Frank­furt beweist, in ein­zelnen Teilen zu Gewalt­taten neigen. Nicht selten kommt es zu Aus­ein­an­der­set­zungen mit der Polizei. Eine Initia­tive des Lan­des­in­nen­mi­nis­te­riums von Nord­rhein-West­falen will diesem Trend mit einem Zehn-Punkte-Plan ent­ge­gen­wirken.

Mehr Sicher­heit – weniger Polizei bei Fuß­ball­spielen in Nord­rhein-West­falen“, nennt sich die Initia­tive, die in erster Linie auf gegen­sei­tige Kom­mu­ni­ka­tion zwi­schen den betei­ligten Par­teien setzt. Ver­gan­gene Woche ist das bei einer öffent­li­chen Talk­runde im Rahmen der Aus­stel­lung Tatort Sta­dion 2“ in Düs­sel­dorf beson­ders gut gelungen.

Ein Reprä­sen­tant der Ultra-Szene, des Fan­pro­jekts und der Fan­be­treuung von For­tuna Düs­sel­dorf – sie alle saßen gemeinsam am Tisch mit Ver­tre­tern der Bundes- und Lan­des­po­lizei NRW, um über die Pro­ble­matik zu spre­chen. Eine unge­wöhn­liche Kon­stel­la­tion, schließ­lich wird der Dialog mit der Polizei sei­tens der Ultra-Szene für gewöhn­lich abge­lehnt. Es ent­stand eine fried­liche Dis­kus­sion, bei der die Rei­bungs­punkte der beiden Par­teien deut­lich gemacht wurden.

Ultras wissen nie, was sie bei der Ankunft erwartet

Wie Bernd Schwi­ckerath (Ultra-Ver­treter) sagte, wissen Fans gerade bei Aus­wärts­fahrten nie, was sie vor Ort erwartet. Oft würden die Maß­nahmen der Polizei nicht begründet. Mal seien die Hun­dert­schaften fried­lich gestimmt, meist würden jedoch die nega­tiven Erfah­rungen über­wiegen. Mit Grund­rechten hat das dann nicht mehr viel zu tun, wenn grundlos auf Per­sonen ein­ge­knüp­pelt wird“, sagte er. In sol­chen Fällen würde es zudem keine Mög­lich­keit geben, den betref­fenden Poli­zisten zur Ver­ant­wor­tung zu ziehen. Schwi­ckerath for­dert eine klare Kenn­zeich­nung der Beamten.

Eine solche Kenn­zeich­nung werde der­zeit geplant, ant­wor­tete Hans Joa­chim Kens­bock-Rieso, Ver­treter der Polizei NRW und Ein­satz­leiter bei den Spielen. Ihm schwebe lang­fristig ein Kon­zept mit einer Redu­zie­rung der Ein­satz­kräfte vor. Als Vor­bild dient das Dees­ka­la­ti­ons­mo­dell aus Han­nover, wo Gäs­te­fans statt von Groß­auf­ge­boten mit Schlag­stock und Helmen von Kom­mu­ni­ka­ti­ons­be­amten“ in Zivil emp­fangen und zum Sta­dion begleitet werden. Aggres­sionen sollen damit schon bei der Ankunft am Bahnhof unter­bunden werden.

Pro­blem­fans müssen gefil­tert werden“

In der Praxis funk­tio­niert dieses Wunsch­mo­dell nicht immer. Als Ros­to­cker Fans vor einem Jahr die Düs­sel­dorfer Alt­stadt stürmten, war das Ein­schreiten der Hun­dert­schaft nicht mehr zu vermeiden.„Problemfans müssen aus der Menge gefil­tert werden“, so der Ein­satz­leiter. Dabei ist es wichtig, dass Fans der Polizei helfen und sich ein­deutig von gewalt­be­reiten Stö­rern distan­zieren.“ Er for­der­tau­ßerdem ein ein­heit­li­ches, trans­pa­rentes Ver­halten der Hun­dert­schaften. Dann soll es keine unter­schied­li­chen Vor­ge­hens­weisen der Poli­zisten in den ein­zelnen Städten mehr geben. Der Fan müsse schon vor der Anreise wissen, was ihn am Ziel­bahnhof erwartet.

Der Zehn-Punkte-Plan, der lang­fristig in der gesamten Bun­des­re­pu­blik umge­setzt werden soll, hat dar­über hinaus noch die Ver­bes­se­rung der Anrei­se­wege als Ziel. Gerade die Rei­se­wege, die von Fans gerne mal als Vieh­trans­porte“ bezeichnet werden, sind oft das Ventil für aggres­sive Hand­lungen. Hier soll zukünftig auch besser mit der Bahn koope­riert werden.Eine defekte Toi­lette könne bei­spiels­weise schon ein Grund sein, warum Scheiben ein­ge­schlagen werden, so Udo Diede­rich von der Bun­des­po­lizei.

Die ein­zelnen Punkte des Plans stießen bei der Fan­de­le­ga­tion nicht grund­sätz­lich auf Zustim­mung. Schwi­ckerath kri­ti­sierte vor allem die begrenzten Kar­ten­kon­tin­gente, die es bei beson­ders bri­santen Par­tien für Aus­wärts­fans geben soll. Das erwirkt genau das Gegen­teil, denn die Fans bleiben des­halb nicht zu Hause. Sie besorgen sich auf anderen Wegen Karten und treffen dann im Block direkt auf die Fans der Gegner. Dann sind Pro­bleme vor­pro­gram­miert“, sagte er.

Erste Erfolge fest­ge­stellt

Auch wenn die Kom­mu­ni­ka­tion an den Spiel­tagen mit den Ein­satz­kräften der Hun­dert­schaften noch nicht so gut funk­tio­niert, wie in der abend­li­chen Talk­runde mit den Ein­satz­lei­tern, stellte Düs­sel­dorfs Fan­be­auf­tragter Jörg Emgen­broich deut­liche Ver­bes­se­rungen fest, seit vor einigen Monaten begonnen wurde, den Zehn-Punkte-Plan in die Tat umzu­setzen. Das habe man sehr deut­lich in Duis­burg gesehen, wo es früher zu stän­digen Rei­be­reien mit der Polizei kam.

Selbst­ver­ständ­lich können nicht alle Pro­bleme im Dialog gelöst werden, das Bei­spiel in Düs­sel­dorf zeigt aber, dass Kom­mu­ni­ka­tion die Gewalt redu­zieren kann. Dass es aus­ge­rechnet dort so gut funk­tio­niert, ist kein Zufall. Das Modell der selbst­ver­wal­tenden Kurve bei For­tuna Düs­sel­dorf gibt den Anhän­gern mehr Ver­ant­wor­tung.

Und die Reak­tion aus der Kurve? Viele der anwe­senden Fans im Saal können sich durchaus vor­stellen, zukünftig mehr Eigen­in­itia­tive zu ergreifen, zum Bei­spiel durch selbst orga­ni­sierte Son­der­züge. Dass dann Scheiben raus­ge­schlagen werden, sei dann sehr unwahr­schein­lich. Eine Idee, mit der sich Ein­satz­leiter Kens­bock-Rieso bes­tens anfreunden kann.