Seite 2: „Ich durfte irgendwann nicht mehr raus vor die Tür, um zu spielen“

Gegen Bremen haben Sie knapp mit 0:1 ver­loren und das Halb­fi­nale ver­passt. Woran hat es gefehlt: an Glück oder an Qua­lität?
Wahr­schein­lich an beidem ein biss­chen. Unterm Strich können wir trotzdem stolz auf unsere Pokal­saison sein. Wir sind ins Vier­tel­fi­nale ein­ge­zogen – und haben am Ende nicht gegen irgend­einen Gegner ver­loren, son­dern gegen Werder Bremen. Und auch nicht deut­lich, son­dern 0:1, in einer Partie, die vom Spiel­ver­lauf auch 1:1 hätte enden können.

Hat man in der Stadt in den Tagen und Wochen zuvor gemerkt, dass das sport­lich größte Spiel der Ver­eins­ge­schichte ansteht?
Auf jeden Fall. Das war spürbar. Viele Leute haben mich ange­schrieben, mir Bilder geschickt, mich auf Bil­dern mar­kiert. In der Stadt und in der Region hingen Fan­schals und Fahnen aus den Fens­tern, fremde Leute haben mich auf der Straße gegrüßt und mir viel Glück gewünscht.

Wann haben Sie erfahren, dass Sie nicht von Anfang an spielen würden?
Mor­gens, am Tag vom Spiel, habe ich beim Anschwitzen und wäh­rend der Video­ana­lyse gemerkt, dass ich wahr­schein­lich eher auf der Bank sitzen würde. End­gültig klar war es dann erst, als direkt vorm Spiel die Auf­stel­lung bespro­chen wurde.

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Albion Vre­nezi als Flü­gel­flitzer bei Unter­föh­ring in der fünften Liga.

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Waren Sie sauer? In der Liga zählen Sie immerhin zu den Tops­corern Ihrer Mann­schaft und im Pokal hatten Sie mit einem Tor und zwei Elf­meter-Tref­fern gegen Kai­sers­lau­tern und Köln maß­geb­li­chen Anteil am Wei­ter­kommen…
Nein, sauer ist das fal­sche Wort. Ich will immer von Anfang an spielen, logisch. Aber wenn ich auf der Bank sitze, akzep­tiere ich die Ent­schei­dung des Trai­ners und bin heiß darauf, rein­zu­kommen. Ich bin froh, dass ich am Ende immerhin noch 20 Minuten bekommen habe.

Haben Sie das ganze Spiel über zu Trainer Mersad Selim­be­govic geguckt und gedacht: Jetzt schick mich end­lich zum Warm­ma­chen!“?
Das mache ich bei jedem Spiel, wenn ich nur auf der Bank sitze. (Lacht.) Aber klar, am Mitt­woch gegen Werder habe ich schon häu­figer mal auf die Uhr geschaut und über­legt, wie viel Zeit mir noch bleibt. Als der Trainer mich dann gerufen hat, habe ich so schnell wie mög­lich alles aus­ge­zogen. Unglück­li­cher­weise war es sehr kalt und ich hatte zu viele Schichten an. Da wurde es kurz ein biss­chen hek­tisch.

Wer tut mehr weh: Ein aus­trai­nierter Bun­des­liga-Ver­tei­diger wie Marco Friedl oder ein unko­or­di­nierter Kreis­liga-Ver­tei­diger in Ober­bayern? Bezie­hungs­weise: Bei wem macht man sich als Dribbler grö­ßere Sorgen um die eigenen Schien­beine?
Eher bei dem Kreis­li­ga­spieler. An dem kommst du zwar leichter und öfter vorbei, aber wenn er dich trifft, dann liegst du auch eine Weile. Mein Bezirks­li­ga­jahr und auch die Ein­sätze in der zweiten Mann­schaft habe ich noch in schmerz­hafter Erin­ne­rung. Da wurde ich wirk­lich häufig erwischt. Jetzt sind es eher mal tak­ti­sche Fouls, aber nicht so über­trie­bene Grät­schen. Damals dachten die Ver­tei­diger: Ich komm’ nicht hin? Ich hau’ den um!“

Ich komm’ nicht hin? Ich hau’ den um!“

Albion Vrenezi

Müssen Sie sich nach Spielen wie dem gegen Bremen manchmal kneifen? Ein­fach, weil Sie es so weit gebracht haben?
Kneifen nicht unbe­dingt. Ich freue mich natür­lich extrem und denke mir: Wahn­sinn. Aber ich habe mir das alles auch hart erar­beitet.

Ihre Eltern sind aus dem Kosovo nach Deutsch­land geflüchtet, als Sie selbst noch ein Klein­kind waren. Haben Sie Erin­ne­rungen an diese Zeit?
Ich weiß gar nicht, wie alt ich genau war, ob drei oder vier oder fünf Jahre. Mein Vater lebte und arbei­tete zu der Zeit jeden­falls schon in Deutsch­land. Irgend­wann zeich­nete sich immer deut­li­cher ab, dass es in unserer Heimat Krieg geben würde. Also hat mein Vater alles daran gesetzt, uns zu sich und in Sicher­heit zu holen. Das hat er zum Glück auch geschafft.

Haben Sie damals ver­standen, was da pas­siert?
Meine Eltern haben natür­lich ver­sucht, das alles von mir und meinem Bruder fern­zu­halten. Sie haben gesagt, dass wir weg­ziehen, weil das Leben hier für uns nicht gut werden würde. Aber Kinder sind clever, ich selbst war auch sehr neu­gierig, wollte alles genau wissen, habe Fragen gestellt. Und anhand der Ant­worten ver­standen, dass die Lage ernst war. Was Krieg bedeutet, habe ich viel­leicht nicht im vollen Umfang ver­standen. Aber wir Kinder haben ja die kon­kreten Aus­wir­kungen mit­be­kommen. Ich zum Bei­spiel durfte irgend­wann nicht mehr raus vor die Tür, um zu spielen.

Wird man durch so eine Erfah­rung auto­ma­tisch schneller erwachsen?
Ja, das hat mich für mein spä­teres Leben geprägt. Ich schätze die Sicher­heit in Deutsch­land ganz anders als Men­schen, die glück­li­cher­weise nie von einem Krieg und den Folgen betroffen waren – glaube ich zumin­dest. Und wenn ich heut­zu­tage in den Nach­richten sehe, dass irgendwo in der Welt Men­schen vor Krieg und Elend flüchten, dann habe ich dazu eben­falls einen anderen Bezug. Ich kann das, was mit den Fami­lien und Kin­dern pas­siert, zumin­dest ein biss­chen nach­emp­finden und mit­fühlen.

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