Seite 3: „Vieles, was mich auszeichnet, habe ich auf der Straße gelernt“

Wie haben Sie als kleiner Junge zum Fuß­ball gefunden?
Ich würde sagen durch meinen Vater, der hat früher selbst gespielt. Die Leute im Kosovo behaupten immer, er sei sogar ein richtig Guter gewesen. Aber ich habe keine Ahnung, ob das stimmt. Er sagt jeden­falls, es sei völlig klar, warum ich mitt­ler­weile Profi bin: näm­lich wegen ihm! (Lacht.) Wobei ich glaube, dass ich vieles, was mich heute aus­zeichnet, vor allem auf der Straße gelernt habe.

Also auf den Bolz­plätzen von Mün­chen.
Genau. Bei mir in der Gegend gab es einen, auf dem ich in meiner Frei­zeit öfters Kicken gegangen bin. Damals traf sich dort auch immer ein Stra­ßen­fuß­ball-Team. Die haben mich eines Tages gesehen und gesagt: Spiel bei uns mit!“ So wurde ich Mit­glied der Harras Bulls. So fing im Prinzip alles an.

Moment: Harras Bulls?
Da muss ich kurz aus­holen. In Mün­chen gibt es ein Pro­jekt für sozial benach­tei­ligte Kinder, das nennt sich bunt­kicktgut“, mitt­ler­weile gibt es das auch in Berlin und in anderen Städten. Es richtet sich an Geflüch­tete und an Kinder, die es nicht so leicht haben, die es sich viel­leicht gar nicht leisten könnten, in einem echten Verein zu spielen. Du kannst ein Team gründen, in ein bestehendes Team ein­treten, es gibt Trainer und Spiele und Tur­niere, wie im nor­malen Fuß­ball­be­trieb auch. Nur eben Klein­feld, 20 Minuten, Fünf gegen Fünf – eine Stra­ßen­fuß­ball-Liga. Und wir waren die Harras Bulls. Harras wegen der Gegend, in der unser Bolz­platz war, Bulls wegen der Chi­cago Bulls. Wobei wir in Bezug auf den Fuß­ball eher wie Bayern Mün­chen unter­wegs waren…

Fotostrecke: Albion Vrenezi

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Aktuell steht Albion Vre­nezi bei Jahn Regens­burg unter Ver­trag. In dieser Spiel­zeit kommt er auf drei Tore und vier Vor­lagen.

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Ange­fangen hat alles beim SV Planegg-Krailling in der Bezirks­liga Ober­bayern Süd. In der Saison 2012/2013 schießt er als 19-Jäh­riger so viele Tore, dass Unter­föh­ring (siehe Foto) auf ihn auf­merksam wird.

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In Unter­föh­ring muss er sich zunächst ein Jahr an das Niveau in der fünften Liga gewöhnen. In seiner zweiten Saison, 2014/2015, startet er dann richtig durch. Seine 15 Treffer sorgen für reich­lich Inter­esse aus höheren Ligen.

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Das beste Angebot macht Manuel Baum, der Vre­nezi in die U23 vom FC Augs­burg holt. In der zweiten Mann­schaft läuft es für ihn wie bei Unter­föh­ring, ein Jahr Ein­ge­wöh­nung, dann gelingt der Durch­bruch. Unter Chris­tian Wörns kommt er 2016/2017 auf 19 Scor­er­punkte in der Regio­nal­liga Süd. Er darf jetzt auch immer häu­figer bei der Bun­des­li­ga­mann­schaft mit­trai­nieren.

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Danach folgt der nächste Schritt, in die zweite Liga, zu Jahn Regens­burg. Er ist im Pro­fi­fuß­ball ange­kommen.

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Nach einem kurzen Abste­cher zu den Würz­burger Kickers und einem starken Jahr in der dritten Liga, das durch den Auf­stieg gekrönt wird, kehrt er im Sommer 2020 zurück nach Regens­burg.

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Weil Sie alle platt gemacht haben?
In Mün­chen schon, ja. Aber wir sind auch zu Tur­nieren in andere deut­sche Städte gefahren oder sogar nach Öster­reich und in die Schweiz. Das war echt toll, weil wir Kinder so auch mal aus Mün­chen raus­kamen. Unsere Mann­schaft war ein­fach richtig gut. Robert Glatzel, der jetzt bei Mainz 05 spielt, war dabei. Dusan Jevtic, den ich vorhin schon erwähnt und der später ein paar Ein­sätze bei Duis­burg in der 2. Bun­des­liga hatte. Liridon Kras­niqi, der mitt­ler­weile in der A‑League bei den New­castle Jets gelandet ist. Wir waren ein bunter Haufen, sehr talen­tiert. Nur mit der Dis­zi­plin war es manchmal so eine Sache.

Was heißt das?
Ach, es war alles harmlos, Rudi, der Gründer von bunt­kicktgut (Rüdiger Heid, d. Red), hatte alles im Griff, den konnte man nicht ver­äp­peln. Der hat eher uns hoch­ge­nommen.

Wie das?
Wenn wir ein Tur­nier gewonnen hatten und wieder auf dem Heimweg waren, ist er gefahren und hat gesagt: Kommt Jungs, zur Beloh­nung fahren wir bei McDonald’s vorbei.“ Für uns war McDonald’s damals ein High­light, außerdem waren wir nach langen Tagen mit vielen Spielen auch total hungrig. Dem­entspre­chend haben wir uns über die Ansage gefreut. Wenn an der Auto­bahn dann das Hin­weis­schild mit dem gelben M kam, haben alle im Bus geju­belt. Abfahren, Rudi, abfahren!“, haben wir gebrüllt. Aber Rudi dachte gar nicht daran, der bret­terte ein­fach an der Aus­fahrt vorbei. Wir haben geme­ckert und pro­tes­tiert, doch er meinte nur: Ich hab’ doch gesagt: Wir fahren bei McDonald’s vorbei! Genau das haben wir grade gemacht.“ Manchmal fuhr er extra noch zwei Aus­fahrten weiter, um uns hoch­zu­nehmen. Bis wir dachten: Dieses Mal zieht er es wirk­lich durch!“ Am Ende hat er natür­lich trotzdem immer gewendet und uns alle ein­ge­laden.

Klingt nach einem Spaß­vogel.
Er konnte auch ernst sein. Rudi wusste, wie er mit uns umgehen musste. Ich habe ihm extrem viel zu ver­danken, der war immer für mich da. Ein ganz boden­stän­diger, herz­li­cher Mensch. Der würde seinen letzten Euro für andere aus­geben, der unter­stützt, wo er kann. Ein­malig. Der arbeitet nicht acht Stunden am Tag, son­dern 16. Neu­lich war ich bei ihm im Büro. Eigent­lich wollte ich nur kurz Hallo sagen – am Ende sind daraus fünf Stunden geworden. Der ist ein­fach ein beson­derer Typ.

Wir dachten: Dieses Mal zieht er es wirk­lich durch!“

Was hat der Stra­ßen­fuß­ball Ihnen für die Pro­fi­kar­riere mit­ge­geben?
Klein­feld bedeutet wenig Platz und viel Druck, das schult die Technik, die Ball­füh­rung, die Ori­en­tie­rung, die Krea­ti­vität, die Hand­lungs­schnel­lig­keit. Dinge, die Spieler in der klas­si­schen Fuß­baller-Aus­bil­dung nicht zwangs­läufig lernen. Und ich habe im Stra­ßen­fuß­ball richtig Selbst­ver­trauen getankt. Denn da habe ich meine ersten rich­tigen Erfolge gefeiert. Ich wurde zum Bei­spiel mal zu den besten 22 Stra­ßen­fuß­bal­lern Deutsch­lands gewählt.

Erzählen Sie.
Ein großer Sponsor hat ein deutsch­land­weites Tur­nier ver­an­staltet. Zunächst Qua­li­fi­ka­tions-Tur­niere in ein­zelnen Städten, die besten Spieler aus Mün­chen sind dann zu einem über­re­gio­nalen Tur­nier nach Augs­burg ein­ge­laden worden. Wer da zu den besten gewählt wurde, kam wieder eine Runde weiter. Das finale Tur­nier fand in Köln statt, Klaus Fischer und Rüdiger Abramczik waren da – und die besten 22 Spieler gewannen ein ein­wö­chiges Trai­nings­lager mit diesen zwei Legenden. Ich war 14 Jahre alt und mächtig stolz. Das war mein erster rich­tiger Erfolg im Fuß­ball. Das hat mir viel Kraft gegeben und den Glauben an mich selbst. Und auch meinen Eltern hat es signa­li­siert: Der Junge könnte mit dem Fuß­ball was errei­chen, selbst wenn 1860 oder die Bayern ihn nicht auf dem Schirm haben! Ich glaube, ohne dieses Erlebnis wäre ich nicht da, wo ich jetzt bin.

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