Albion Vre­nenzi, Sie sind mitt­ler­weile ein gestan­dener Zweit­li­ga­profi, ein Nach­wuchs­leis­tungs­zen­trum haben Sie in ihrer Jugend aller­dings nie von Innen gesehen. Warum?
Bei mir war es so: Ich war zwar immer gut am Ball und habe für meinen Verein Planegg-Krailling viele Tore geschossen, aber ich war in meiner Jugend auch extrem klein und schmächtig. Ich bin immer noch nicht der Größte, aber damals war es im Ver­gleich zu Gleich­alt­rigen wirk­lich sehr krass. Inso­fern haben mir die nam­haften Ver­eine in Mün­chen, also Bayern und 1860, zu der Zeit wahr­schein­lich kör­per­lich den nächsten Schritt nicht zuge­traut. Ich denke, sie haben in mir keinen Pro­fi­fuß­baller gesehen.

Haben Sie selbst das denn?
Ja, von Anfang an. Ich bin ein enorm ziel­stre­biger und ehr­gei­ziger Mensch und ich habe auch immer gewusst, was ich kann und was in mir steckt. Das klingt viel­leicht komisch, wenn man auf meine Jugend­ver­eine schaut, aber ich habe immer gewusst, dass ich nicht viel schlechter bin als die Jungs von Sechzig oder den Bayern.

Woran haben Sie das fest­ge­macht?
Ganz ein­fach: Ich bin mit den ganzen Jungs zur Schule gegangen. Als Jugend­li­cher bin ich auf eine Eli­te­schule des Fuß­balls gewech­selt, die Walter-Klin­gen­beck-Schule in Tauf­kir­chen, also auf die Koope­ra­ti­ons­schule von 1860 und dem FC Bayern. Vor­mit­tags nor­maler Unter­richt, zwi­schen­durch immer mal wieder eine Stunde Fuß­ball­trai­ning. In meiner Klasse waren zahl­reiche Bayern- und Sech­zigspieler. Und die waren nicht unbe­dingt besser als ich. Wenn nicht sogar schlechter. Von den Jungs spielt heute, so weit ich weiß, jeden­falls keiner höher als ich.

Ist von den alten Mit­schü­lern denn über­haupt jemand Profi geworden?
Julian Green, der war aller­dings eine oder sogar zwei Klassen unter mir. Dusan Jevtic war kurz Profi, der spielt aber nicht mehr, glaube ich. Ansonsten sind ein paar Jungs irgend­wann in der dritten oder vierten Liga gelandet. Bun­des­li­ga­spieler oder Jungs, die wie ich in der zweiten Liga spielen, fallen mir spontan nicht ein. Wobei ich zum Thema Nach­wuchs­leis­tungs­zen­trum gerne noch etwas sagen würde.

Ich bin mit den ganzen Jungs zur Schule gegangen“

Albion Vrenezi

Nur zu.
Planegg-Krailling, das klingt für Leute, die nicht aus Mün­chen kommen, viel­leicht eher nach Dorf­fuß­ball. Aber wir spielten damals auf richtig ordent­li­chem Niveau, in der C‑Jugend zum Bei­spiel in der Bay­ern­liga, das war die zweit­höchste Spiel­klasse. Dass ich so lange in Planegg geblieben bin und auch mein erstes Män­ner­jahr dort in der Bezirks­liga ver­bracht habe, hatte außerdem auch mit einer Ver­let­zung zu tun. In meinem ersten A‑Jugendjahr ist mir der Meniskus gerissen, ich musste ope­riert werden. Die OP ver­lief nicht gut, ein paar Monate später musste ich nochmal unters Messer. So habe ich fast ein ganzes Jahr ver­loren, in einem wich­tigen Alter, und war erst im zweiten A‑Jugendjahr in der Rück­runde wieder halb­wegs fit. Damals war es für mich wichtig, kör­per­lich wieder voll belastbar zu werden, des­wegen kam ein Wechsel nicht in Frage. Zumal der Trainer der 1. Mann­schaft mir damals auch alle Frei­heiten zuge­si­chert hat. Er meinte: Ich weiß, was du kannst, ich glaube an dich und ich glaube vor allem daran, dass du deinen Weg gehen wirst. Bleib ein Jahr bei mir in der Bezirks­liga, wir gewöhnen deinen Körper an den Män­ner­be­reich – und wenn danach ein Angebot aus einer höheren Liga kommt, legt dir hier keiner Steine in den Weg.“ Und genau so ist es gekommen. Ich habe ein super Jahr gespielt, Tore gemacht, Tore vor­be­reitet, und dann kam ein Angebot von Unter­föh­ring aus der Bay­ern­liga. War eine unglaub­liche Saison.

Sie haben damals sogar ein paar Spiele für die zweite Mann­schaft gemacht, in der Kreis­liga. Was für Bilder haben Sie aus dieser Zeit im Kopf? Mat­schige Plätze, kalte Duschen, nach Spie­lende Rau­chen im auf links gedrehten Trikot?
Die Bedin­gungen waren ehr­lich gesagt ziem­lich gut, Planegg ist eine eher rei­chere Gemeinde, wir haben immer warm geduscht und zu der Zeit sogar ein neues Sta­dion bekommen, die Plätze waren eben­falls immer top. Dar­über hinaus war das Niveau auch besser, als Bezirks­liga klingt. Da waren viele Spieler in der Liga, die bei großen Ver­einen in Mün­chen aus­ge­bildet worden waren und die ihre Kar­riere haben aus­klingen lassen. Die waren viel­leicht nicht mehr so fit, aber das spie­le­ri­sche Können hatten sie trotzdem noch.

Was glauben Sie denn, bei wel­chem Spiel mehr Zuschauer im Sta­dion waren: SV Planegg-Krailling gegen den TSV Gilching/​Argelsried, Saison 2012/2013, Bezirks­liga Ober­bayern Süd – oder beim DFB-Pokal­vier­tel­fi­nale 2021 zwi­schen Jahn Regens­burg und Werder Bremen?
Ich weiß natür­lich, worauf Sie hin­aus­wollen, beim Pokal­spiel ver­gan­gene Woche waren offi­ziell ja gar keine Zuschauer im Sta­dion. Aber mit all den Ord­nern und Leuten, die für die Fern­seh­sender oder den DFB arbeiten, waren es am Ende bestimmt trotzdem 150, 200 Men­schen. Inso­fern würde ich sagen: Bei Regens­burg gegen Werder waren mehr Zuschauer da als beim Spiel zwi­schen Planegg und Gilching/​Argelsried.

Laut Zahlen des bay­ri­schen Fuß­ball­ver­bandes waren es damals genau 150 Zuschauer.
Na gut, dann waren es am Mitt­woch unge­fähr gleich viele. Aber wenn die Pan­demie nicht wäre, bräuchten wir uns diese Frage über­haupt nicht stellen. Dann wäre das Spiel gegen Werder aus­ver­kauft gewesen. Das wäre natür­lich noch besser gewesen.

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Gegen Bremen haben Sie knapp mit 0:1 ver­loren und das Halb­fi­nale ver­passt. Woran hat es gefehlt: an Glück oder an Qua­lität?
Wahr­schein­lich an beidem ein biss­chen. Unterm Strich können wir trotzdem stolz auf unsere Pokal­saison sein. Wir sind ins Vier­tel­fi­nale ein­ge­zogen – und haben am Ende nicht gegen irgend­einen Gegner ver­loren, son­dern gegen Werder Bremen. Und auch nicht deut­lich, son­dern 0:1, in einer Partie, die vom Spiel­ver­lauf auch 1:1 hätte enden können.

Hat man in der Stadt in den Tagen und Wochen zuvor gemerkt, dass das sport­lich größte Spiel der Ver­eins­ge­schichte ansteht?
Auf jeden Fall. Das war spürbar. Viele Leute haben mich ange­schrieben, mir Bilder geschickt, mich auf Bil­dern mar­kiert. In der Stadt und in der Region hingen Fan­schals und Fahnen aus den Fens­tern, fremde Leute haben mich auf der Straße gegrüßt und mir viel Glück gewünscht.

Wann haben Sie erfahren, dass Sie nicht von Anfang an spielen würden?
Mor­gens, am Tag vom Spiel, habe ich beim Anschwitzen und wäh­rend der Video­ana­lyse gemerkt, dass ich wahr­schein­lich eher auf der Bank sitzen würde. End­gültig klar war es dann erst, als direkt vorm Spiel die Auf­stel­lung bespro­chen wurde.

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Albion Vre­nezi als Flü­gel­flitzer bei Unter­föh­ring in der fünften Liga.

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Waren Sie sauer? In der Liga zählen Sie immerhin zu den Tops­corern Ihrer Mann­schaft und im Pokal hatten Sie mit einem Tor und zwei Elf­meter-Tref­fern gegen Kai­sers­lau­tern und Köln maß­geb­li­chen Anteil am Wei­ter­kommen…
Nein, sauer ist das fal­sche Wort. Ich will immer von Anfang an spielen, logisch. Aber wenn ich auf der Bank sitze, akzep­tiere ich die Ent­schei­dung des Trai­ners und bin heiß darauf, rein­zu­kommen. Ich bin froh, dass ich am Ende immerhin noch 20 Minuten bekommen habe.

Haben Sie das ganze Spiel über zu Trainer Mersad Selim­be­govic geguckt und gedacht: Jetzt schick mich end­lich zum Warm­ma­chen!“?
Das mache ich bei jedem Spiel, wenn ich nur auf der Bank sitze. (Lacht.) Aber klar, am Mitt­woch gegen Werder habe ich schon häu­figer mal auf die Uhr geschaut und über­legt, wie viel Zeit mir noch bleibt. Als der Trainer mich dann gerufen hat, habe ich so schnell wie mög­lich alles aus­ge­zogen. Unglück­li­cher­weise war es sehr kalt und ich hatte zu viele Schichten an. Da wurde es kurz ein biss­chen hek­tisch.

Wer tut mehr weh: Ein aus­trai­nierter Bun­des­liga-Ver­tei­diger wie Marco Friedl oder ein unko­or­di­nierter Kreis­liga-Ver­tei­diger in Ober­bayern? Bezie­hungs­weise: Bei wem macht man sich als Dribbler grö­ßere Sorgen um die eigenen Schien­beine?
Eher bei dem Kreis­li­ga­spieler. An dem kommst du zwar leichter und öfter vorbei, aber wenn er dich trifft, dann liegst du auch eine Weile. Mein Bezirks­li­ga­jahr und auch die Ein­sätze in der zweiten Mann­schaft habe ich noch in schmerz­hafter Erin­ne­rung. Da wurde ich wirk­lich häufig erwischt. Jetzt sind es eher mal tak­ti­sche Fouls, aber nicht so über­trie­bene Grät­schen. Damals dachten die Ver­tei­diger: Ich komm’ nicht hin? Ich hau’ den um!“

Ich komm’ nicht hin? Ich hau’ den um!“

Albion Vrenezi

Müssen Sie sich nach Spielen wie dem gegen Bremen manchmal kneifen? Ein­fach, weil Sie es so weit gebracht haben?
Kneifen nicht unbe­dingt. Ich freue mich natür­lich extrem und denke mir: Wahn­sinn. Aber ich habe mir das alles auch hart erar­beitet.

Ihre Eltern sind aus dem Kosovo nach Deutsch­land geflüchtet, als Sie selbst noch ein Klein­kind waren. Haben Sie Erin­ne­rungen an diese Zeit?
Ich weiß gar nicht, wie alt ich genau war, ob drei oder vier oder fünf Jahre. Mein Vater lebte und arbei­tete zu der Zeit jeden­falls schon in Deutsch­land. Irgend­wann zeich­nete sich immer deut­li­cher ab, dass es in unserer Heimat Krieg geben würde. Also hat mein Vater alles daran gesetzt, uns zu sich und in Sicher­heit zu holen. Das hat er zum Glück auch geschafft.

Haben Sie damals ver­standen, was da pas­siert?
Meine Eltern haben natür­lich ver­sucht, das alles von mir und meinem Bruder fern­zu­halten. Sie haben gesagt, dass wir weg­ziehen, weil das Leben hier für uns nicht gut werden würde. Aber Kinder sind clever, ich selbst war auch sehr neu­gierig, wollte alles genau wissen, habe Fragen gestellt. Und anhand der Ant­worten ver­standen, dass die Lage ernst war. Was Krieg bedeutet, habe ich viel­leicht nicht im vollen Umfang ver­standen. Aber wir Kinder haben ja die kon­kreten Aus­wir­kungen mit­be­kommen. Ich zum Bei­spiel durfte irgend­wann nicht mehr raus vor die Tür, um zu spielen.

Wird man durch so eine Erfah­rung auto­ma­tisch schneller erwachsen?
Ja, das hat mich für mein spä­teres Leben geprägt. Ich schätze die Sicher­heit in Deutsch­land ganz anders als Men­schen, die glück­li­cher­weise nie von einem Krieg und den Folgen betroffen waren – glaube ich zumin­dest. Und wenn ich heut­zu­tage in den Nach­richten sehe, dass irgendwo in der Welt Men­schen vor Krieg und Elend flüchten, dann habe ich dazu eben­falls einen anderen Bezug. Ich kann das, was mit den Fami­lien und Kin­dern pas­siert, zumin­dest ein biss­chen nach­emp­finden und mit­fühlen.

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Wie haben Sie als kleiner Junge zum Fuß­ball gefunden?
Ich würde sagen durch meinen Vater, der hat früher selbst gespielt. Die Leute im Kosovo behaupten immer, er sei sogar ein richtig Guter gewesen. Aber ich habe keine Ahnung, ob das stimmt. Er sagt jeden­falls, es sei völlig klar, warum ich mitt­ler­weile Profi bin: näm­lich wegen ihm! (Lacht.) Wobei ich glaube, dass ich vieles, was mich heute aus­zeichnet, vor allem auf der Straße gelernt habe.

Also auf den Bolz­plätzen von Mün­chen.
Genau. Bei mir in der Gegend gab es einen, auf dem ich in meiner Frei­zeit öfters Kicken gegangen bin. Damals traf sich dort auch immer ein Stra­ßen­fuß­ball-Team. Die haben mich eines Tages gesehen und gesagt: Spiel bei uns mit!“ So wurde ich Mit­glied der Harras Bulls. So fing im Prinzip alles an.

Moment: Harras Bulls?
Da muss ich kurz aus­holen. In Mün­chen gibt es ein Pro­jekt für sozial benach­tei­ligte Kinder, das nennt sich bunt­kicktgut“, mitt­ler­weile gibt es das auch in Berlin und in anderen Städten. Es richtet sich an Geflüch­tete und an Kinder, die es nicht so leicht haben, die es sich viel­leicht gar nicht leisten könnten, in einem echten Verein zu spielen. Du kannst ein Team gründen, in ein bestehendes Team ein­treten, es gibt Trainer und Spiele und Tur­niere, wie im nor­malen Fuß­ball­be­trieb auch. Nur eben Klein­feld, 20 Minuten, Fünf gegen Fünf – eine Stra­ßen­fuß­ball-Liga. Und wir waren die Harras Bulls. Harras wegen der Gegend, in der unser Bolz­platz war, Bulls wegen der Chi­cago Bulls. Wobei wir in Bezug auf den Fuß­ball eher wie Bayern Mün­chen unter­wegs waren…

Fotostrecke: Albion Vrenezi

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Aktuell steht Albion Vre­nezi bei Jahn Regens­burg unter Ver­trag. In dieser Spiel­zeit kommt er auf drei Tore und vier Vor­lagen.

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Ange­fangen hat alles beim SV Planegg-Krailling in der Bezirks­liga Ober­bayern Süd. In der Saison 2012/2013 schießt er als 19-Jäh­riger so viele Tore, dass Unter­föh­ring (siehe Foto) auf ihn auf­merksam wird.

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In Unter­föh­ring muss er sich zunächst ein Jahr an das Niveau in der fünften Liga gewöhnen. In seiner zweiten Saison, 2014/2015, startet er dann richtig durch. Seine 15 Treffer sorgen für reich­lich Inter­esse aus höheren Ligen.

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Das beste Angebot macht Manuel Baum, der Vre­nezi in die U23 vom FC Augs­burg holt. In der zweiten Mann­schaft läuft es für ihn wie bei Unter­föh­ring, ein Jahr Ein­ge­wöh­nung, dann gelingt der Durch­bruch. Unter Chris­tian Wörns kommt er 2016/2017 auf 19 Scor­er­punkte in der Regio­nal­liga Süd. Er darf jetzt auch immer häu­figer bei der Bun­des­li­ga­mann­schaft mit­trai­nieren.

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Danach folgt der nächste Schritt, in die zweite Liga, zu Jahn Regens­burg. Er ist im Pro­fi­fuß­ball ange­kommen.

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Nach einem kurzen Abste­cher zu den Würz­burger Kickers und einem starken Jahr in der dritten Liga, das durch den Auf­stieg gekrönt wird, kehrt er im Sommer 2020 zurück nach Regens­burg.

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Weil Sie alle platt gemacht haben?
In Mün­chen schon, ja. Aber wir sind auch zu Tur­nieren in andere deut­sche Städte gefahren oder sogar nach Öster­reich und in die Schweiz. Das war echt toll, weil wir Kinder so auch mal aus Mün­chen raus­kamen. Unsere Mann­schaft war ein­fach richtig gut. Robert Glatzel, der jetzt bei Mainz 05 spielt, war dabei. Dusan Jevtic, den ich vorhin schon erwähnt und der später ein paar Ein­sätze bei Duis­burg in der 2. Bun­des­liga hatte. Liridon Kras­niqi, der mitt­ler­weile in der A‑League bei den New­castle Jets gelandet ist. Wir waren ein bunter Haufen, sehr talen­tiert. Nur mit der Dis­zi­plin war es manchmal so eine Sache.

Was heißt das?
Ach, es war alles harmlos, Rudi, der Gründer von bunt­kicktgut (Rüdiger Heid, d. Red), hatte alles im Griff, den konnte man nicht ver­äp­peln. Der hat eher uns hoch­ge­nommen.

Wie das?
Wenn wir ein Tur­nier gewonnen hatten und wieder auf dem Heimweg waren, ist er gefahren und hat gesagt: Kommt Jungs, zur Beloh­nung fahren wir bei McDonald’s vorbei.“ Für uns war McDonald’s damals ein High­light, außerdem waren wir nach langen Tagen mit vielen Spielen auch total hungrig. Dem­entspre­chend haben wir uns über die Ansage gefreut. Wenn an der Auto­bahn dann das Hin­weis­schild mit dem gelben M kam, haben alle im Bus geju­belt. Abfahren, Rudi, abfahren!“, haben wir gebrüllt. Aber Rudi dachte gar nicht daran, der bret­terte ein­fach an der Aus­fahrt vorbei. Wir haben geme­ckert und pro­tes­tiert, doch er meinte nur: Ich hab’ doch gesagt: Wir fahren bei McDonald’s vorbei! Genau das haben wir grade gemacht.“ Manchmal fuhr er extra noch zwei Aus­fahrten weiter, um uns hoch­zu­nehmen. Bis wir dachten: Dieses Mal zieht er es wirk­lich durch!“ Am Ende hat er natür­lich trotzdem immer gewendet und uns alle ein­ge­laden.

Klingt nach einem Spaß­vogel.
Er konnte auch ernst sein. Rudi wusste, wie er mit uns umgehen musste. Ich habe ihm extrem viel zu ver­danken, der war immer für mich da. Ein ganz boden­stän­diger, herz­li­cher Mensch. Der würde seinen letzten Euro für andere aus­geben, der unter­stützt, wo er kann. Ein­malig. Der arbeitet nicht acht Stunden am Tag, son­dern 16. Neu­lich war ich bei ihm im Büro. Eigent­lich wollte ich nur kurz Hallo sagen – am Ende sind daraus fünf Stunden geworden. Der ist ein­fach ein beson­derer Typ.

Wir dachten: Dieses Mal zieht er es wirk­lich durch!“

Was hat der Stra­ßen­fuß­ball Ihnen für die Pro­fi­kar­riere mit­ge­geben?
Klein­feld bedeutet wenig Platz und viel Druck, das schult die Technik, die Ball­füh­rung, die Ori­en­tie­rung, die Krea­ti­vität, die Hand­lungs­schnel­lig­keit. Dinge, die Spieler in der klas­si­schen Fuß­baller-Aus­bil­dung nicht zwangs­läufig lernen. Und ich habe im Stra­ßen­fuß­ball richtig Selbst­ver­trauen getankt. Denn da habe ich meine ersten rich­tigen Erfolge gefeiert. Ich wurde zum Bei­spiel mal zu den besten 22 Stra­ßen­fuß­bal­lern Deutsch­lands gewählt.

Erzählen Sie.
Ein großer Sponsor hat ein deutsch­land­weites Tur­nier ver­an­staltet. Zunächst Qua­li­fi­ka­tions-Tur­niere in ein­zelnen Städten, die besten Spieler aus Mün­chen sind dann zu einem über­re­gio­nalen Tur­nier nach Augs­burg ein­ge­laden worden. Wer da zu den besten gewählt wurde, kam wieder eine Runde weiter. Das finale Tur­nier fand in Köln statt, Klaus Fischer und Rüdiger Abramczik waren da – und die besten 22 Spieler gewannen ein ein­wö­chiges Trai­nings­lager mit diesen zwei Legenden. Ich war 14 Jahre alt und mächtig stolz. Das war mein erster rich­tiger Erfolg im Fuß­ball. Das hat mir viel Kraft gegeben und den Glauben an mich selbst. Und auch meinen Eltern hat es signa­li­siert: Der Junge könnte mit dem Fuß­ball was errei­chen, selbst wenn 1860 oder die Bayern ihn nicht auf dem Schirm haben! Ich glaube, ohne dieses Erlebnis wäre ich nicht da, wo ich jetzt bin.

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Genau dar­über müssen wir noch kurz spre­chen: Wie sind Sie letzt­end­lich da gelandet, wo sie jetzt sind? Sie hatten vorhin Unter­föh­ring erwähnt, wohin Sie nach ihrem Bezirks­li­ga­jahr gewech­selt sind. Aber selbst das war ja nur die 5. Liga.
Die Frage kann ich leicht beant­wortet. Bezie­hungs­weise mit einem Namen: Manuel Baum.

Das müssen Sie erklären.
Er war damals, also 2014, Leiter des Nach­wuchs­be­reichs vom FC Augs­burg. Und kam eigent­lich wegen eines anderen Spie­lers nach Unter­föh­ring. In dem Spiel habe ich sehr gut gespielt, also hat er mich ange­spro­chen. Ein paar Wochen später haben wir uns in Unter­föh­ring in einem Café getroffen, ich war richtig nervös, weil ich genau wusste: Wenn das jetzt gut läuft, könnte meine Kar­riere Fahrt auf­nehmen.“ Er war direkt sehr herz­lich, hat mit offenen Karten gespielt, mir gesagt, dass er in mir etwas sehen würde. Mit dir kann ich was machen – aber dafür brauche ich dich in Augs­burg.“ Es ging zwar erstmal nur um die U23, aber damals ist für mich ein Traum in Erfül­lung gegangen. Es gab nur ein Pro­blem: meine Aus­bil­dung.

Was war das Pro­blem?
Zu der Zeit habe ich bei Sie­mens eine Aus­bil­dung zum Kon­struk­ti­ons­me­cha­niker gemacht. Tech­ni­sches Zeichnen, Bau­pläne erstellen, Maschinen pro­gram­mieren, schweißen, bas­teln, eine abwechs­lungs- und umfang­reiche Aus­bil­dung. Die ich unbe­dingt abschließen wollte. Manuel Baum und ich haben uns im November 2014 getroffen, ich sollte im Sommer 2015 wech­seln – und im Februar und März 2015 waren meine Abschluss­prü­fungen. Eigent­lich hat es zeit­lich also per­fekt gepasst. Aller­dings war dadurch auch ordent­lich Druck da. Denn es war klar: Ich musste jede ein­zelne Prü­fung beim ersten Ver­such packen, sonst würde ich die Aus­bil­dung nicht bis Sommer beenden können – und dann hätte auch die Augs­burg-Nummer platzen können. Dort wird ja auch in der U23 vor­mit­tags trai­niert. Dem­entspre­chend habe ich gebüf­felt. Hat zum Glück alles geklappt. In Augs­burg habe ich dann unter Trainer Chris­tian Wörns in der Regio­nal­liga eine richtig gute Saison gespielt, der hat auf mich gesetzt. Danach ging es hoch in die zweite Liga zu Regens­burg.

Erin­nern Sie sich, was Sie in Ihrem ersten Aus­bil­dungs­jahr ver­dient haben?
750 Euro, glaube ich.

Es gab nur ein Pro­blem: meine Aus­bil­dung“

Haben Sie durch diese Erfah­rung einen anderen Bezug zu Geld als manche ihrer Kol­legen im Pro­fi­fuß­ball?
Ich denke schon, dass ich einen anderen Bezug zu Geld habe als ein Profi, der direkt als 17-Jäh­riger die ersten Mil­lionen ver­dient. Ich bin drei Jahre mor­gens um sechs Uhr auf­ge­standen, um pünkt­lich bei der Arbeit zu erscheinen, egal bei wel­chem Wetter, egal, wie gerne ich liegen geblieben wäre. Meine Arbeit war ja auch kör­per­lich anstren­gend. Ich weiß also, wie hart es für viele da draußen ist, Geld zu ver­dienen. Und über­lege dem­entspre­chend: Ergibt das und das jetzt wirk­lich Sinn? Geld aus­zu­geben ist ein­fach, es zu ver­dienen schwer. Ich weiß es zu schätzen, was ich jetzt habe.

Ihr jün­gerer Bruder spielt in der Lan­des­liga, ist aber erst 20 Jahre alt. Wird der auch noch Profi?
Ich hoffe doch. Das Zeug dazu hat er auf jeden Fall. Er kann aktuell nicht spielen, weil in dem Bereich wegen Corona alles abge­sagt wurde. Aber er hält sich fit und wird angreifen. Ich sage ihm immer: Dein großer Bruder ist den stei­nigen Weg gegangen, wieso sollst du das nicht genauso machen?“ Der schaut sich jedes Spiel von mir an, nach der Partie gegen Werder hat er mich zum Bei­spiel direkt ange­rufen. Meine Geschichte moti­viert ihn und gibt ihm Auf­trieb.

Albion Vre­nezi, eine letzte Frage müssen wie Ihnen stellen: Haben Sie einen Lieb­lings­verein in Eng­land?
Sie meinen: Ob ich Brighton & Hove Albion oder West Brom­wich Albion die Daumen drücke?

Ganz genau!
Nein, die heißen zwar wie ich, aber es sind nicht meine Lieb­lings­ver­eine. Liver­pool und Man­chester City schaue ich mir gerne an. Ich habe das mit West Brom und Brighton auch erst als Erwach­sener mit­be­kommen. Albion ist, das habe ich mal gegoo­gelt, das alte bri­ti­sche Wort für Eng­land“. Aber im End­ef­fekt fand meine Mutter den Namen ein­fach schön, als eine meiner Tanten ihn vor­ge­schlagen hat. (Lacht.)

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