Dieses Inter­view führten wir im Jahr 2010. Eber­hard Fig­ge­meier ver­starb am 1. März 2020.

Eber­hard Fig­ge­meier, vor 25 Jahren saßen Sie im Brüs­seler Heysel­sta­dion, um für das ZDF das Euro­pa­pokal-End­spiel zwi­schen Liver­pool und Juventus Turin zu kom­men­tieren. Wie haben Sie sich auf diese Partie vor­be­reitet?
Eigent­lich so wie immer. Wir waren zu zweit, der Fil­me­ma­cher Hans-Joa­chim Gally und ich. Wir haben die Technik über­prüft, mit den Kol­legen in Mainz tele­fo­niert, und ich habe meine Unter­lagen noch einmal durch­ge­sehen.

Wissen Sie noch, was auf den Zet­teln stand?
Ganz genau kann ich Ihnen das nicht sagen. Aber die Notizen passten zum Fuß­ball – und zu nichts anderem.

Wann haben Sie bemerkt, das etwas auf den Tri­bünen pas­siert?
Zwi­schen 19 Uhr und 19.20 Uhr. Im ZDF lief da gerade das heute journal“, die Zuschauer hatten also noch kein Bild aus Brüssel. Ich habe in Mainz ange­rufen: Kol­legen, hier pas­siert was.“

Wann waren Sie live auf dem Sender?
Um kurz vor halb acht, nach dem heute journal“. Inzwi­schen hatte ich auch Agen­tur­mel­dungen zu den ersten Kra­wallen vor­liegen – ich konnte ja nicht von meinem Platz.

Was haben Sie den Zuschauern gezeigt?

Die Szenen auf den Rängen, ohne aller­dings mit Groß­auf­nahmen ins Detail zu gehen. Und trotzdem konnte jeder Mensch sehen, dass offen­sicht­lich Schreck­li­ches pas­sierte.

Die Kata­strophe wurde angeb­lich auch des­halb aus­ge­löst, weil Liver­pool-Fans auf dem Schwarz­markt an Karten der Ita­liener gelangt waren.

Richtig. Noch schlimmer war aller­dings, dass beide Lager nur von einem offenbar pro­vi­so­risch auf­ge­stellten Maschen­draht­zaun getrennt wurden. Die Liver­pooler hatten keine Schwie­rig­keiten, das Teil in wenigen Minuten nie­der­zu­reißen. Hun­derte Eng­länder sind also auf die Juve-Fans los­ge­gangen, und als die Mas­sen­panik aus­brach, wurde uns auf der Pres­se­tri­büne klar, dass dort auf den Rängen gleich etwas Furcht­bares geschehen würde.

Woran haben Sie das erkannt, es war doch sicher­lich nicht das erste Mal, dass Sie Mas­sen­schlä­ge­reien beim Fuß­ball beob­achten mussten?

Aber das hier war etwas ganz anderes! Das war eine Mas­sen­flucht, das war echte Panik. Wir konnten es an den Schreien der Flüch­tenden hören, an den Reak­tionen der Ordner und der anderen Fans, die sofort nach Sani­tä­tern riefen. Glück­li­cher­weise wurden relativ schnell die Sta­di­on­tore geöffnet, so dass die meisten Men­schen in den Innen­raum fliehen konnten. Sonst hätte es noch mehr Tote und Ver­letzte gegeben.

Sie haben das alles live kom­men­tieren müssen. Was haben Sie den Zuschauern in Deutsch­land erzählt?

Wir haben ver­sucht, mit Augen­zeugen zu spre­chen, und dank der her­vor­ra­genden Arbeit vom Kol­legen Gally klappte das auch. Ich sprach unter anderem mit einem deut­schen Bus­fahrer, der ganz in der Nähe stand, als die ersten Men­schen nie­der­ge­tram­pelt wurden. Er hatte vor dem Spiel noch ita­lie­ni­sche Fans zum Sta­dion gebracht. Gleich­zeitig wurde ich von meinem Sender infor­miert: Was macht das ZDF, was schreiben die Agen­turen, gibt es Ver­letzte, gibt es Tote? Und dann bekam ich einen Anruf von Harry Vale­rien, der damals das Aktu­elle Sport­studio“ mode­rierte.

Was hat er Ihnen gesagt?

Dass ich weiter beschreiben soll, was da in Brüssel pas­siert. Dass ich meine Betrof­fen­heit zeigen darf, denn genauso wie ich fühlten ja auch die Zuschauer vor dem Bild­schirm.

Zu wel­chem Zeit­punkt wussten Sie, dass Men­schen auf den Rängen gestorben waren?

Spä­tes­tens nach 15, 20 Minuten war uns allen klar, dass es Tote gegeben haben musste. Kurz danach kam die Bestä­ti­gung über die Agen­turen. Das Ausmaß der Kata­strophe konnte zu diesem Zeit­punkt aber noch keiner ahnen. Das Schlimmste für mich war, den Toten ins Gesicht bli­cken zu müssen. Auf der Tri­büne waren wir alle noch relativ weit ent­fernt vom Geschehen, aber die Situa­tion änderte sich gewaltig, als ich meinen Platz ver­lassen hatte und vor dem Sta­dion stand. Ich bin 47er-Jahr­gang, Nach­kriegs­ge­nera­tion – so ähn­lich wie vor dem Sta­dion in Brüssel habe ich mir ein Feld­la­za­rett immer vor­ge­stellt: Eine rie­sige Zelt­stadt, überall lagen Lei­chen, überall schrien Ver­letzte. Es war ein­fach nur furchtbar.