Müde, bei­nahe aus­ge­laugt wirkte Flo­rian Koh­feldt, als er Mitte Mai vor den Mikro­fonen im Augs­burger Pres­se­raum Platz nahm. Es war etwas pas­siert mit dem Bremer Trainer. Wochen­lang hatte er alles ein­ge­bracht, war in neun Par­tien ohne Sieg an die emo­tio­nale Belas­tungs­grenze gegangen – und an diesem Sams­tag­nach­mittag offenbar am Ende seiner Kräfte ange­langt. Obwohl man an der Weser zuvor so ziem­lich alle Gesetze der Branche igno­riert und an Koh­feldt fest­ge­halten hatte, über­raschte es nicht mehr, dass die Treue zwi­schen Klub und Chef­trainer nach dem Spiel in Augs­burg, dem vor­letzten der ver­gan­genen Saison, ihr Ende fand.

Ein Schritt, der schwer fiel. Denn die Gefühle, die den SV Werder und Koh­feldt ver­banden, waren nicht weniger als fami­liäre. Im Jahr 2001 zum Verein gestoßen, hatte Koh­feldt zunächst in der dritten Mann­schaft gekickt, um sich anschlie­ßend einen Ruf als Jugend­trainer zu erar­beiten. Im November 2017 über­nahm er dann das Pro­fi­team. Soweit eine schöne Geschichte, dachten nicht nur Bremer. Koh­feldt selbst sagte der Deich­stube“ später: Ich betone es noch mal ganz klipp und klar: Ich bin bei Werder, ich bleibe bei Werder, und ich habe nicht das Gefühl, hier weg zu müssen.“

Koh­feldt und Wolfs­burg? Passt erst auf den zweiten Blick

Doch es kam anders. So anders, wie es sich noch Anfang Mai kaum jemand hatte vor­stellen können. Nicht nur, dass Koh­feldt in Bremen Geschichte und Werder mitt­ler­weile Zweit­li­gist ist. Nun heuert der 39-Jäh­rige auch noch beim VfL Wolfs­burg an. Bei einem Klub also, der im all­ge­meinen Ver­ständnis eher für das Ste­rile als das Fami­liäre steht und auf den ersten Blick nicht zu Koh­feldt passen will. Aller­dings lohnt sich ein zweiter.

Gemeint ist nicht das eins­tige Wolfs­burger Dasein als Bremer Zweig­stelle, die sich am lau­fenden Band ehe­ma­liges Werder-Per­sonal wie Manager Allofs oder Innen­ver­tei­diger Naldo sichert, son­dern der Umstand, dass Koh­feldt in einen Plan passen könnte. Denn Jörg Schmadtke hat Wort gehalten. Nach der Ent­las­sung Mark van Bom­mels gestand Wolfs­burgs Geschäfts­führer zwar Fehler ein. Dann sagte er aber: Wir haben gedacht, dass wir auf einen Bestand, den wir hier haben, auf­sat­teln können. Die Idee finde ich nach wie vor richtig und span­nend, aber wir haben in der Umset­zung Pro­bleme gehabt.“ Koh­feldt ent­spricht dieser vagen Idee. Er gilt als pro­gres­siver Trainer, der eben nicht das Bestehende ver­waltet, son­dern eine über­ge­ord­nete Phi­lo­so­phie ver­folgt.

In Bremen wollte oder konnte er nach einem ersten guten Jahr nicht ein­sehen, dass die Qua­lität der Mann­schaft seiner Phi­lo­so­phie nicht genügt – und fuhr sich damit fest. Beim VfL sieht die Sache anders aus. Koh­feldt findet einen Kader mit starken Ein­zel­spie­lern vor, denen womög­lich nur eines fehlt: Jemand, der ihnen das pas­sende (Offensiv-)Korsett ver­passt. Koh­feldt könnte dieser jemand sein, wie er im Klub-TV der Wölfe durch­bli­cken ließ: Es ist der Ver­such, einen sehr domi­nanten Fuß­ball zu spielen, der immer auf der Suche nach Tem­po­ak­tionen ist.“ So soll es also nicht mehr nur darum gehen, schnelle Gegen­an­griffe zu per­fek­tio­nieren, son­dern gerade auch dann Lösungen zu finden, wenn der Gegner geordnet steht“. Ein Ansatz, dessen Umset­zung spie­le­risch ver­sierten Profis zuzu­trauen ist. Mit Luca Wald­schmidt, Lucas Nmecha oder auch Maxi­mi­lian Philipp und Dodi Luké­bakio steht dem neuen Trainer in der Offen­sive eine ganze Reihe sol­cher Spieler zur Ver­fü­gung. Und trotzdem klingt es komisch, wenn Koh­feldt sagt: Ich musste nicht lange über­legen, diese Her­aus­for­de­rung anzu­nehmen.“

Schmadtkes Schatten ist groß

Denn seine Gedanken wird er sich gemacht haben. Viel­leicht weniger über den Kader, mit dem er nun Cham­pions League spielen darf, als viel­mehr über die Struk­turen in Wolfs­burg. An der Aller erwartet ihn ein Klub, der nur als Teil eines Auto­mo­bil­kon­zerns zu ver­stehen ist und den Schatten der VW-Werke in posi­tiver wie nega­tiver Hin­sicht zu spüren bekommt. Noch viel deut­li­cher wird sich aber der Schatten Jörg Schmadtkes bemerkbar machen. Schmadtke hat die Kurz­epi­sode van Bommel“ zu ver­ant­worten und ist jetzt auf Erfolg ange­wiesen ist. Ein ein­fa­cher Typ, das hatte auch van Bommel vor seinem Antritt in Erfah­rung gebracht, ist Wolfs­burgs Geschäfts­führer ohnehin nicht.

Aktuell ist aber noch Hei­ter­keit ange­sagt – übri­gens auch bei Werder, wo 1,5 Mil­lionen Euro aus dem bis 2023 lau­fenden Ver­trag mit dem Ex-Coach ein­ge­spart werden. In Wolfs­burg ver­si­chern Trainer und Klub­ver­ant­wort­liche der­weil ganz bran­chen­üb­lich, wie gut man doch zusam­men­passe. Sollten Koh­feldts Ideen aber nicht in abseh­barer Zeit greifen, könnte die Stim­mung beim VfL schnell kippen. Und wie belas­tend die Arbeit in einem kri­selnden Klub ist, muss sich Koh­feldt nicht erst erklären lassen.

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