Seite 3: Er wollte immer nur Bob Dylan werden

Auch Savage erin­nert sich an Doh­erty als jemanden, der nicht viel brauchte. Er war glück­lich, wenn er ein­fach nur in seinem Zimmer saß, Musik hörte, Songs schrieb und Gitarre spielte. Ich liebte es, ihm beim Gitar­re­spielen zuzu­hören. Was für ein netter Kerl. Und ich muss sagen: Was für ein Spieler! Er besaß unglaub­li­ches Talent. Es war eine Schande, dass er sich ver­letzt hat.“ ls es pas­sierte, stand der 17-jäh­rige Doh­erty – der Dichter mit der Gitarre, der in aus­ge­beulten Sweat­shirts, schlab­be­rigen Jog­ging­hosen und alten Stie­feln her­um­lief – tat­säch­lich an der Schwelle zur Glit­zer­welt des Pro­fi­fuß­balls. Dann zog er sich in einem Spiel der dritten Mann­schaft gegen die Reserve von Car­lisle United im Februar 1991 eine Kreuz­band­ver­let­zung zu. Da Doh­erty damit außer Gefecht gesetzt war, kam statt­dessen Giggs sieben Tage später zu seinem Debüt in der ersten Elf. Von diesem Moment an schlugen die Lebens­wege der beiden ver­schie­dene Rich­tungen ein.

Als Giggs schon Super­star war, wurde Doh­ertys Ver­trag auf­ge­löst

Damals bedeu­tete ein kaputtes Kreuz­band oft das Kar­rie­re­ende. Bei Doh­erty kam wohl hinzu, dass die Schwere der Ver­let­zung zu spät erkannt wurde. Er blieb zwar noch zwei wei­tere Jahre im Verein, doch die meiste Zeit ver­brachte er auf der Behand­lungs­liege oder im Kraft­raum. Auch eine Ope­ra­tion brachte keine Bes­se­rung. Im Mai 1993, als Giggs schon als Super­star galt, wurde Doh­ertys Ver­trag auf­ge­löst. Er spielte noch ein wenig in Nord­ir­land, für Derry City, aber Musik war ihm inzwi­schen voll­ends wich­tiger geworden als Fuß­ball. Schon wäh­rend seiner Zeit in Man­chester hatte er in einer Band namens The Mad Hat­ters gespielt (unter dem Pseud­onym McHill­billy“) und im Mai 1992, als er immer noch als Profi unter Ver­trag stand, war er sogar nach Ame­rika geflogen, um einen Plat­ten­ver­trag zu bekommen. Wäh­rend sich die Spieler von Man­chester United auf eine neue Saison vor­be­rei­teten, ver­brachte Doh­erty fast den ganzen Sommer in New York und spielte in Bars oder auf der Straße.

Doch anders als sein Vor­bild Dylan bekam er den Ver­trag nicht. Die Hoff­nung gab er jedoch nicht auf. Er zog nach Galway, an der iri­schen West­küste, weil die Stadt als Magnet für Musiker und Dichter bekannt ist. Dort ver­brachte er einige glück­liche Jahre, in denen er sich mit kleinen Jobs über Wasser hielt, um seine künst­le­ri­schen Nei­gungen aus­zu­leben. Viele der Freunde, die er dort fand, hatten keine Ahnung, dass Man­chester United einst große Hoff­nungen in diesen jungen Mann gesetzt hatte.

Adrian Doh­erty haderte nie mit seinem Schicksal. Wer ihn kannte, bewun­derte ihn gera­dezu für sein aus­ge­prägtes Son­nyboy-Natu­rell, weil es ihm erlaubte, mit allen Schwie­rig­keiten umzu­gehen, die das Leben für ihn bereit­hielt. Seine Familie und seine Freunde glauben sogar, dass die Jahre nach seiner kurzen Fuß­ball­kar­riere die glück­lichsten seines eben­falls nur kurzen Lebens waren. Wie dieses Leben endete, dar­über gibt es viele Spe­ku­la­tionen. Manche glauben, bei dem Unfall in Den Haag wären Drogen oder Alkohol im Spiel gewesen, doch das klang immer unglaub­wür­diger, je mehr ich über Doh­erty erfuhr. Die hol­län­di­sche Polizei sagte mir, dass sie keinen Hin­weis auf Drogen, Selbst­mord oder eine Straftat hat. Sie nennt das Ganze einen Unfall mit einem sehr tra­gi­schen Ende“. Als man Doh­erty aus dem Kanal zog, lebte er zwar noch, doch er erlangte das Bewusst­sein nicht zurück. Einen Monat später, am Tag vor seinem 27. Geburtstag, starb er. Doh­ertys Familie gewann den Ein­druck, man hätte ihn danach aus Uniteds Geschichts­bü­chern getilgt, als wäre sein Tod ein Makel für den Klub. Jeden­falls tauchte sein Name fast nie mehr auf, wenn es um die großen Talente des Ver­eins ging. Giggs erklärt sich das durch eine Art Unbe­hagen, weil nie­mand die genauen Umstände kannte“. Erst nachdem die Doh­ertys ihre Mei­nung änderten und mir erlaubten, ein Buch („Forever Young“) über ihren Sohn zu ver­öf­fent­li­chen, wurden die Men­schen auf Adrians Geschichte auf­merksam.

Er war defi­nitiv auf meinem Niveau“

Jetzt liest man öfter über den Jungen, der so gut war wie Giggs“. Ich per­sön­lich glaube das übri­gens nicht. Er besaß viel­leicht das Talent, aber er hätte nicht die Kar­riere machen können, wie Giggs es getan hat. Meine Hypo­these, die auf den vielen Dingen beruht, die ich über ihn gelernt habe, lautet: Wenn die Ver­let­zung nicht pas­siert wäre, hätte Doh­erty sein Pro­fi­debüt gegeben und für rie­sigen Wirbel gesorgt, doch früher oder später hätte er wegen seiner Per­sön­lich­keit und seinem anderen Blick aufs Leben das Inter­esse am Fuß­ball ver­loren. Um ihn herum wollten alle der neue George Best sein, er aber wollte viel lieber der nächste Bob Dylan werden.

Ryan Giggs ist da etwas anderer Mei­nung. Er war defi­nitiv auf meinem Niveau“, sagt er. Und er stand ganz ein­deutig kurz vor seinem Debüt in der ersten Mann­schaft. Wer weiß schon, was pas­siert wäre, wenn die Dinge sich ein wenig anders ent­wi­ckelt hätten?“ Nach einer Pause setzt er hinzu: Wenn ich an Doc denke, dann fühle ich zum einen eine große Trau­rig­keit, weil er seinen Mit­spie­lern, den Fans und auch sich selbst nicht die große Freude bereiten durfte, die er uns allen sicher gemacht hätte. Die Leute hätten vor Freude gelacht, wenn sie ihn spielen gesehen hätten! Ande­rer­seits ist da aber auch die glück­liche Erin­ne­rung an sein Talent und an die Per­sön­lich­keit, die er war: ein ver­rücktes Talent, ein ein­zig­ar­tiger Cha­rakter. Ein Junge, der ein­fach raus­ging und spielte.“