Die Band Böhse Onkelz“ hatte vor einer Ewig­keit mal einen Song namens Knei­pen­ter­ro­risten“ im Reper­toire. Aus­züge: Mütter sperrt die Töchter rein und rettet euren Sohn, vor Knei­pen­ter­ro­risten, dem Schre­cken der Nation!“ Natür­lich sangen die Onkelz“ von Men­schen, die so drauf waren, wie ihre Fans es immer sein wollten: Ker­nige Rocker, die unge­fragt einen Tresen nach dem anderen leer tranken und anschlie­ßend noch das Mobi­liar fach­ge­recht zer­legten. Solche Men­schen habe ich noch nie gesehen. Doch die Knei­pen­ter­ro­risten, sie sind unter uns! Sie tragen häufig Brillen oder lange Haare, die in Zöpfen geordnet über ihren Metal-T-Shirts bau­meln. Wahl­weise sieht man sie auch als weib­liche Sozi­al­wis­sen­schaft­le­rinnen im zweiten Semester getarnt. Sie mögen keinen Fuß­ball. Aber sie treffen sich gerne in Kneipen. Vor­zugs­weise am Dienstag- oder Mitt­woch­abend. Um den harten Alltag als Metal-Fan oder Stu­dent bei einer Partie Cluedo aus­klingen zu lassen. Sie sind schlimmer als jeder noch so ker­nige Rocker, der sich Fahr­rad­ketten schwin­gend ins Damenklo über­gibt.

Zum Bei­spiel ges­tern in Berlin. Bayern spielt gegen Basel. Leider am Dienstag und des­halb nicht im Free-TV (dort über­trägt Sat.1 heute lieber Real Madrid gegen ZSKA Moskau). Gegen 20 Uhr beginnt die Suche nach einer Kneipe samt Beamer, Groß­bild­lein­wand und Bier­aus­schank. Die Stamm­kneipe, an einem nor­malen Sams­tag­nach­mittag gäh­nend leer, ist bereits bis auf den letzten Platz gefüllt. Da! So ein Rock­erschuppen mit erstaun­li­chen vielen Schädel-Ske­letten von längst aus­ge­rot­teten Tier­arten an der Wand und Pos­tern voller lang­haa­riger Drauf­gänger. Aber auch: Mit dem leuch­tenden Sky“-Logo an der Fens­ter­front, der See­not­fa­ckel gestran­deter Fuß­ball­freunde. Hinein! Die Plätze wei­test­ge­hend frei, han­dels­üb­liche Fuß­ball­freunde lassen sich von lang­haa­rigen Drauf­gän­gern und aus­ge­rot­teten Tier­arten ganz offen­sicht­lich abschre­cken.

Wer in Fuß­ball­kneipen reser­viert schlägt auch kleine Kinder

Dann der erste Schock: Auf drei der vier Tische in güns­tiger Posi­tion zur Lein­wand steht eine hand­be­malte Karte: Reser­viert“. Meine Mei­nung: Wer Tische in Fuß­ball­kneipen reser­viert, der wählt auch die FDP oder schlägt kleine Kinder. Am vierten Tisch sitzt eine Grup­pie­rung von auf den ersten Blick harm­losen Men­schen. Zwei Frauen, zwei Kerle. Sie MÜSSEN Fuß­ball­fans sein, denn inzwi­schen ist es 20:15 Uhr und ihr Tisch steht zen­tral, in einem maß­vollen Abstand vor der Lein­wand. Es ist der beste Platz in diesem Laden. Etwas irri­tie­rend ist nur, dass die beiden Kerle noch immer mit dem Rücken zum Geschehen sitzen, und das, obwohl bereits Ottmar Hitz­feld von der Leine gelassen worden ist. So weit, so beun­ru­hi­gend. Immerhin: Auf höf­liche Nach­frage macht das Quar­tett zwei Plätze frei, der freie Blick auf das Ach­tel­fi­nale ist gesi­chert.

Mitt­ler­weile ist es 20:42 Uhr, die Cham­pions-League-Hymne erklingt. Hat die UEFA jemals sinn­voller Geld aus­ge­geben, als für den Diri­genten Tony Britten und das Royal Phil­har­monic Orchestra? Doch wäh­rend die Gän­se­haut wohlig die aller­letzten Kör­per­re­gionen erreicht, erzählt einer der Kerle am Neben­tisch laut­stark einen Witz, den er ges­tern von einem Kumpel aus der Rol­len­spiel-Gruppe gehört hat. Die Weiber krei­schen vor Lachen und packen dann, die Wangen noch trä­nen­nass, tat­säch­lich ein Brett­spiel auf den Tisch! Und die Kerle reiben sich auch noch voller Vor­freude die Fin­ger­spitzen, auf ihren Rücken, die immer noch der Lein­wand zuge­wandt sind, wackeln munter die Teu­fels­hörner ihrer Lieb­lings­band. Nun wird klar: Es sind Knei­pen­ter­ro­risten! Schwers­tens moti­viert, am Cham­pions-League-Abend ihren Brett­spiele-Scheiß durch­zu­ziehen!

Wie können wir uns nur gegen Brett­spieler wehren? 

Solche Szenen, scho­ckie­rend und ver­let­zend, spielen sich jede Woche ab. In jeder deut­schen Stadt. In JEDER ehr­baren Fuß­ball­kneipe! Bleibt die Frage, wie wir, die hilflos dasitzen und sich von den Brett­spie­lern auch noch dumme Sprüche gefallen lassen müssen („Schwein-Steiger? Was isn das fürn Name? HARHAR!“), uns in Zukunft gegen Über­griffe sol­cher Art wehren können? 

Müssen wir bereits am Nach­mittag in die Kneipen kommen und die Brett­spiele unbrauchbar machen (zum Bei­spiel: Würfel klauen)? Müssen wir Bür­ger­wehren orga­ni­sieren, die die Brett­spieler recht­zeitig vor deren Knei­pen­be­such ver­scheu­chen? Müssen wir end­lich auf­stehen, den Ohr­feigen-Gesich­tern am Neben­tisch so lange die his­to­ri­sche und soziale Bedeu­tung von Fuß­ball in die Ohren brüllen, bis selbst die Metall-erprobten Horch­lappen anfangen zu bluten? Müssen wir eine Sam­mel­klage gegen den Erfinder des Brett­spiels ein­rei­chen? Wenn ja, wie heißt diese Person? Her­mann Malle­fitz? Sven Siedler? Sabine Men­schär­ger­e­dich­nicht? Oder müssen wir selbst zum Äußersten greifen, die Fahr­rad­kette aus dem Keller holen und tun, was zu tun ist?

Anmer­kung der Redak­tion: Die Brett­spieler ein­fach stumpf weg­saufen funk­tio­niert. Nicht.