Seite 2: Als im Lescure der Teufel los war

Als die Spieler vom Cap Ferret zurück­kehrten und zum Sta­dion fuhren, klopften die Men­schen auf die Scheiben des Busses. Fuß­ball ist in Bor­deaux höchs­tens gleich­be­rech­tigt mit Rugby. Das Les­cure meist nur halb­ge­füllt, wenn Girondins spielte. Liz­a­razu, 1,69 Meter groß und mit breiter Brust, blickte auf die Ränge: Ich hatte eine solche Atmo­sphäre im Les­cure noch nicht gesehen, es war elek­trisch. Die Fans waren schon eine Stunde vor Anpfiff in Trance. Überall wurde gesungen. Als wir auf den Platz gingen, waren die Zuschauer hys­te­risch. Einige unserer Spieler waren von den Emo­tionen über­mannt und mussten weinen.“ Auf der anderen Seite spielten die Mai­länder Eck­chen, schlugen ein paar Bälle. Eine Stim­mung, die auch Courbet, der Sta­di­on­spre­cher, wahr­nahm. Hier pas­siert heute etwas.“ Er hatte bemerkt, wie sich die eigene Mann­schaft dis­zi­pli­niert auf­wärmte und wie 50 Meter weiter Milans Marcel Desailly mit her­un­ter­hän­genden Stutzen über den Platz trabte. Schon am Vor­abend hatten die Mai­länder auf eine Trai­nings­ein­heit ver­zichtet. In langen blauen Anzügen und Sei­den­kra­watten waren sie über den Platz spa­ziert, hatten nur kurz den Rasen berührt. Liz­a­razu rief: Die nehmen uns nicht ernst.“

Hätten sie es bloß getan. Bor­deaux hatte doch Zidane. Ihn, der später ganz andere Spiele im Allein­gang ent­scheiden sollte. Das WM-Finale 1998. Das Cham­pions-League-Finale 2002. Das WM-Vier­tel­fi­nale 2006, als es schien, dass es der vor dem Rück­tritt ste­hende Zehner allein mit ganz Bra­si­lien auf­nehmen würde. Und Bor­deaux hatte einen Plan, der auf­ging, erin­nert sich Liz­a­razu: Wir wollten in den ersten zwanzig Minuten ein Tor schießen.“ Nach 14 Minuten sprin­tete der Links­ver­tei­diger die Seite ent­lang, ein Dia­go­nal­ball könnte ihn vor seinem Gegen­spieler errei­chen. Es ging darum, wer den Ball mehr will.“ In der Mitte hielt Didier Tholot nur den Fuß hin. 1:0. In der Pause stimmte Rohr seine Mann­schaft noch einmal ein: Wenn ihr das zweite Tor schießt, dann ist hier der Teufel los.“ Zurück aufs Feld: Frei­stoß aus halb­linker Posi­tion, Liz­a­razu war gefoult worden, Zidane legte sich den Ball zurecht. Selbst der Schieds­richter hat mit­ge­spielt, das gibt’s doch eigent­lich nicht“, lachte Liz­a­razu. Tat­säch­lich: Schieds­richter Ahmet Cakar hatte dem Schuss eine neue Rich­tung gegeben, als er mit voller Geschwin­dig­keit an seinen Rücken geprallt war. Dug­arry stand frei – 2:0! Der Teufel war los.

Quel but! – Quelle hor­reur

Zidane bekam nun mehr Platz. 70. Minute: Er und Witschge erobern in der eigenen Hälfte den Ball, dann kann sich Zidane end­lich einmal drehen. Auf dem Video, das ihn auf dem schlecht beleuch­teten Platz und im die­sigen Wetter zeigt, sind seine langen, mar­kanten Schritte zu sehen. Mit diesen Schritten würde er Jahre später allein gegen ganze Mann­schaften anrennen. Schnell, grazil, jetzt kommt der Pass in die Tiefe! Abge­wehrt. Sieben Jahre später, in einem Län­der­spiel gegen Deutsch­land, würde genau dieser Pass gegen die Lauf­rich­tung der Abwehr Thierry Henry finden. Diesmal erwischt Zidane wenigs­tens den Abpraller. Im Fallen ein Rich­tungs­wechsel, Dug­arry ist mit­ge­laufen, erreicht den Pass und trifft direkt. 3:0. Drei Tore gegen Mai­land. Quel but!“, brüllt der Kom­men­tator. Was für ein Tor. Was für ein Spiel.

Dug­arry und Zidane, alle zusammen laufen sie zur Trai­ner­bank. Doch Gernot Rohr will von dieser Gefühls­du­selei nichts wissen. Er ver­scheucht sie, gleich wird Mai­land anrennen, also bitte passt auf! Und sein treu­ester Glücks­bringer ist ihm auch abhan­den­ge­kommen. Er hatte die Aus­tern­perle in seiner Hosen­ta­sche auf­be­wahrt, und als Bor­deaux das dritte Tor schoss, fiel sie im Jubel wohl durch ein kleines Loch an der Naht und lan­dete irgendwo auf dem Rasen des Les­cure. Die Mai­länder rennen an, als wäre nun klar, was es zu ver­lieren gilt. Dass sie über­haupt ver­lieren können. Aus­ge­schieden im Vier­tel­fi­nale, gegen den Vier­zehnten der Ligue 1, nach einem 2:0 im Hin­spiel. Quelle hor­reur. Oben auf der Tri­büne bricht Julien Courbet in Tränen aus. Seine Stimme hat er längst ver­loren.

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Wit­ters / Pres­se­sports

Erst im Finale, gegen den FC Bayern, blieb das Wunder aus. Nach einem 0:2 im Hin­spiel, bei dem Dug­arry und Zidane gelb­ge­sperrt fehlten, ging auch das Rück­spiel an die Deut­schen. Egal. Elf Monate zuvor hatte diese Reise begonnen. Norr­köping, Dublin, Hel­sinki … Mai­land. Das war einer der schönsten Momente in meiner Kar­riere. Es war nur ein Vier­tel­fi­nale“, erin­nerte sich Liz­a­razu Jahre später, Ich aber habe gedacht, es sei ein Finale. Es hat sich ange­fühlt, als hätten wir den Euro­pa­pokal gewonnen.“ Im Sommer 1996, nach der EM, ging er zu Ath­letic Bilbao. Dug­arry schloss sich AC Mai­land an. Ein paar Kilo­meter weiter spielte Zidane für Juventus und gewann kurz darauf das Welt­po­kal­fi­nale. Aber was beu­tetet das schon gegen­über so einem Sieg?