Spiele unseres Lebens

QUADRAT 1 1 für Hochformate 30

Dieser Text erschien erst­mals in unserem Spe­zial Spiele unseres Lebens“. Die gesamte Aus­gabe ist wei­terhin hier im Shop erhält­lich.

Hier pas­siert heute etwas.“ Gerade hatte Julien Courbet seine Aus­rüs­tung über­prüft, dann war er in die Fan­kurve gegangen, um die Stim­mung ein­zu­fangen. Die Fans von Girondins Bor­deaux waren schon vor Stunden ins Les­cure gekommen, wie das Rug­by­sta­dion im Herzen der Stadt genannt wird, und Courbet, der Sta­di­on­spre­cher, wollte nah an den Zuschauern sein. Hier pas­siert heute etwas! Es klang über­heb­lich, das zu behaupten.

Wie sollte diese Truppe AC Mai­land besiegen?

Das Hin­spiel dieses Uefa-Cup-Vier­tel­fi­nals hatten die Fran­zosen gegen den AC Mai­land 0:2 ver­loren. Gegen eine Super­mann­schaft mit Spie­lern wie Paolo Mal­dini, Patrick Vieira, Franco Baresi, Roberto Baggio, trai­niert von Fabio Capello. Für das Rück­spiel kehrte zu allem Über­fluss George Weah, der beste Fuß­ball­spieler der Welt, zurück. Und wen hatte Bor­deaux? Den 24-jäh­rigen Ziné­dine Zidane. Ihn, den spä­teren Welt­star, kannten zu diesem Zeit­punkt nur wenige. Aber die, die sahen, wie er mit dem Ball umging, wussten schon Bescheid. Nerds, die nachts Ligue-1-Wie­der­ho­lungen sahen, und seine Trainer. Jeden Tag, bei jedem Trai­ning, hat er gezeigt, dass er es besser als die anderen konnte“, sagt Gernot Rohr, sein dama­liger Coach in Bor­deaux. Ball­be­rüh­rung, Kon­trolle und Dis­zi­plin.“ Zidane, Sohn eines alge­ri­schen Ber­bers, war im Mar­seiller Pro­blem­viertel La Cas­tallane auf­ge­wachsen. Harte Schule, Beton unter den Füßen. Auf den feinen Plätzen in Bor­deaux führte er Gegen­spieler vor, wenn er wollte.

Aber das alleine reichte nicht. Girondins Bor­deaux war im Februar 1996 an einem Tief­punkt der Ver­eins­ge­schichte ange­langt. In der Liga nur Tabel­len­vier­zehnter, Abstiegs­kan­didat, dann auch noch eine pein­liche Nie­der­lage im fran­zö­si­schen Pokal gegen den Dritt­li­gisten SC Toulon. Als der deut­sche Trainer Gernot Rohr, der zuvor Bor­deauxs Jugend­aka­demie geleitet hatte, die Mann­schaft nach dem Pokal-Aus über­nahm, fand er einen Haufen frus­trierter und müder Spieler vor. Das Pro­blem: Bor­deaux war im wie­der­ein­ge­führten Inter­toto-Cup ange­treten. Hatte sich ab dem 1. Juli 1995 über Norr­köping, Dublin, Odense, Hel­sinki, Frank­furt, Hee­ren­veen und gegen den Karls­ruher SC für den Uefa-Cup qua­li­fi­ziert. Die Rech­nung zahlte die Mann­schaft Woche für Woche in der fran­zö­si­schen Liga. Zidane, unter­stützt vom älteren nie­der­län­di­schen Genius Richard Witschge, schleppte sich mehr über den Platz, als dass er Regie führte. Wie sollte diese Truppe den AC Mai­land besiegen?

Wir schaffen das noch, Coach!“

Zinedine Zidane

Im Hin­spiel wurden ihnen die Grenzen auf­ge­zeigt. Diese Mann­schaft war unglaub­lich, die beste Mann­schaft der Welt“, urteilte Bixente Liz­a­razu, zu diesem Zeit­punkt der 26-jäh­rige Kapitän in Bor­deaux. Im San Siro hatte Mai­land, das drei Jahre in Folge im Cham­pions-League-Finale stand und eines gewann, seinen Gästen die Luft abge­schnürt. Patrick Vieira, 19 Jahre alt, stand Zidane die gesamte Zeit auf den Füßen. Vorne wir­belten Baggio und Dejan Savicevic. 0:2, es hätte auch höher aus­gehen können. Keine Chance. Wir konnten nicht gleich­zeitig in der Liga und im Uefa-Pokal ablie­fern. Aber wir waren besessen vom Euro­pa­pokal“, erin­nert sich Rohr. Ein Pro­blem sei die Kader­tiefe gewesen. Zidane, Liz­a­razu und Dug­arry waren gute Spieler, Tor­wart Gaëtan Huard erwischte manchmal einen guten Tag. Aber sonst? Sobald sich jemand ver­letzte, hatte ich ein Pro­blem“, sagt Rohr. Und Bor­deaux bräuchte drei Tore gegen AC Mai­land, die seit elf Jahren keine drei Tore in einem inter­na­tio­nalen Wett­be­werb kas­siert hatten. In diesem Moment ver­si­cherte Zidane seinem Trainer, an das Wei­ter­kommen zu glauben. Es klingt mir heute noch in den Ohren. Er sagte: Wir schaffen das noch, Coach!‘“

Rohr ver­stand, und er orga­ni­sierte eine Aus­zeit. Elf der 23 Spieler kannte der Deut­sche aus der eigenen Aka­demie. Chris­tophe Dug­arry, zum Bei­spiel, der mit 16 Jahren zum Girondins-Nach­wuchs geholt worden war, sah Rohr mehr als großen Bruder denn als Trainer. Zusammen fuhren sie hinaus ans Cap Ferret am Atlantik, umgeben von den größten Sand­dünen Europas. Sie gingen an den Strand, liefen durch die Pini­en­wälder, erholten sich. Am Abend brachten Kellner See­zunge an den Tisch. Und für die Trainer gab es Aus­tern. Ich brach eine auf und sah, dass sich darin eine Perle befand. Das war mir nie zuvor pas­siert, ein kleines Wunder. Und ein Zei­chen, das mich daran glauben ließ, dass wir das Unmög­liche schaffen könnten“, sagt Rohr, der die Perle ein­steckte. Ob er wusste, dass diese Mann­schaft in zwei Monaten aus­ein­an­der­bre­chen würde wie die Scha­len­klappen einer Muschel, wenn ein Messer hin­durch­sticht? Zidane sollte zu Frank­reichs Fuß­baller des Jahres gewählt werden, trotz dieser miesen Saison, er hatte die Natio­nal­mann­schaft zur EM geführt. Real Madrid, Inter Mai­land, die besten Ver­eine Europas standen Schlange. Juve-Prä­si­dent Roberto Bet­tega würde ihm bald bei einem Mit­tag­essen in Paris 450 000 Francs bieten – pro Monat. Bor­deaux hielt dagegen, bot eine halbe Mil­lion Francs, und eine Villa für ihn und Dug­arry am Atlantik. Aus­tern, Strand, Heimat. Na, Zizou, wie klingt das? Aber erst einmal: Mai­land.