Sogar die Sport­schau“ berich­tete: Da hatte die Mainzer Mann­schaft grade mit 2:4 in Sins­heim ver­loren, been­dete damit zum vierten Mal in Folge ein Spiel mit weniger Toren als der Gegner und wei­gerte sich trotzdem geschlossen, nach der erneuten Ent­täu­schung vor die Kurve zu schlurfen, um sich bei den mit­ge­reisten Fans zu bedanken. Skandal! Scheiß-Mil­lio­näre!! Undank­bares Pack!!!

Die Ent­rüs­tung über die Aktion der Truppe – die ja in Wirk­lich­keit keine Aktion, son­dern eine Unter­las­sung war – ging sogar so weit, dass sich die Spieler ges­tern zu einem öffent­li­chen Brief hin­reißen ließen, in dem sie ihre Beweg­gründe dar­legten. In dem sie mit blu­migen Worten und gedehnt auf neun Absätze also das umschrieben, was jeder klar den­kende Mensch schon vorher wusste: Sie hatten nach dem Spiel schlicht keinen Bock auf die Kurve.

Und das, liebe Kurven dieser Welt, ist voll­kommen in Ord­nung. Im kon­kreten Fall vom Samstag sogar noch ein biss­chen mehr als das, schließ­lich war – auch das steht in dem Brief – schon beim Stand von 2:3 und mit Aus­sicht auf den Aus­gleich Spott statt Anfeue­rung zu hören. Warum sollten die Spieler, die in Hof­fen­heim höchst­wahr­schein­lich nicht mit Absicht ver­loren, also große Lust darauf ver­spürt haben, sich die rest­liche Wut der eigenen Fans mit direktem Blick­kon­takt abzu­holen? Genau. Es gibt keinen guten Grund.

End­lich mal ein ehr­li­ches State­ment

Was auch mit Respekt vor dem eigenen Anhang zu tun hat – obwohl empörte Fans der Mann­schaft iro­ni­scher­weise man­gelnden Respekt vor­werfen. Aber wäre es wirk­lich besser gewesen, demütig vor die Kurve zu schlei­chen, die Hände zum Klat­schen kurz über den Kopf zu nehmen, nur um sie danach direkt wieder schüt­zend vor den Mund zu halten, damit die lau­ernden Lip­pen­leser dieser Welt die geraunten Wörter Was“, für“ und Arsch­lö­cher!“ nicht ent­zif­fern können? Genau, nein. So gesehen war die Ver­wei­ge­rung des zur Eti­kette ver­kom­menen Ganges in die Kurve sogar eines der selten gewor­denen, wirk­lich ehr­li­chen State­ments im Pro­fi­fuß­ball.

Zumal der Gang, egal ob nach einem Sieg oder nach einer Nie­der­lage, ja fast aus­nahmslos etwas Heuch­le­ri­sches hat. Denn er sug­ge­riert eine Nähe zwi­schen Fans und Zuschauern, die es so schon lange nicht mehr gibt. Nach Siegen fällt das weniger auf, weil gemein­sames Feiern nun mal mehr Spaß macht als gemein­sames Trauern. Aber an dem Umstand, dass der ritua­li­sierte Gang vor die Kurve nach 99 von 100 Spielen aller­höchs­tens gutes Theater ist – im Übrigen von beiden Seiten – ändert das wenig. 

Erwar­tungs­hal­tung über­denken

Was nicht heißen soll, dass es keine ehr­li­chen Begeg­nungen zwi­schen Team und Zuschauern gibt. Denn natür­lich kommt es immer wieder, und das ist ja das Schöne am Fuß­ball, zu beson­deren Par­tien mit beson­derer Stim­mung und einer beson­deren Atmo­sphäre. Der sich kein Anwe­sender, weder auf dem Platz, noch in der Kurve, ent­ziehen kann. Wenn ein Sta­dion seine ganze Kraft ent­faltet, wenn den Spie­lern plötz­lich Flügel wachsen, wenn es knis­tert. Wenn der Dank der Spieler nach dem Spiel echt ist oder die gemein­same Ent­täu­schung so groß wird, dass man sie ein­fach teilen muss, statt sich anzu­brüllen. Doch diese Momente lassen sich nicht belieblig oft wie­der­holen, und wenn man es doch ver­sucht, dann nutzen sie sich ab. So wie der Gang vor die Kurve.

Wes­halb manch Kur­ven­gänger die eigene Erwar­tungs­hal­tung drin­gend über­denken sollte. Denn genauso wie VIP-Logen-Gänger nicht ein­for­dern dürfen, bei jedem Heim­spiel immer und aus­nahmslos gut unter­halten zu werden, sollten aktive Fans nicht ein­for­dern, dass die eigene Mann­schaft sie immer und aus­nahmslos super findet. Anders­herum klappt das ja auch.