Es ist manchmal wirk­lich ver­wir­rend mit dem FC Bayern Mün­chen. Da erklärt der Klub seit jeher liga­weit Füh­rungs­an­sprüche in den Berei­chen Tabelle, Beliebt­heit, Arg­wohn und Medi­en­prä­senz, for­mu­liert das eigene Selbst­ver­ständnis nur zur gerne mit dem nim­mer­müden Credo: Mia san mia!“ und ist in auch Sachen Mei­nungs­mache stets ganz vorne mit dabei. Den starken Cha­rak­teren der Füh­rungs­etage ist kein Thema zu groß, keine Krise zu heftig, kein Sturm zu rau: Der FC Bayern, so hat man es mitt­ler­weile ver­in­ner­licht, äußert sich gerne, oft und immer laut. Auch die Spieler werden mit­unter ange­halten, ihre Hal­tung öffent­lich kund­zutun, schließ­lich muss die per­fekt abge­stimmte Maschi­nerie der medialen Auf­merk­sam­keit durch starke Mei­nungen geölt werden. Und wer einmal in den Kosmos FC Bayern ein­ge­taucht ist, bekommt das hei­lige Recht auf eine mediale Alpha­tier­stel­lung quasi mit der Ver­trags­un­ter­schrift über­tragen. Daran hatte man sich fast gewöhnt, war der FC Bayern eben sport­lich das Maß aller Dinge. Und, so haben es Trainer und Experten immer gesagt: Wer am Ende gewinnt, hat immer Recht. Titel, Stars, Geschichten und Gift­pfeile gegen die Kon­kur­renz – all das lie­ferte das Unter­hal­tungs­un­ter­nehmen im Frei­staat Bayern frei Haus.

Dum­mer­weise lief es beim FC Bayern in den letzten Jahren sport­lich nicht rund. Titel gab es keine, Wunsch­spieler gingen zum BVB (Reus) oder wurden für Trans­fer­summen á la Chelsea geholt (Mar­tinez). Zudem scheint auch der über­große Respekt der Gegner vor der Fuß­ball-Groß­macht FCB zuneh­mend zu schwinden. Und so beschäf­tigt sich der FC Bayern der­zeit vor allem mit sich selbst. Jüngstes Bei­spiel: Bayern-Boss Karl-Heinz Rum­me­nigge schießt über den Sport-Bou­le­vard gegen eigene Ex-Spieler, die sich mitt­ler­weile flä­chen­de­ckend als TV-Experten ver­dingen.

Rum­me­nigge könnte das egal sein, ist es aber nicht

Wenn sich ehe­ma­lige Spieler und Iden­ti­fi­ka­ti­ons­fi­guren öffent­lich melden, ist das auch immer Publi­city für den Verein. Eigent­lich, so mag man meinen, könnte das also Rum­me­nigge nur recht sein. Ist es aber nicht! Denn nach Mei­nung des Bayern-Chefs suchen jene soge­nannten Experten viel zu oft ein Haar in der Suppe. Da zieht Mehmet Scholl, immerhin Ange­stellter an der Säbener Straße, den eigenen Stürmer Mario Gomez verbal in die Ger­ia­trie, Über­titan Oliver Kahn heizt unge­niert eine Füh­rungs­spieler-Debatte an, mit der er indi­rekt die Bayern-Aus­hän­ge­schilder Lahm und Schwein­s­teiger in Frage stellt. Das Wort Lob“, nör­gelte Rum­me­nigge jüngst via Sport-Bild, scheinen einige unserer Ex-Spieler in dieser Rolle ver­gessen zu haben.“ Und damit nicht genug, denn im glei­chen Atemzug schoss er eine war­nende Leucht­ra­kete in Rich­tung Kahn, Scholl und Co.: Wir haben da ja ein pro­mi­nentes Bei­spiel in Lothar Mat­thäus. Der hatte sich irgend­wann um Kopf und Kragen geredet und sich somit die Tür beim FC Bayern am Ende selbst zuge­schlagen.“ Soll heißen: Gebt end­lich Ruhe, sonst werdet ihr beim FC Bayern nicht einmal mehr Gre­en­keeper! Im Fall von Scholl, sollte jener bei der ARD seine Exper­ten­an­stel­lung ver­län­gern, wird ein eis­kalter Wind durch seinen Arbeits­ver­trag zu wehen.

Nun legt Rum­me­nigge aber noch einmal nach und ätzt in der Sta­di­on­zeit­schrift des FC Bayern vor dem Heim­spiel gegen den FSV Mainz 05 am Samstag munter weiter: Teil­weise haben sich die Ana­ly­tiker in Sachen Mar­tinez selbst ana­ly­siert.“ Und weiter: Der frü­here Welt­klas­se­fuß­baller Thomas Bert­hold, der zu seiner Zeit bei Bayern Mün­chen die Massen in Ekstase ver­setzte, wusste am 27. August: Mar­tinez ist zu teuer.‘ Fünf Tage später ana­ly­sierte er seine Ana­lyse und wusste plötz­lich: Mar­tinez ist Gold wert.‘ Unser alter Freund Lothar Mat­thäus fand zum Basken über­ra­schend heraus: Es ist eine neue Liga, eine neue Sprache.‘ Und wer kennt sich damit besser aus als Lothar?“

Ein­stel­lungs­vor­aus­set­zung für einen Job als Experte sei sowieso nur der Fakt, dass man nur einmal im Leben beim FC Bayern Mün­chen gespielt haben müsse! Doch anstatt gegen die freie Mei­nungs­äu­ße­rung der Ex- oder Noch-Immer-Ange­stellten zu keilen, sollte man sich in Mün­chen viel­leicht ein­fach mal fragen, warum der Laut­spre­cher­virus noch immer in den Ex-Kickern wütet. Hat man sich dieses Pro­blem nicht haus­in­tern gezüchtet, indem man seinen Spie­lern die Droge Auf­merk­sam­keit in Über­dosis ver­ab­reichte? Sie machen ein­fach da weiter, wo sie vom ersten Tag an beim FC Bayern ange­fangen haben: Sie stehen an vor­derster Front, sie sagen noch immer laut­stark ihre Mei­nung. Und so haar­sträu­bend manche Aus­sage auch sein mag, es gebührt ihnen Respekt dafür, dass sie nicht klein bei­geben. Wer das nicht hören will, sollte sich lieber die Ohren zuhalten, anstatt zum ver­balen Gene­ral­konter aus­zu­holen. Und sowieso: Was wäre, würden jene Experten munter gegen die Mün­chener Kon­kur­renz schießen? Würde Rum­me­nigge das dulden oder gar wün­schen?

Nein, Rum­me­nigge hin­gegen will lieber selbst neue Anreize setzen. So schlägt er etwa vor, dass Kahn, Scholl, Bert­hold und Co. in Zukunft doch lieber als Experten zum Thema Experten“ arbeiten sollten. Wie beur­teilt Bert­hold den Transfer von Mat­thäus zu Sky? Glaubt Olaf Thon, dass Helmer mit seiner spitz­fin­digen Art optimal zu Sport 1 passt? Mich würde auch inter­es­sieren, ob das Fan-Orakel von den Thesen Oliver Kahns hält“, albert Rum­me­nigge herum. Und so ent­steht ganz frei von allem ein neuer Brand­herd beim FC Bayern. Der Klub, seine Prot­ago­nisten, dieses Schlacht­schiff der Thesen hat längst wieder die Segel gesetzt. Ganz am Ende seines Motzki-Auf­satzes fällt Rum­me­nigge dann aber doch etwas Bemer­kens­wertes ein. Frei nach Karl Valentin zitiert er: Es ist alles gesagt, nur noch nicht von allen!“ Das lässt ahnen: Diese Saison wird ver­dammt lang.