Seite 2: „Was genau schaut er sich da an?“

Murray, immerhin seit 18 Jahren im eng­li­schen Pro­fi­zirkus aktiv (u.a. bei Crystal Palace und AFC Bour­ne­mouth), hatte Der­ar­tiges nach eigenem Bekunden nie zuvor gesehen: Klopp wendet seinen Blick nie­mals ab“, berichtet der Veteran hörbar beein­druckt, er fixiert dich die ganze Zeit.“ Box­fans mag dieses Pro­ze­dere an den obli­ga­to­ri­schen Stare Down vor einem großen Kampf erin­nern: Zwei mus­kel­be­packte Fighter stehen sich gegen­über, Zehen­spitze an Zehen­spitze, und durch­dringen ein­ander mit ihren bösen Bli­cken. Ein kleines psy­cho­lo­gi­sches Schar­mützel von durchaus großer Bedeu­tung: Wer zuerst zuckt, blin­zelt oder weg­schaut, hat (viel­leicht) schon ver­loren.

Klopps unver­fro­rener Blick, seine auf­rechte Hal­tung und seine breite Fuß­stel­lung sind nicht nur ein Signal an die geg­ne­ri­sche Mann­schaft. Der Coach des amtie­renden eng­li­schen Meis­ters führt damit auch den eigenen Spie­lern vor Augen, was er immer und in jedem Match von ihnen ver­langt: eine selbst­be­wusste Kör­per­sprache. Vor allem in seinem Antritts­jahr in Liver­pool (2015) arbei­tete Kloppo“ mit der Detail­ver­ses­sen­heit eines Schau­spiel­leh­rers an Mimik, Gestik und Hal­tung seiner Schütz­linge. Nach einigen Monaten, bei einem 3:1 gegen den damals amtie­renden Meister Chelsea, sah er end­lich, was er sehen wollte: Die Reds“, bis dato eher die tra­gi­sche Nummer der Pre­mier League, waren wieder echte Cham­pions – zumin­dest gefühlt.

Eine zweite Bestä­ti­gung

Selbst in Duellen mit Zweit­li­gisten über­lässt Jürgen Klopp in psy­cho­lo­gi­scher Hin­sicht nichts dem Zufall. Der ehe­ma­lige Derby-County-Stürmer Darren Bent (36), inzwi­schen als fach­kun­diger Co-Host bei Talk­sport“ tätig, bestä­tigt Glenn Mur­rays Schil­de­rungen von Klopps Kil­ler­blick aus eigener Anschauung: Witzig, dass Glenn das erzählt, denn 2016, als ich noch bei Derby spielte, trafen wir im League-Cup auf den FC Liver­pool (End­stand: 0:3 aus Sicht von Derby; d. Red.). Wir haben uns in der eigenen Hälfte auf­ge­wärmt, und er (Klopp; d. Red.) hat damals genau das­selbe gemacht. Er stand ein­fach da, auf halber Strecke, und schaute zu, wie wir uns auf­wärmten.“

Manch ein Gegen­über ver­liert ange­sichts dieser Masche schon die Fas­sung, bevor der Ball über­haupt rollt, wie Bent verrät: Nigel Pearson, der zur dama­ligen Zeit unser Trainer in Derby war, fragte: Was ist denn hier los?‘ Er ging zu Jürgen Klopp und blaffte: Ist alles in Ord­nung?‘ Der sagte nur Ja, ja, ja‘ und trot­tete davon.“ Klopp hatte sein Ziel längst erreicht, wie Glenn Murray ver­mutet: Er bringt alle Gegner zum Grü­beln, nicht wahr? Jeder fragt sich: Was genau schaut er sich da an? Was ist da los?‘ So schafft er es in deinen Kopf, noch ehe das Spiel beginnt.“