Der große Knall blieb aus. Dabei hatte die außer­or­dent­li­chen Mit­glie­der­ver­samm­lung der DFL am Mitt­woch durchaus Explo­si­ons­po­ten­zial zu bieten. Denn dort standen nicht nur die Rück­kehr der Gäs­te­fans, das neue Hygie­nekon­zept und die Anzahl der Aus­wechs­lungen auf der Tages­ord­nung, son­dern auch die 50+1‑Regel, die seit jeher emo­tional dis­ku­tiert wird. Sie besagt, dass Inves­toren an aus­ge­glie­derten Pro­fi­ab­tei­lungen nicht die Stim­men­mehr­heit über­nehmen dürfen. Kürz­lich hatte das Bun­des­kar­tellamt in einer vor­läu­figen Ein­schät­zung ver­kündet, dass die Grund­regel kar­tell­recht­lich unbe­denk­lich sei. Für pro­ble­ma­tisch hält das Amt hin­gegen Aus­nah­me­ge­neh­mi­gungen von der Regel, wie sie der­zeit in Lever­kusen, Wolfs­burg und Hof­fen­heim Anwen­dung finden. Einige Fan­or­ga­ni­sa­tionen hatten des­halb Kon­se­quenzen bis zum Lizenz­entzug für diese Klubs gefor­dert. Auch einige Ver­eins­ver­treter von kon­kur­rie­renden Klubs sollen laut Kicker damit gelieb­äu­gelt haben.

So weit kam es aber nicht. Wie das Fach­ma­gazin berichtet, gab es auf der Sit­zung gar keine großen Dis­kus­sionen um das Thema. Statt­dessen hätten alle Ver­eine Kom­pro­miss­be­reit­schaft sowie ein grund­sätz­li­ches Inter­esse am Fort­be­stand der Regel signa­li­siert. Doch wie geht es jetzt weiter? Welche Mög­lich­keiten gibt es? Die wich­tigsten Fragen und Ant­worten.

Welche Optionen stehen zur Debatte?

Aus einem internen DFL-Papier, das 11FREUNDE vor­liegt, geht hervor, dass die DFL vier grund­sätz­liche Hand­lungs­op­tionen in Bezug auf die 50+1‑Regel sieht. Zwei davon behan­delten eine grund­sätz­liche Abschaf­fung bezie­hungs­weise Anpas­sung der Grund­regel. Die beiden anderen nehmen die soge­nannte För­der­aus­nahme in den Fokus, wonach Inves­toren bei aus­ge­glie­derten Pro­fi­ab­tei­lungen die Stim­men­mehr­heit über­nehmen können, wenn sie den Verein über 20 Jahre unun­ter­bro­chen und erheb­lich“ geför­dert haben.

Vari­ante 1a: Strei­chung der Gesamt­regel 50+1 (Grund­regel und För­der­aus­nahmen)

Der ver­mut­lich ein­fachste, aber auch radi­kalste Weg die kar­tell­recht­li­chen Bedenken an der Regel aus­zu­räumen, wäre sie kom­plett zu strei­chen. Das ist jedoch nahezu aus­ge­schlossen. In einer Mit­tei­lung betonte die DFL, sich am Mei­nungs­bild der Klubs aus dem März 2018 zu ori­en­tieren. Damals hatten sich die Klubs mehr­heit­lich (18 Pro-Stimmen, 4 Kontra-Stimmen, 14 Ent­hal­tungen) für eine Bei­be­hal­tung der 50+1‑Regel aus­ge­spro­chen. Auch laut Kicker gibt es der­zeit keine Bestre­bungen, die Regel gene­rell anzu­greifen.

Vari­ante 1b: Modi­fi­ka­tion der Grund­regel

Ein eben­falls radi­kaler Schritt wäre es, die Über­nahme der Stim­men­mehr­heit für Inves­toren zu erlauben, aber eine bedeu­tende Min­der­heits­be­tei­li­gung“ für den Mut­ter­verein zur Auf­lage zu machen. Die DFL nennt hier als Bei­spiel das Ver­hältnis 25+1“. Damit hätte der Verein zwar immer noch ein Recht auf Mit­be­stim­mung, im Zweifel könnte er aber stets vom Investor über­stimmt werden. Auch die För­der­aus­nahmen würden mit diesem Schritt abge­schafft. Da diese Vari­ante aber eben­falls eine deut­liche Abkehr von 50+1 wäre, ist auch sie sehr unwahr­schein­lich.

Vari­ante 2a: Fort­be­stand der Grund­regel 50+1 und Strei­chung der För­der­aus­nahme

Im Vor­feld der Ver­samm­lung schien es durchaus denkbar, dass sich der ein oder andere Ver­treter eines Tra­di­ti­ons­ver­eins angriffs­lustig geben und eine harte Aus­le­gung der Kar­tell­amts­ein­schät­zung for­dern könnte. Das hatte schließ­lich nicht die Rege­lung an sich bean­standet, son­dern die Aus­nah­me­ge­neh­mi­gungen – in diesem Fall für Lever­kusen, Wolfs­burg und Hof­fen­heim. Anträge in diese Rich­tung gab es am Mitt­woch dann aber keine. Wohl auch, weil sich die Klubs im Vor­feld unter­ein­ander aus­ge­tauscht hatten. Und weil sie erkannt haben, dass ein unmit­tel­barer Angriff auf diesen Aus­nah­me­status wahr­schein­lich Klagen der betrof­fenen Klubs nach sich ziehen würde. Denn ob die 50+1‑Regel auch vor einem ordent­li­chen Gericht Bestand haben würde, ist nach wie vor frag­lich. Recht­lich bin­dend ist die Ein­schät­zung des Kar­tell­amts nicht.

Sollte die DFL die Aus­nah­me­ge­neh­mi­gung strei­chen und Lever­kusen, Wolfs­burg und Hof­fen­heim einen Bestands­schutz gewähren, stünde sie jedoch eben­falls vor einem Pro­blem. Denn der kar­tell­rechts­wid­rige Zustand der Aus­nah­me­ge­neh­mi­gungen würde dann fort­be­stehen. Des­halb setzt die DFL bei dieser Vari­ante auf den Dialog mit den betrof­fenen Klubs und dem Kar­tellamt. Denkbar sind zum Bei­spiel bestimmte Auf­lagen, damit die Ver­eine ihren Son­der­status behalten dürfen. Der Kicker bringt zum Bei­spiel ver­kraft­bare Kom­pen­sa­tionen“ ins Spiel, etwa bei der Ver­tei­lung der TV-Gelder. Das könnte Inves­toren wie Martin Kind, der bei Han­nover 96 auch gerne eine solche Aus­nah­me­ge­neh­mi­gung hätte, besänf­tigen und davon abhalten diese Geneh­mi­gung vor Gericht zu erstreiten.

Ins­ge­samt scheint diese Vari­ante recht wahr­schein­lich: Eine grund­sätz­liche Abschaf­fung der Aus­nah­me­regel mit Bestands­schutz für Lever­kusen, Wolfs­burg und Hof­fen­heim – aber eben unter Auf­lagen. Wie diese kon­kret aus­sehen, müsste die DFL dann erar­beiten.

Vari­ante 2b: Fort­be­stand der Grund­regel 50+1 und Modi­fi­ka­tion der För­der­aus­nahme

Eine wei­tere Option wäre, um die kar­tell­recht­li­chen Bedenken an 50+1 aus­zu­räumen, mehr Klubs die Mög­lich­keit zu geben, von der Aus­nah­me­re­ge­lung Gebrauch zu machen, indem etwa die Auf­lagen dafür neu defi­niert werden. So könnte die DFL den erfor­der­li­chen Zeit­raum der För­de­rung von 20 Jahren redu­zieren oder den Begriff der bisher erfor­der­li­chen erheb­li­chen Unter­stüt­zung“ kon­kreter fassen. Auch dies müsste in Absprache mit dem Kar­tellamt geschehen. De facto würde es sich bei dieser Vari­ante um eine wei­tere Auf­wei­chung der 50+1‑Regel han­deln, Inves­toren hätten es dann leichter, die Stim­men­mehr­heit zu über­nehmen. Vielen tra­di­ti­ons­be­wussten Fans würde das wider­streben. Aber es wäre mög­li­cher­weise ein Kom­pro­miss, mit dem sich alle Ver­eine anfreunden könnten.

Wer ent­scheidet letzt­end­lich über die 50+1‑Regel?

Das ist gar nicht so ein­fach. Schließ­lich ist die Regel nicht nur in den DFL-Sta­tuten ver­an­kert, son­dern auch in der Sat­zung des DFB. Zudem sind in der DFL die Ver­treter der Pro­fi­ab­tei­lungen orga­ni­siert, nicht aber die Mut­ter­ver­eine, die von einer Ände­rung ja in erster Linie betroffen wären. Diesen Umstand hatte zuletzt etwa der Han­no­ver­sche Sport­verein von 1896 e.V. als Mut­ter­verein von Han­nover 96 kri­ti­siert. Das führte zu dem kuriosen Umstand, dass der e.V. den Geschäfts­führer und erklärten 50+1‑Gegner Martin Kind für den Fall einer Abstim­mung dazu anwies, für den Erhalt der Regel und eine Abschaf­fung der Aus­nah­me­be­stim­mungen zu stimmen.

Wie geht es jetzt weiter?

Die DFL wird nun gegen­über dem Kar­tellamt schrift­lich zu dessen vor­läu­figer Ein­schät­zung zur 50+1‑Regel Stel­lung beziehen. Dabei wird sie wohl betonen, dass eine grund­sätz­liche Abschaf­fung der Regel nicht zur Debatte steht. Gut mög­lich, dass sie das Kar­tellamt bittet, in enger Absprache gemeinsam eine rechts­si­chere Kom­pro­miss­lö­sung zu erar­beiten. Dabei wird es vor allem darum gehen, die Bestim­mungen für die För­der­aus­nahmen anzu­passen – oder unter Auf­lagen zu strei­chen.