Seite 2: Der Depp und das Trauma

Auch Trainer Gareth Sou­th­gate, der im Elf­me­ter­schießen des EM-Halb­fi­nals 1996 zwi­schen Eng­land und Deutsch­land als ein­ziger ver­schoss, gibt sich cool und sagt: Wir wollen es nicht größer machen, als es ist.“ Ande­rer­seits ist es jener Gareth Sou­th­gate, der sich dafür ver­ant­wort­lich zeichnet, dass die eng­li­sche Natio­nal­mann­schaft seit Sep­tember 2020 bei jedem Zusam­men­treffen min­des­tens einmal genau das akri­bisch übt: Elf­me­ter­schießen. Spa­zier­gang von der Mit­tel­linie in den Straf­raum inklu­sive. Wes­halb es wohl nur halb im Scherz heißt, die größte Stu­di­en­samm­lung zu eben jenem Elf­me­ter­schießen liege in der Biblio­thek des St. George’s Park, der Trai­nings­stätte der eng­li­schen Natio­nal­mann­schaft.

Immerhin, so werden die bri­ti­schen Medien nicht müde zu betonen, ist Eng­land unter Sou­th­gate makellos in dieser Dis­zi­plin, hat 100 Pro­zent seiner Elf­me­ter­schießen gewinnen können. Sowohl im WM-Ach­tel­fi­nale 2018 gegen Kolum­bien, als auch im im Spiel um Platz 3 der Nations League 2019 gegen die Schweiz. Wer nun denkt, Sou­th­gate müsse es nun ange­sichts dieser Quote doch gera­dezu anlegen auf ein Elf­me­ter­schießen gegen Deutsch­land, allein schon, um sein ganz per­sön­li­ches Trauma von 1996 zu bewäl­tigen, schätzt ihn offen­kundig falsch ein. Sou­th­gate, so scheint es, schaut tat­säch­lich nur nach vorn und viel­leicht lässt es sich auch gar nicht anders leben, wenn man für einen Sommer der ver­meint­liche Depp des ganzen Fuß­ball-Mut­ter­landes war.

Ein ver­meint­li­cher Depp, an den sich dessen dama­liger Team­kol­lege Teddy She­ringham dieser Tage erin­nerte: Er war kein gewöhn­li­cher Spieler dieser Zeit, er wollte nicht aus­gehen und sich betrinken wie es viele von uns taten. Aber so war er und er wurde respek­tiert.“ Ein ver­meint­li­cher Depp, über den der Guar­dian“ nun schreibt, er habe großen Respekt für seine Arbeit ver­dient, vor allem für die her­aus­ra­gende Atmo­sphäre im und rund um das Team.

Ein Pro­blem haben die Eng­länder den­noch. Denn geht es nach dem Guar­dian“, litten auch die Fans der Three Lions“ an einer Art Stö­rung. So würden viele Anhänger monieren, die Mann­schaft habe keine fuß­bal­le­ri­sche Iden­tität ent­wi­ckelt. Dabei ist es ganz anders: Sie gefällt ihnen nur nicht.“ Eng­land spiele wie Deutsch­land früher, sehr kon­trol­liert und wahn­sinnig effi­zient.

Berti Vogts School of Suc­cess“

Und tat­säch­lich spre­chen allein die nackten Zahlen eine deut­liche Sprache und kei­nes­falls die des Spek­ta­kels. Nur Ungarn und Finn­land haben sel­tener auf das geg­ne­ri­sche Tor geschossen in der Grup­pen­phase als die Eng­länder (22 Mal). Bei denen dabei exakt zwei Tore her­aus­sprangen, womit man immerhin eben­bürtig ist mit Nord­ma­ze­do­nien. Im Gegenzug hat Tor­hüter Jordan Pick­ford kein Gegentor fressen und über­haupt ledig­lich vier Paraden zeigen müssen bisher. Die eng­li­schen Fans mögen anderes gewöhnt sein aus der Pre­mier League. Ande­rer­seits scheint es auch wieder egal, wel­chem Anlass sie ihren wun­der­schön bier­bäu­chigen Rahmen ver­leihen.

Doch ehe nun die Berti Vogts School of Suc­cess in Foot­ball“ aus­ge­rufen wird, soll Graeme Souness zu Wort kommen, einst Trainer unter anderem des FC Liver­pool, der in der Sunday Times“ erklärte, für ihn stünde bisher kein Spieler beider Mann­schaften in einer fik­tiven Elf des Tur­niers. Wes­halb das Auf­ein­an­der­treffen zwi­schen Eng­land und Deutsch­land seine Bri­sanz eher aus der Geschichte zöge, denn aus den Leis­tungen der Vor­runde.