Kevin Küh­nert, auf Ihrem Twit­ter­profil ist ein abge­wracktes Fuß­ball­sta­dion zu sehen. Was hat es damit auf sich?
Das ist das Dritt­li­ga­sta­dion von Almada, Por­tugal. Ich bin ein rie­siger Lis­sabon-Fan — also von der Stadt, nicht von einem Verein — und Almada liegt auf der anderen Seite des Tejo. Ein Freund und ich wollten dort die Christo-Statue sehen, sind mit einem Schiff rüber und auf dem Bergweg am Sta­dion vor­bei­ge­kommen. Es war nicht geplant, aber ein guter Zufall, weil wir in Lis­sabon eh immer nach einem Fuß­ball­spiel Aus­schau halten.

Wie bitte?
(Lacht.) Ja, Fuß­ball­gu­cken ist das letzte Hobby, das mir die Arbeit gelassen hat. Ich mag es zu groundhoppen. Und Fuß­ball bietet sowieso die beste Abwechs­lung, wenn man tags­über auf Tagungen hockt. Dann schaue ich Sonn­tags um 13 Uhr in die App, was noch auf dem Heimweg liegt und irgendwas findet sich eigent­lich immer.

Und wenn doch kein Fuß­ball läuft?
Dann eben Hand­ball. Oder Eis­ho­ckey. Oder Cur­ling.

Für die meisten Groundhopper gilt es, alle Sta­dien in einer Liga, in einem Land oder einem Kon­ti­nent gesehen zu haben. Wonach wählen Sie aus?
Nee, das ist bei mir völlig beliebig. Ich kata­lo­gi­siere die Sta­dien jetzt auch nicht. Alles, was ich behalte, sind die Tickets oder kleinen Abriss­kärt­chen, die ich vorne am Kas­sen­häus­chen bekommen habe. Aber zuhause werden die nicht ein­sor­tiert, son­dern fliegen alle in eine kleine Box.

Gibt es trotzdem ein Fuß­ball­land, von dem Sie schwärmen?
Tan­sania. Da habe ich meinen besten Freund besucht, als er dort stu­dierte, und wir haben uns in Dar es Salaam, der größten Stadt des Landes, das Derby ange­sehen: Yanga FC gegen Simba SC im Ben­jamin-Mkapa-Sta­dion. Völlig über­füllte Ränge, sen­gende Hitze und sehr viel gute Laune. Der Lärm­pegel war kon­ti­nu­ier­lich hoch, völlig egal, was auf dem Platz geschah. Das war eine über­ra­gende, ganz andere Fan­kultur.

Was macht für Sie einen Sta­di­on­be­such aus?
Meine Fuß­ball­so­zia­li­sa­tion hat bei Tennis Borussia Berlin begonnen, des­halb mag ich den Ama­teur­fuß­ball und ‑sport. Marode Sta­dien, gras­über­wu­cherte Steh­tra­versen — das lässt mein Herz höher schlagen. Den Reiz daran zu erklären, ist wirk­lich schwierig, aber ich beob­achte immer inter­es­siert die Dyna­miken auf einem Fuß­ball­platz in länd­li­chen Gegenden. Dort, wo das ganze Dorf noch am Spieltag zusam­men­kommt. Die Leute treffen sich, jedes ver­dammte Unter­nehmen hat eine Wer­be­bande gekauft und die Men­schen, egal wel­chen Status sie haben, sitzen alle auf der glei­chen, kleinen Tri­büne.

Sozi­al­de­mo­kra­ti­sche Utopie in Rein­form.
Naja, die findet man durchaus auch in der Bun­des­liga.

Wo denn?
Zum Bei­spiel in der Ultra­szene wäh­rend der Pro­teste um die Mon­tags­spiele. Ich glaube, dass durch die Repres­sionen ein Bewusst­sein dafür wächst, dass stell­ver­tre­tend über eine Ent­wick­lung gestritten wird, die wir in der gesamten Gesell­schaft fest­stellen. Und der Vor­teil in der Bun­des­liga ist die mediale Auf­merk­sam­keit, weil der Zirkus vor tau­senden Kameras statt­findet. Vieles, was in Fan­kurven aus­ge­han­delt wird, ist nicht viel anders als auf poli­ti­schen Demons­tra­tionen am Wochen­ende. Über­wa­chung, Kom­mer­zia­li­sie­rung, Selbst­be­stim­mung — und die über­ge­ord­nete Frage: Wem gehört das Ganze? Das ist ein Kon­flikt, der noch nicht aus­ge­fochten ist.